voll Glut und Leidenschaft , mit welchem Hollfeld gestern auf sie zugeeilt war ... sie gedachte des Abscheues , den sie bei seiner Berührung empfunden hatte , und meinte innerlich , es sei nicht so schwer , sich in den Zustand der Verfolgten zu denken . » Na , Kind , « weckte sie der Onkel aus ihrem Nachsinnen , » willst du da drunten das Gras wachsen hören , weil du so lautlos stehen bleibst ! « Vor seinen klaren Augen und der kräftigen , biederen Stimme verflog im Nu das Grauen . » Nein , Onkel , « entgegnete sie lachend , » den Versuch will ich doch lieber bleiben lassen , wenn ich mir auch einbilde , für das Leben und Weben in der Natur ganz besondere Augen und Ohren zu haben . « Er nahm sie bei der Hand und führte sie den anderen nach , die eben das Haus betraten . Oben an der Treppe kam Bella auf Miß Mertens zugelaufen ; sie hatte in der einen Hand verschiedene Bilderbücher , und mit der anderen zog sie ihre Gouvernante in Elisabeths Zimmer . » Denken Sie sich , Miß Mertens , hier oben sieht man doch unser Schloß ! « rief sie . Der Begriff vom Eigentumsrechte in dieser Richtung hin saß fest in ihrem Köpfchen ; kein Wunder , die Art und Weise , wie die Mama das Zepter bisher geführt hatte , ließen ja selbst die Erwachsenen nicht im Zweifel , daß sie sich als die unumschränkte Herrin in Lindhof ansehe . » Sehen Sie dort unten den Weg ? « fuhr Bella lebhaft fort , » da ist eben Onkel Rudolf vorübergeritten . Er hat mich erkannt und mir mit der Hand zugewinkt ; die Mama wird froh sein , daß er wieder gut mit mir ist . « Miß Mertens ermahnte sie , nun aber auch hübsch artig zu bleiben , jetzt aber Hut und Mantel zu holen , denn es sei Zeit aufzubrechen . Elisabeth und Ernst begleiteten sie bis an den Park . » Wir haben uns zu lange aufgehalten , « bemerkte Miß Mertens mit besorgtem Gesichte , als sie am Mauerpförtchen von Ferbers Abschied genommen hatte und herauf auf die Waldblöße trat . » Ich mache mich für heute noch auf Sturm und böses Wetter gefaßt . « » Sie meinen , die Baronin werde ungehalten sein über Ihr langes Ausbleiben ? « » Ohne Zweifel . « » Nun , lassen Sie sich dies trotz alledem nicht reuen ... Wir haben jedenfalls einen reizenden Nachmittag verlebt , « meinte Reinhard heiter . Die Kinder waren Hand in Hand vorausgegangen und verschwanden hier und da seitwärts im Gebüsche , um Blumen zu suchen . Hektor , der seinem Herrn untreu geworden war und sich der Gesellschaft angeschlossen hatte , sprang lustig mit ihnen hin und her , wobei er jedoch nicht unterließ , dann und wann zu Elisabeth - der Dame seines Herzens , wie der Onkel immer sagte - zurückzukehren , um sich den Kopf streicheln zu lassen . Plötzlich stutzte er und blieb mitten im Wege stehen . Man war bereits in der Nähe des Parkes ; durch das Gebüsch schimmerte das leuchtende Grün der Rasenflächen herauf , und das Plätschern der nächsten Fontäne wurde hörbar . Hektor hatte etwas entdeckt , und das war eine weibliche Gestalt , die mit hastigen Schritten den Hinabwandelnden entgegenkam . Elisabeth erkannte sie sogleich als die stumme Bertha , obgleich ihr die ganze Erscheinung merkwürdig verändert erschien . Das junge Mädchen mußte keine Ahnung von der Nähe anderer haben , denn sie gestikulierte im Weiterschreiten heftig mit den Armen ; eine dunkle Röte bedeckte ihre Wangen , die Augenbrauen waren wie im tiefsten Seelenschmerze zusammengezogen , und die Lippen bewegten sich im leisen Selbstgespräche . Das weiße , blumengeschmückte Hütchen war von den Flechten herabgesunken und hing mittels der Bänder am Halse ; infolge der heftigen Bewegungen jedoch lösten sich auch diese , und es fiel auf den Boden , ohne daß die Eigentümerin es bemerkte . Sie lief vorwärts , und erst in dem Augenblicke , als sie dicht vor Elisabeth stand , schlug sie die Augen auf . Entsetzt , als habe sie auf eine Natter getreten , fuhr sie zurück . In dem Momente aber auch verwandelte sich ihr schmerzlicher Gesichtsausdruck in den der tiefsten Erbitterung . Ihre Augen sprühten Haß , ihre Hände ballten sich krampfhaft , während ein zischender Laut über die Lippen glitt ; es sah aus , als wolle sie sich wütend auf das junge Mädchen stürzen ... ... Reinhard stand sofort neben Elisabeth und zog sie einen Schritt zurück . Als Bertha ihn erblickte , stieß sie einen leisen Schrei aus und rannte blindlings in das Gebüsch , durch welches sie sich gewaltsam Bahn brach , obgleich ihre Kleider an den Dornen hängen blieben und niederhängende Aeste gegen ihre Stirn schlugen ... in wenig Augenblicken war sie im Dickicht verschwunden . » Das war ja die Bertha aus dem Forsthause ! ? « rief Miß Mertens erstaunt . » Was muß ihr geschehen sein ? « » Ja , was mag vorgefallen sein ? « wiederholte Reinhard . » Die junge Person war in einer furchtbaren Aufregung , schien aber erst in die höchste Wut zu geraten bei Ihrem Anblicke , « wandte er sich an Elisabeth . » Sie ist Ihnen verwandt ? « » Eigentlich nicht , « entgegnete das junge Mädchen , » denn sie steht nicht einmal meinem Onkel in dieser Beziehung sehr nahe . Ebensowenig ist sie mir bekannt . Sie hat meine Nähe von Anfang an konsequent gemieden , obgleich ich einen freundschaftlichen Verkehr mit ihr eine Zeitlang sehr gewünscht habe ... Es ist klar , daß sie mich haßt , aber ich weiß nicht , weshalb ; das müßte mich eigentlich betrüben , allein ihr Charakter gefällt mir zu wenig , als daß ich einen besonderen Wert auf ihre Gesinnung gegen mich legen