beinah abergläubisch an ihr fest . Solange er darin wohnte , war es ihm gut ergangen , nicht glänzender als früher , aber sorgenloser . Und das sagte er sich jeden neuen Tag . Sein Leben , so bunt es gewesen , war trotzdem in gewissem Sinne durchschnittsmäßig verlaufen , ganz so , wie das Leben eines preußischen » Magnaten « ( worunter man in der Regel Schlesier versteht ; aber es gibt doch auch andre ) zu verlaufen pflegt . Im Juli dreißig , gerade als die Franzosen Algier bombardierten und nebenher das Haus Bourbon endgültig beseitigten , war der Graf auf einem der an der mittleren Elbe gelegenen Barbyschen Güter geboren worden . Auf eben diesem Gute - das landwirtschaftlich einer von fremder Hand geführten Administration unterstand - vergingen ihm die Kinderjahre ; mit zwölf kam er dann auf die Ritterakademie , mit achtzehn in das Regiment Garde du Corps , drin die Barbys standen , solang es ein Regiment Garde du Corps gab . Mit dreißig war er Rittmeister und führte eine Schwadron . Aber nicht lange mehr . Auf einem in der Nähe von Potsdam veranstalteten Kavalleriemanöver stürzte er unglücklich und brach den Oberschenkel , unmittelbar unter der Hüfte . Leidlich genesen , ging er nach Ragaz , um dort völlige Wiederherstellung zu suchen , und machte hier die Bekanntschaft eines alten Freiherrn von Planta , der ihn alsbald auf seine Besitzungen einlud . Weil diese ganz in der Nähe lagen , nahm er die Einladung nach Schloß Schuder an . Hier blieb er länger , als erwartet , und als er das schön gelegene Bergschloß wieder verließ , war er mit der Tochter und Erbin des Hauses verlobt . Es war eine große Neigung , was sie zusammenführte . Die junge Freiin drang alsbald in ihn , den Dienst zu quittieren , und er entsprach dem um so lieber , als er seiner völligen Wiederherstellung nicht ganz sicher war . Er nahm also den Abschied und trat aus dem militärischen in den diplomatischen Dienst über , wozu seine Bildung , sein Vermögen , seine gesellschaftliche Stellung ihn gleichmäßig geeignet erscheinen ließen . Noch im selben Jahre ging er nach London , erst als Attaché , wurde dann Botschaftsrat und blieb in dieser Stellung zunächst bis in die Tage der Aufrichtung des Deutschen Reichs . Seine Beziehungen sowohl zu der heimisch-englischen wie zu der außerenglischen Aristokratie waren jederzeit die besten , und sein Freundschaftsverhältnis zu Baron und Baronin Berchtesgaden entstammte jener Zeit . Er hing sehr an London . Das englische Leben , an dem er manches , vor allem die geschraubte Kirchlichkeit , beanstandete , war ihm trotzdem außerordentlich sympathisch , und er hatte sich daran gewöhnt , sich als verwachsen damit anzusehen . Auch seine Familie , die Frau und die zwei Töchter - beide , wenn auch in großem Abstande , während der Londoner Tage geboren - , teilten des Vaters Vorliebe für England und englisches Leben . Aber ein harter Schlag warf alles um , was der Graf geplant : die Frau starb plötzlich , und der Aufenthalt an der ihm so liebgewordenen Stätte war ihm vergällt . Er nahm in der ersten Hälfte der achtziger Jahre seine Demission , ging zunächst auf die Plantaschen Güter nach Graubünden und dann weiter nach Süden , um sich in Florenz seßhaft zu machen . Die Luft , die Kunst , die Heiterkeit der Menschen , alles tat ihm hier wohl , und er fühlte , daß er genas , soweit er wieder genesen konnte . Glückliche Tage brachen für ihn an , und sein Glück schien sich noch steigern zu sollen , als sich die ältere Tochter mit dem italienischen Grafen Ghiberti verlobte . Die Hochzeit folgte beinah unmittelbar . Aber die Fortdauer dieser Ehe stellte sich bald als eine Unmöglichkeit heraus , und ehe ein Jahr um war , war die Scheidung ausgesprochen . Kurze Zeit danach kehrte der Graf nach Deutschland zurück , das er , seit einem Vierteljahrhundert , immer nur flüchtig und besuchsweise wiedergesehen hatte . Sich auf das eine oder andre seiner Elbgüter zu begeben widerstand ihm auch jetzt noch , und so kam es , daß er sich für Berlin entschied . Er nahm Wohnung am Kronprinzenufer und lebte hier ganz sich , seinem Hause , seinen Töchtern . Von dem Verkehr mit der großen Welt hielt er sich so weit wie möglich fern , und nur ein kleiner Kreis von Freunden , darunter auch die durch einen glücklichen Zufall ebenfalls von London nach Berlin verschlagenen Berchtesgadens waren , versammelte sich um ihn . Außer diesen alten Freunden waren es vorzugsweise Hofprediger Frommel , Doktor Wrschowitz und seit letztem Frühjahr auch Rittmeister von Stechlin , die den Barbyschen Kreis bildeten . An Woldemar hatte man sich rasch attachiert , und die freundlichen Gefühle , denen er bei dem alten Grafen sowohl wie bei den Töchtern begegnete , wurden von allen Hausbewohnern geteilt . Selbst die Hartwigs interessierten sich für den Rittmeister , und wenn er abends an der Portierloge vorüberkam , guckte Hedwig neugierig durch das Fensterchen und sagte : » So einen - ja , das laß ich mir gefallen . « Dreizehntes Kapitel Woldemar , als er sich von den jungen Damen im Barbyschen Hause verabschiedet hatte , hatte versprechen müssen , seinen Besuch recht bald zu wiederholen . Aber was war » recht bald « ? Er rechnete hin und her und fand , daß der dritte Tag dem etwa entsprechen würde ; das war » recht bald « und doch auch wieder nicht zu früh . Und so ging er denn , als der Abend dieses dritten Tages da war , auf die Hallische Brücke zu , wartete hier die Ringbahn ab und fuhr , am Potsdamer und Brandenburger Tor vorüber , bis an jene sonderbare Reichstagsuferstelle , wo , von mächtiger Giebelwand herab , ein wohl zwanzig Fuß hohes , riesiges Kaffeemädchen mit einem ganz kleinen Häubchen auf dem Kopf freundlich auf die