sie sich selbst nicht mehr ! « grollte das Mädchen flüsternd . » Da zerreißt sie , was sie gerade unter den Händen hat , und schlägt auch ohne Gnade und Barmherzigkeit zu - das weiß der arme , kleine Tropf da recht gut . « Felicitas drückte das Kind an ihre Brust , als müsse sie es vor den Zornausbrüchen der leidenschaftlichen Mutter schützen ; ihre Besorgnis war jedoch ohne Grund . Die Stimme der Regierungsrätin klang plötzlich in ihrer Glockenreinheit vom Vorsaale her ; sie plauderte heiter mit dem die Treppe herabkommenden Rechtsanwalt , und als sie bald darauf das Schlafzimmer wieder betrat , war ihr Aussehen schöner und anmutiger denn je . Die Zornröte lag noch als zart hingehauchter Karmin auf den sanft gerundeten Wangen , und wer hätte bei dem ganzen lieblichen Gesichtsausdruck den auffallenden Glanz der Augen für etwas anderes , als die erhöhten Regungen einer schönen weiblichen Seele halten mögen ? 16 Als Felicitas auf das Ersuchen des Professors hin den Platz an Annas Bett wieder einnahm , hätte sie nicht gedacht , daß sie ein vieltägiges Wärteramt antrete - die Kleine wurde gefährlich krank und litt weder ihre Mutter noch Rosa in ihrer Nähe ; nur der Professor und Felicitas durften sie berühren und ihr die Medizin reichen . In ihren Fieberphantasien spielte das zerrissene Batisttuch eine große Rolle . Der Professor hörte mit Verwunderung die Angst- und Furchtäußerungen des Kindes und jagte mehr als einmal durch seine eindringlichen , forschenden Fragen die Röte des Schreckens und der Verlegenheit in das Gesicht der Regierungsrätin . Sie blieb aber , von Rosa unterstützt , stets bei dem Ausspruche , daß Aennchen einen schlimmen Traum gehabt haben müsse . Felicitas fand sich rasch in ihre Aufgabe als Pflegerin , obgleich ihr dieselbe anfänglich durch den stündlichen Verkehr mit dem Professor sehr erschwert wurde , aber die Sorge um das Leben des Kindes , die sie mit ihm teilte , half ihr schneller über das Peinliche ihrer Situation , als sie meinte . Es kam ihr selbst höchst wunderbar vor , wie gut sie ihn in seinem Wesen als Arzt verstand . Während er den anderen , selbst der Mutter des Kindes , undurchdringlich erschien , wußte sie stets sofort , ob er die Gefahr gesteigert fand oder Hoffnung schöpfte . Deshalb bedurfte es aber auch fast nie eines erklärenden Wortes seinerseits , um sie auf das eingehen zu machen , was der Augenblick erheischte . Er wechselte mit ihr im Nachtwachen ab , allein auch tagsüber war er sehr viel im Krankenzimmer . Stundenlang saß er geduldig neben dem Bettchen und legte seine Hände abwechselnd auf die Stirne des Kindes - dann ruhte es still und unbeweglich , es mußte eine eigentümlich beschwichtigende Kraft in diesen Händen liegen . Unwillig und tief erregt suchte das junge Mädchen die vergleichenden Gedanken abzuschütteln , die sie beschlichen , wenn sie , unfern von ihm sitzend , ihn schweigend beobachtete . Das waren noch dieselben unregelmäßigen , harten Linien des Gesichts , dieselbe wuchtig hervortretende Stirne , über welche das dicke Haar peinlich sorgfältig zurückgeschlagen lag - es waren dieselben Augen , dieselbe Stimme , alles in allem der Schrecken ihrer Kindheit , aber den finster asketischen Zug , der einst den Jünglingskopf so unjugendlich und abstoßend hatte erscheinen lassen , suchte sie vergebens ... Von jener nicht schön geformten , jedoch bedeutenden Stirne ging es aus wie ein mildes Licht , und wenn sie hörte , wie er dem aufgeregten Kinde mit unaussprechlich sanfter Stimme beschwichtigend zuredete , so konnte sie sich nicht verhehlen , daß er seinen Beruf in seiner ganzen Heiligkeit erfasse . Er stand nicht mit kalt-grausamem Achselzucken den unvermeidlichen Schmerzen anderer gegenüber , suchte nicht allein den Körper vor der Vernichtung zu retten - die bangende Seele fand an ihm eine Stütze ; sie las das Mitgefühl in seinen Augen und schöpfte Mut und Trost aus seiner Stimme . Er hatte die Sprache in seiner Gewalt , wie selten ein Mensch . Es standen ihm Klänge und Worte zu Gebote , die das Herz des jungen Mädchens wie elektrische Schläge berührten ... Wer dachte in solchen Augenblicken an seine unschönen , eckigen Bewegungen , an sein abstoßendes Wesen im geselligen Verkehr ? Da war er eine sittlich schöne Erscheinung , ein Mann im Bewußtsein großer moralischer Kraft , der rastlos denkende und kämpfende Vermittler zwischen den zwei erbitterten Gegnern » Leben und Tod « ... Aber mochten auch alle diese Gedanken versöhnend an ihr vorüberziehen , die Schlußbetrachtung war dieselbe : » Er fühlt und denkt menschlich , er hat Erbarmen mit dem hilflosen Zustande des geringsten Nächsten - das verfemte Spielerskind hat mithin doppelten Grund , ihn zu verabscheuen , denn ihm war er ein mitleidsloser Unterdrücker , ein vorurteilsvoller , ungerechter Richter « . Er hatte bei dem jetzigen täglichen Verkehr nicht ein einziges Mal jenen weichen Ton wieder angeschlagen , der ihr schrecklich war , und gegen welchen sie stets mit den Waffen des Trotzes und der Zurückweisung kämpfte . Er hielt die kalt höfliche Freundschaft fest , die er seit dem letzten Gespräch mit ihr angenommen , und auch diese lag mehr in seinem Gesichtsausdruck als in seinen Worten , denn die unerläßlichen Fragen ausgenommen , sprach er fast nie mit ihr . Einen schweren Stand hatte er der Regierungsrätin gegenüber . Sie gebärdete sich anfänglich wie unsinnig und wollte es durchaus nicht zulassen , daß Felicitas ihre und Rosas Stelle am Krankenbett einnehme ; es bedurfte seiner ganzen Entschiedenheit , um sie zur Ruhe zu bringen . Dagegen ließ sie es sich durchaus nicht nehmen , alle Augenblicke den von dem Kinde so sehr gefürchteten Lockenkopf lauschend zur Thür hereinzustecken , sonderbarerweise traf es sich dann stets , daß ihr Kousin und Felicitas zusammen im Krankenzimmer waren ... Sie weinte und rang die weißen Hände - es gibt kein menschlisches Gesicht , das in wahrhaft schmerzlicher und angstvoller Aufregung schön unter einem Thränenerguß bliebe , mögen die Dichter