den Ausschlag , und weder seine Blicke noch seine spöttischen Bemerkungen konnten das Glück ihres Beisammenseins stören . Ja , diese Septembertage waren voll der heitersten Anregungen , und Briefchen in Vers und Prosa , die von seiten Gordons beinah jeden Morgen an Cécile gerichtet wurden , sei ' s , um sie zu begrüßen oder ihr etwas Schmeichelhaftes zu sagen , steigerten begreiflicherweise das Glück dieser Tage . St. Arnaud seinerseits gewöhnte sich daran , diese Billets doux auf dem Frühstückstische liegen zu sehn , und leistete sehr bald darauf Verzicht , von solcher » Mondscheinpoesie « weitere Notiz zu nehmen . Er lachte nur und bewunderte , » wozu der Mensch alles Zeit habe « . Cécile selbst , voll Mißtrauen in ihre Rechtschreibung , antwortete nur selten , wobei sie sich zurückhaltender und ängstlicher als nötig zeigte , da Gordon bereits weit genug gediehen war , um in einer mangelhaften Orthographie , wenn solche sich wirklich offenbart haben sollte , nur den Beweis immer neuer Tugenden und Vorzüge zu finden . Zwanzigstes Kapitel So waren vier Wochen vergangen , als Gordon , an einem der letzten Septembertage , eine Karte folgenden Inhalts erhielt : » Oberst von St. Arnaud und Frau geben sich die Ehre , Herrn v. Leslie-Gordon zum 4. Oktober zu einem Mittagessen einzuladen . 5 Uhr . Im Überrock . U.A.w.g. « Gordon nahm an und war nicht ohne Neugier , bei dieser Gelegenheit den St. Arnaudschen Kreis näher kennenzulernen . Was er , außer dem Hofprediger , bis dahin gesehen hatte , war nichts Hervorragendes gewesen , ziemlich sonderbare Leute , die sich allenfalls durch Namen und gesellschaftlich sichere Haltung , aber wenig durch Klugheit und fast noch weniger durch Liebenswürdigkeit ausgezeichnet hatten . Beinah alle waren Frondeurs , Träger einer Opposition quand même , die sich gegen Armee und Ministerium und gelegentlich auch gegen das Hohenzollerntum selbst richtete . St. Arnaud duldete diesen Ton , ohne persönlich mit einzustimmen , aber daß er ihn überhaupt zuließ , war für Gordon ein Beweis mehr , daß es keine Durchschnitts-Duellaffaire gewesen sein konnte , was den Obersten veranlaßt oder vielleicht auch gezwungen hatte , den Dienst zu quittieren . Etwas Besonderes mußte hinzugekommen sein . Und nun war der 4. Oktober da . Gordon , so pünktlich er erschien , fand alle Geladenen , unter denen der Hofprediger leider fehlte , schon vor und wurde , nachdem er Cécile begrüßt und ein paar Worte an diese gerichtet hatte , dem ihm noch unbekannten größeren Bruchteile der Gesellschaft vorgestellt . Der Erste , dem Range nach , war General von Rossow , ein hochschultriger Herr mit dünnem Schnurr- und noch dünnerem Knebelbart , dazu braunem Teint und roten vorstehenden Backenknochen ; nach Rossow folgte : von Kraczinski , Kriegsministerialoberst und polnisch-katholisch , Geheimrat Hedemeyer , hager , spitznasig und süffisant , Sanitätsrat Wandelstern , fanatischer Anti-Schweninger , und Frau Baronin von Snatterlöw . Gordon verneigte sich nach allen Seiten hin , bis er Rosas gewahr wurde , der er sich nunmehr rasch näherte . » Wir sind hoffentlich Nachbarn ... « - » Geb es Gott . « Und nun trat er wieder an Cécile heran , um sich , wegen einiger ihm vorgeworfenen Unklarheiten in seinem gestrigen Morgenbillet , so gut es ging , zu verantworten . » Ich habe die schlechte Gewohnheit « , schloß er , » in Andeutungen zu sprechen und auf Dinge hinzuweisen , die von zehn kaum einer kennt , also auch nicht versteht . « Sie lachte . » Wie gütig Sie sind , über den eigentlichen Grund so leicht hinwegzugehen und gegen sich selbst den Ankläger zu machen . Sie wissen am besten , daß ich nichts weiß . Und nun bin ich zu alt zum Lernen . Nicht wahr , viel zu alt ? « In diesem Augenblicke wurden die Flügeltüren geöffnet , und Gordon brach ab , weil er sah , daß General von Rossow auf Cécile zukam , um ihr den Arm zu bieten . Kraczinski , Hedemeyer , Wandelstern und einige andere folgten mit und ohne Dame . Die Plätze waren so gelegt , daß Gordon seinen Platz zwischen der Baronin und Rosa hatte . » Gerettet « , flüsterte diese . » Gerichtet « , antwortete er mit einem Seitenblick auf die Baronin , eine hochbusige Dame von neunundvierzig , mit Ringellöckchen und Adlernase , die sich , ärgerlich über das Geflüster zwischen Gordon und Rosa , mit Ostentation von Gordon ab- und ihrem anderen Tischnachbar zuwandte . Sie nannte das » ihre Revanche nehmen « . Die Revanche war aber nicht von Dauer , und ehe noch das Tablett mit dem Tokaier herumgereicht wurde , setzte sie , wie das ihre Gewohnheit war , bereits höchst energisch ein und sagte mit einer ans Männliche grenzenden Altstimme : » Sie waren in Persien , Herr von Gordon . Man spricht jetzt soviel von persischer Zivilisation , namentlich seit den umfangreichen Übersetzungen Baron Schacks ( jetzt Graf Schack ) , eines Vetters meines verstorbenen Mannes . Ich kann mir aber nicht denken , daß diese Zivilisation viel bedeute , da persische Minister hier im Königlichen Schlosse , wenn auch freilich durch kulturelle Gebräuche dazu veranlaßt , eine ganze Reihe von Hämmeln eigenhändig geschlachtet und die Schlachtmesser an den Gardinen abgewischt haben . « » Ich halte dies für Übertreibung , Frau Baronin . « » Sehr mit Unrecht , mein Herr von Gordon . Ich hasse Übertreibungen , und was ich sage , ist offiziell . Übrigens mißverstehen Sie mich nicht . Ich gehöre nicht zu der Gruppe devotest ersterbender Leute , die königliche Schloßgardinen ein für allemal als ein Heiligtum ansehen . Im Gegenteil , ich hasse mißverstandene Loyalitäten . Ein freier Sinn ist das allein Dienliche wie das allein Ziemliche . Servilismus und niedrige Gesinnung sind in meinen Augen unwürdig und hassenswert . Ein für allemal . Aber Anstand und Sitte stehen mir hoch , und blutige Messer an hellblauen Atlasgardinen