die Dinge der Erde richtiger betrachten magst , als wir . « » Sage das dem Vater , lieber Uriel ! « sagte sie . Er wollte sie nicht verstehen . Er wollte da bleiben , in dem stillen Zimmer , wo er nichts sah , nichts hörte , nichts dachte , nichts wußte , als sie ! gleichviel ob mit Schmerz , mit Leid , mit Freude , mit Wonne , nur sie ! das war genug . Er liebte sie eben . Da stand Regina auf , legte ihre Hände bittend zusammen und winkte so leise mit ihrem Blick nach der Türe , daß man ihr recht tief in ' s Auge sehen mußte , um sie zu verstehen . Uriel gehorchte der leisen Bewegung ihrer Augenwimpern ; er ging ; aber er sagte : » Weil Du meine Königin bist , Regina . « Der Graf hörte Uriels Bericht gelassen an und sprach tief seufzend : » Wir müssen uns mit Geduld waffnen . Es ist eine gute Vorschule für Deinen Eintritt in den Ehestand . Welch ein Maß der Geduld man der Frau gegenüber haben muß , davon weiß nur der Eheherr ein Lied zu singen ! Heute Migräne , morgen Nervenweh , übermorgen ein Raptus für eine höchst gleichgiltige Sache und übermorgen gegen eine sehr wichtige ! Bald Enthusiasmus ohne Ziel , bald Abneigung ohne Grund ! Jetzt Tränenströme um ein Nichts , dann Skrupel um ein Garnichts ! Zur Ehre der Wahrheit muß ich sagen , daß ich von dem allen bis jetzt keine Spur bei Regina gefunden habe ; allein der Trotz , der Eigensinn , die bei ihr zum Vorschein kommen , zeigen deutlich , daß es Dir an einem Hauskreuz nicht fehlen wird , was freilich kein Verliebter glaubt ! Nun wollen wir aber ihrem Trotzkopf einen so weiten Spielraum öffnen , daß er vor Ermüdung zusammenbrechen muß . Ich werde ihr erklären , daß ich ihre Klosteridee auf eine zehnjährige Prüfung setze . Das hält sie nicht aus ! Nichts macht die gespannten Kräfte so gründlich morsch , als langes Warten in ' s Blaue hinein . Ein Jahr , auch zwei und sogar drei Jahre warten auf die Erfüllung des Lebensglückes , das hat etwas Reizendes , davor schreckt niemand zurück ; allein zehn Jahre .... « - » Lieber Onkel ! « unterbrach ihn Uriel , » ich warte mit Freuden zehn Jahre auf Regina . « » Die Freuden werden doch wohl mit einiger Ungeduld vermischt sein , « entgegnete der Graf . » Uebrigens findest Du denn doch am Ende von zehn Jahren in Regina eine Realität ; aber was würde sie bei ihren Karmelitessen finden ? eine Chimäre , vor der sie selbst sich entsetzen würde . Das wird sie auch schon einsehen und zu rechter Zeit Kehrt machen . « Er kündigte ihr seinen Entschluß an . » Zehn Jahre sollst Du Dir die Welt und die Menschen ansehen und Dich besinnen über Glück und Pflicht , « sagte er . » Und dann darf ich mit Deiner Einwilligung zu den Karmelitessen ? « fragte Regina gespannt . » Ja , « sagte der Graf ; » wenn Du uns allen während zehn Jahren das Leben verbittert hast , anstatt es , wie eine gute Tochter , zu verschönern : dann will ich Dir erlauben , Deine Verkehrheit in einem beliebigen Kloster zu beweinen . « Regina sank vor dem Grafen auf die Knie und bedeckte seine Hände mit Küssen und Tränen , indem sie rief : » O , mein lieber Vater ! wie dank ' ich Dir ! so ist es recht ; so muß es sein : über allerlei Dornen geht mein Weg ; aber ich komme zum Ziel .... ich danke Dir . « Was war mit einer Person anzufangen , die sich für jedes rauhe Wort bedankte und in jeder Strenge eine Gnade sah ! Dieser Charakter ging über des Grafen Maßstab und Erfahrungen so weit hinaus , daß es ihm manchmal ganz unheimlich war , der Vater einer solchen Tochter zu sein . Er teilte inzwischen der ganzen Familie die Parole aus , um einen Chor der Klage über Regina ' s Entschluß zu bilden : die Baronin Isabelle , Corona , Orest , Florentin , sogar einige der alten treuen Dienstboten , deren Leben mit dem Leben der Familie zusammen gewachsen war , und die mit einem rührenden Gemisch von Stolz und Zärtlichkeit die Kinder des Hauses » unsere Kinder « nannten ; alle sollten bei jeder passenden Veranlassung ein Klagelied anstimmen über die Kalamität , welche Regina über ihre ganze Familie verhänge , was natürlich ihrem Herzen sehr wehe tun mußte . Und mit seltener Übereinstimmung gingen alle auf die Absicht des Grafen ein , jeder in seiner Weise . Niemand machte ihr Vorwürfe , aber niemand - Levin und Hyazinth ausgenommen - sympathisierte mit ihr . Wie mit einer Kranken , deren elenden Zustand man beweint und auf deren Genesung man sehnlichst hofft , ging man mit ihr um . Und keineswegs auf Befehl des Grafen , sondern aus eigenem Antrieb ! Er hatte nur die allgemeine Gesinnung gleichsam organisiert und in eine und dieselbe Richtung gewiesen . Das vollkommene Opfer ist eben die Sache , von welcher der göttliche Heiland gesagt hat ; » Wer es fassen kann , der fasse es . « Damit ist ausgesprochen , daß wenige es verstehen werden , und eine Sache , die kein Verständnis findet , leidet Widerspruch . Nur für Hyazinth wurde sie die Veranlassung , seinen Entschluß zur Reife zu bringen und auszusprechen . Er wollte in den geistlichen Stand treten und bat den Onkel Levin , dem Grafen diese Mitteilung zu machen . Es geschah . » Mein Gott ! « seufzte der Graf tief niedergeschlagen , » welch ein Geist übertriebener Frömmigkeit fährt denn gerade in meine armen Kinder und fanatisiert sie ! .... Hyazinth geistlich ! der blutjunge Mensch ! Es ist