Rockes hing eine kleine Schar zerlumpter Kinder , die sich die Köpfe kratzten und einander heimliche Rippenstöße gaben . Das war die Familie des Angeklagten , die aussagen wollte , daß der Vater in jener Nacht daheim gewesen sei . Meyhöfer dehnte und streckte sich in seinem Stuhle und warf herausfordernde Blicke um sich . Er erschien sich heute mehr denn je als ein großer Mann , ein Held und ein Märtyrer zugleich . Die Tür öffnete sich , und Douglas samt Elsbeth erschienen auf der Schwelle . Meyhöfer warf ihm einen giftigen Blick zu und lachte dann höhnisch in sich hinein . Douglas achtete nicht auf ihn , sondern setzte sich in die entgegengesetzte Ecke , Elsbeth mit sich ziehend . Sie sah bleich und angegriffen aus und hatte ein schüchternes , ängstliches Wesen , das von der fremden , unbehaglichen Umgebung herrühren mochte . Sie nickte mit einem flüchtigen Lächeln nach der Mutter und den Schwestern herüber und sah Paul mit einem sinnenden Blicke an , der etwas zu fragen schien . Er schlug die Augen nieder , denn er konnte den Blick nicht ertragen . - Die Mutter machte eine Bewegung , zu ihr hinüber zu gehen , aber Meyhöfer ergriff sie beim Rocke und sagte , lauter , als es wohl nötig gewesen wäre : » Daß du dich unterstehst ! « Paul war wie gelähmt . Seine Knie bebten , auf seiner Stirn lastete ein dumpfer Druck , der ihm jeglichen Gedanken benahm . » Du wirst ihr Schande bringen , « murmelte er immerfort vor sich hin , aber ohne zu wissen , was er sagte . Drinnen im Schwurgerichtssaale begann das Zeugenverhör . Einer nach dem andern wurde aufgerufen . Zuerst kamen die Tagelöhner an die Reihe , dann der Wirt , in dessen Schenke Raudszus die Äußerungen getan , dann das zerlumpte Häuflein aus dem Winkel . - Das Zimmer fing an , sich zu leeren . - Hierauf wurde der Name des Herrn Douglas genannt . Er murmelte seiner Tochter ein paar Worte ins Ohr , die auf die Meyhöfers Bezug haben mußten , und ging mit seinen breiten Schritten von dannen . Die Hände auf dem Schoße gefaltet , saß sie nun einsam an der Wand . Eine tiefe Röte der Erregung entflammte ihren Wangen . Gar lieblich und beklommen schaute sie drein , und ihr schlichtes , wahrhaftes Wesen malte sich in jedem ihrer Züge . Die Mutter ließ keinen Blick von ihr , und bisweilen sah sie zu Paul hinüber und lächelte dabei wie im Traume . Eine Viertelstunde verrann , dann wurde auch Elsbeths Name gerufen . Sie warf noch einen freundlichen Blick zur Mutter hin , dann verschwand sie in der Tür . Ihr Verhör währte nicht lange . - » Herr Meyhöfer senior , « rief der Diener vom Saale her und sprang herzu , um Paul beim Tragen des Stuhles behilflich zu sein . Der Alte prustete und blies die Backen , dann wieder lehnte er sich mit mannhaft leisem Ächzen nach hintenüber , innerlich hocherfreut , eine so effektvolle Rolle spielen zu dürfen . Der weite Schwurgerichtssaal verschwamm vor Pauls Augen in einem rötlichen Nebel , undeutlich sah er dichtgedrängte Gesichter auf sich oder den Vater niederstarren , dann mußte er den Saal aufs neue verlassen . Die Schwestern , die bis dahin neugierig um sich geschaut hatten , fingen an , sich zu fürchten . Um die Angst zu betäuben , aßen sie die mitgebrachten Butterbrote . Paul sprach ihnen Mut zu und lehnte die Wurst ab , die sie ihm großmütig boten . Die Mutter hatte sich in einen Winkel zurückgezogen , zitterte leise und meinte von Zeit zu Zeit : » Was mögen sie aber von mir wollen ? « » Herr Meyhöfer junior , « hallte es von der Tür . Im nächsten Augenblicke stand er in dem hohen , menschengefüllten Raume vor einem erhöhten Tische , an dem etliche Männer mit strengen und ernsten Gesichtern saßen ; nur einer , der ein wenig abseits Platz genommen hatte , lächelte immer . Das war der Staatsanwalt , vor dem alle Welt sich fürchtete . Auf der rechten Seite des Saales saß gleichfalls auf erhöhten Plätzen ein Häuflein würdiger Bürger , die sehr gelangweilt dreinschauten und sich mit Federmessern , Papierschnitzel usw. die Zeit zu vertreiben suchten . Das waren die Geschworenen . Auf der linken Seite saß in einer verschlossenen Bank der Angeklagte . Er äugelte mit dem Zuschauerraum und machte ein Gesicht , als ob die Sache jeden andern anginge , nur nicht ihn . So freundlich hatte Paul den finstern Kerl noch nie gesehen . » Sie heißen Paul Meyhöfer , sind geboren dann und dann , evangelisch , « und so weiter , fragte der mittelste der Richter , ein Mann mit einem ganz kurzgeschorenen Kopfe und einer scharfkantigen Nase , indem er die Daten aus einem großen Hefte ablas . Er tat das in einem gemütlichen Murmeltone , aber plötzlich wurde seine Stimme scharf und schneidig wie ein Messer , und seine Augen schossen Blitze auf Paul hernieder . » Vor Ihrer Vernehmung , Herr Paul Meyhöfer , mache ich Sie darauf aufmerksam , daß Sie Ihre Aussage hernach mit einem Eide beschwören müssen . « Paul erschauerte . Wie ein Stich war das Wort » Eid « durch seine Seele gefahren . Ihm war zumute , als müßte er niederstürzen und sein Angesicht vor all den Späheraugen verbergen , die auf ihn niederstarrten . Und dann fühlte er allgemach eine merkwürdige Veränderung in sich vorgehen . Die glotzenden Augen verschwanden - der Saal tauchte sich in Nebel , und je länger des Richters klare , scharfe Stimme auf ihn einsprach , je eindringlicher er sich mit himmlischen und irdischen Strafen bedrohen hörte , desto mehr war ihm zumute , als sei er ganz allein mit jenem Manne in dem weiten Saale , und all sein Sinnen richtete sich darauf , ihm so zu antworten