gekräuselten Oberlippe , die üppige Lockenwelle , welche dem steifen Zopfband widerstrebte , und endlich jene sichere Lässigkeit in Tracht und Haltung , die nur denen natürlich ist , deren Herablassung als Huld betrachtet wird . Mein biederer Vater in seiner Zwangsjacke und standfesten Würde spielte in meinen Augen eine ärgerlich komische Figur neben diesem Liebling der Grazien im bequemen , halbgeöffneten Kollett . Es war der erste Blick , mit dem ich diesen vollen Eindruck erfaßte , und ich begriff während dieses ersten Blicks die Erinnerungslust meiner achtzigjährigen Reckenburgerin , wenn der Sohn ihres Ungetreuen seinem Vater ähnlich sah : aber seltsam - sollte es ein Ahnen der Zukunft gewesen sein ? - , während dieses ersten , kurzen Blickes surrte es vor meinen Ohren wie die Totenklage des Hadrian , die mir der Prediger neulich so beweglich geschildert hatte , denn ein Schönerer als dieser Antinous konnte das kaiserliche Künstlerauge nicht erquickt haben . Als der Vater meinen Namen nannte , stutzte der Prinz , der noch eben , nachlässig mit dem Spitzentuche grüßend , an meiner Nachbarin vorübergeglitten war . Er pausierte einen Moment , ein vertrauliches Lächeln auf den Lippen , so , als ob er einem alten Bekannten begegnet sei ; dann ging er weiter , vorstellend und sich neigend , die Reihe entlang . Die Polonäse hob an . Der Prinz führte meine Mutter durch den Saal , bei weitem zu kurz und kunstlos für die Mode der Zeit . Jetzt entstand eine Pause ; die Großwürdenträgerinnen erwarteten gespannt eine Näherung des gefeierten Gastes und zuckten unverhohlen die Achseln , als sie ihn , nachdem er bereits der verwitweten Exzellenz vom Hofmarschallamt die Gattin seines Rittmeisters vorgezogen hatte , jetzt raschen Schrittes sich deren Tochter zuwenden sahen . » Sie kommen von Reckenburg , Gnädigste ? « so redete er mich mit dem vorigen vertraulichen Lächeln an . » Wie geht es meiner Exmama ? Unsterblich , so sagt man - - « » Unentkräftet mindestens , Durchlaucht , und unermüdet , « antwortete ich . » Auch unersättlich , gelt , und unerbittlich über ihren lydischen Schätzen ! Nun , auch Krösus hat ja endlich seinen Solon gefunden . Wollen Sie nicht Ihre Weisheit geltend machen , Gnädigste , um wenigstens einen armen Schuldner von seiner Sklavenkette zu befreien ? « Ich kann nicht sagen , daß diese kameradschaftliche Einführung besonders nach meinem Geschmack gewesen wäre . Aber ich merkte kaum auf den Sinn der leichtfertigen Plauderei ; ich lauschte nur dem musikalischen Klang , der biegsamen , impulsiven Melodie der Stimme , die gleich einem Zauber das Herz umspann . Das Orchester hob während der letzten Worte die Weise eines Wiener Walzers an , und ich las in den neidischen Blicken meiner Mitschwestern , daß man den Prinzen für meinen Partner hielt . Der brave Vortänzer stürzte sich heldenmütig auf die beleidigte Frau Amtmännin , um sie für diese neue Bevorzugung seiner Familie nach Leibeskräften zu entschädigen . Auch ich erwartete , daß mich der Prinz in die Reihe führen werde , und ich erwartete es mit zitternder Lust . Da er aber keine Miene machte , sich vom Platze zu rühren , ließ ich mich ruhig in einer Sofaecke nieder . » Sie tanzen nicht ? « sagte der Prinz , indem er sich an meine Seite setzte . » Desto besser . So plaudern wir und machen unsere Glossen . « Die Paare drehten und wiegten sich an uns vorüber ; keines entging dem prinzlichen Spott . » Nicht eine Physiognomie ! nicht eine frische Natur ! « rief er endlich verdrossen . » Und alles das rühmt sich , nach Gott-Vaters Ebenbilde geschaffen zu sein . Wie haben Sie es fertiggebracht , Fräulein von Reckenburg , inmitten dieser Larven , unter diesen platten , toten Herkömmlichkeiten Sie selbst zu bleiben ? « » Ich bin zum erstenmal in Gesellschaft , « konnte ich zu antworten mich nicht enthalten . Aber ich tat es mit leidlichem Humor , denn ich saß einem Spiegel gegenüber und begriff , wie viele Sommer er der meergrünen Brokatträgerin zusprechen mochte . » Oder wie werden Sie es fertigbringen ? « verbesserte er sich . » Nun , auch Durchlaucht werden es ja fertigbringen müssen , « sagte ich lächelnd . » Ich ? Nein , beim Zeus , ich wahrlich nicht ! « rief er aus . » Man hat mich hier an die Kette gelegt . Aber wähnt mein würdiger Vormund von Sachsen , daß der erste Kanonenschuß am Rhein diese Kette nicht sprengen wird ? Endlich , endlich ist es ja so weit ! O der Schmach , daß Franz von Österreich nach väterlichem Exempel zögern konnte , bis sein unglücklicher Ohm unter der Tortur seiner jakobinischen Häscher ihm seine Horden entgegentreibt ! Schmach , ewige Schmach , daß dieser , unser baldiger Kaiser , heute noch sich windet und krümmt wie ein Aal . Aber gottlob ! König Friedrich Wilhelm ist Feuer und Flamme , jenen Häschern die Daumschrauben anzusetzen . Stelle er sich an die Spitze der Armee , rufe er sein Vorwärts , und wenigstens wir , das heißt die Legion deutscher Fürsten ohne Land , werden nicht säumen , um unter Friedrichs Banner dem Erben des heiligen Ludwig seine königliche Freiheit zurückzuerobern . « Auf diese Weise zwischen Scherz und Pathos plauderte mein junger Held unter dem Rauschen des Wiener Walzers harmlos seine Zukunftspläne aus . Ich wußte ja , wie kriegerisch sein Sinn gestellt sei . Nur daß er damit umgehe , in preußische Dienste zu desertieren , mußte mich wundernehmen . Und so entblödete ich mich denn auch nicht , ihn daran zu erinnern , daß eine Schwenkung just in dieses Lager wenig Anklang in sächsischen Herzen finden werde . » Habe ich eine eigene Armee ins Feld zu führen ? « versetzte er lachend . » Oder soll ich darauf warten , bis das heilige römische Reich deutscher Nation sich auf seine Pflicht - bah