doch , daß es Leute gegeben , die sie nicht getragen . Die Stelle beschäftigte ihn auf das Lebhafteste , er las sie immer und immer wieder , obwohl er dabei die Neugierde niederkämpfen mußte , wie » das Spiel ausgehen « werde . Aber wie oft er auch begeistert vor sich hinsprach : » Eine schöne Geschichte , eine wunderschöne ! Ich wollt ' , ich könnt ' sie gleich weitererzählen ! Und so sinnedig ( sinnreich ) ist sie ! « - er selbst vermochte sie nicht recht zu beherzigen , und die Mahnung » Wohlan So eifre jeder seiner unbestochnen Von Vorurteilen freien Liebe nach ! « wäre ihm unerfüllbar gewesen , auch wenn ihm ihr Sinn völlig klar aufgegangen wäre . » Wenn Nathan « , dachte er , » beweisen will , daß auch ein Jud ' , ein Christ , ein Türk ' ein braver Mensch sein kann , daß niemand glauben soll , nur er ist gut - da hat er recht . Aber wenn er vielleicht sagen will : Jeder Glaube ist der richtige - das ist , scheint mir , nicht wahr . Ich hab ' doch gewiß nichts gegen die Polen und bin schon zufrieden , wenn sie mich in Ruh ' lassen , aber daß ihre Religion so gut ist wie die meinige , kann ich nicht glauben . Denn warum bleib ' ich denn ein Jud ' , den alle schimpfen und bedrücken ? Da kann ich mich ja gleich taufen lassen ! Aber daß der Herr Lessing einen Juden so gerecht reden läßt , war doch schön von ihm . Die Leut ' hören es und denken sich dann : Warum sollen wir die Juden hassen ? - sie hassen ja auch uns nicht ... Und das ist gut , sehr gut ! Schad ' ist nur , daß nicht alle Polen Deutsch verstehen ! « Denn daß die Mahnung auch anderwärts nötig sein könnte , fiel ihm nicht bei . Hatte doch auch Nadler gesagt , daß die Juden heutzutage nirgendwo mehr so bedrückt seien , wie in Galizien ! Als er endlich nach mehreren Wochen mit der Dichtung fertig war , legte er sie mit sehr gemischten Empfindungen aus der Hand . Es kränkte sein Selbstgefühl , daß ihm so vieles unverständlich geblieben ; er räumte in Gedanken ein , daß dies nicht des Dichters Schuld sei , aber ärgerlich war es doch und verdarb ihm die Freude an dem Werke . Auch mißfiel ihm , daß die Leute seines Erachtens gar so viel redeten und zu wenig handelten - es ging doch zu wenig vor - kein Kampf , keine Schlacht , nicht einmal eine richtige Liebesgeschichte war darin . Eine Ahnung der sittlichen Größe der Dichtung überkam freilich auch ihn - » Er muß doch wirklich ein feiner Mensch gewesen sein « , urteilte er über den Dichter , » und gegen alle gut , nicht bloß gegen uns Juden . Aber daß er es auch gegen uns war , werd ' ich ihm nie vergessen ! « Darum empfand er es auch peinlich , daß ihm von jenen beiden » Spielen « , die er kannte , der » Nathan « nicht ganz so gut gefiel , als der » Schajelock « , obwohl doch in diesem die Juden nicht so gut wegkommen . Und wenn er gar nachdachte , wen er lieber darstellen wollte , den wilden , rachegierigen » Schajelock « oder den edlen , milden Nathan , so gab er vollends mit aller Entschiedenheit der unedleren Gestalt den Vorzug . » Nathan « , sagte er sich , » ist zwar der Bessere , aber er redet immer ruhige , vernünftige Sachen und hat keine großen Leiden und keine großen Freuden , Schaje aber - der kann immer schreien und herumlaufen und dies und jenes tun . Nathan wäre leichter zu machen , aber Schaje wäre mir doch lieber ! Natürlich aber den Schluß , den müßte ich machen , wie ich will ! « Das nächste , worüber er nun geriet , war » Emilia Galotti « . Aber hier kam kein Jude vor , und in diesem seinen Intriguennetze vermochte sich der arme Sender vollends nicht mehr auszukennen , so peinliche Mühe er sich auch gab . Auch war ihm natürlich die Sprache zu gebildet . Da las er zum Beispiel die Szene zwischen dem Fürsten und dem Maler , las sie wohl an die zehn Male , und begriff noch immer nicht , worüber die Herren sich eigentlich unterhielten . Je weiter er kam , desto dunkler ward es um ihn , und schließlich wurden ihm die feingefügten Szenen zu einem Irrgang , in welchem er nur noch aus Pflichtgefühl umherschlich . Brennend empfand er die Sehnsucht nach einem Lehrer und Rater , und dabei dämmerte ihm auch zuweilen die Erkenntnis auf , daß dieses Lesen von » Spielen « vielleicht doch nicht jenes » Lernen « sei , welches ihm der Direktor in Czernowitz so dringend ans Herz gelegt . Tag für Tag fand er sich ums Mittagsläuten pünktlich an der Tartarenpforte ein , aber von Tag zu Tag zaghafter und betrübter . Hiezu kam noch eine äußere Bedrängnis . Der Winter war hereingebrochen , und das ist ein grimmiger Gast in der großen Ebene , welche schutzlos dem Nord- und Ostwind preisgegeben ist . Im Saale der Bibliothek herrschte die Temperatur eines wohlgepflegten Eiskellers . So oft Sender die Treppe emporstieg , klapperten ihm schon beim bloßen Gedanken an diese Kälte die Zähne , und während der beiden Stunden mußte er wie wahnsinnig auf und ab rennen , stampfen und um sich schlagen , um nicht zu erstarren . Der alte Fedko , der bisher weder im Städtchen noch im Kloster durch eine besondere Zauberei beängstigt worden und daher immer mehr zu der Überzeugung kam , daß sein armer Senderko nur eben ein stiller Wahnsinniger sei , Fedko also fühlte Mitleid mit » diesem