Die frühe Dämmerung des Septemberabends brach schon herein , als eine vermummte Frau an dem » schönen Brunnen « vorüber schlich in die Winklerstraße , um von hier in das Hinterhaus des Pirkheimer ' schen Hauses zu gelangen , in dem sich des Goldschmieds Albrecht Dürer Wohnung und Werkstatt befand . Die Gesellen waren aus derselben entlassen , aber der Meister arbeitete noch allein in dem dumpfen Gewölbe bei einer kleinen Flamme , die ihm zugleich Licht und für seine Arbeit die nöthige Hitze gab . Eben hatte er ein Silberstäbchen an die Flamme gehalten , die sein ehrliches , von Sorgen und Arbeit gefurchtes Gesicht beleuchtete , als es draußen pochte Die Störung kam ihm ungelegen und sein Herein klang nicht etwa freundlich . Darauf trat eine weibliche Gestalt ein , von einem brauen Mantel umhüllt und über den Kopf ein großes schwarzes Tuch , das auf dem Kinn zusammengeknüpft , auch über die Stirn so weit vorstehend herunterhing , daß von dem darunter befindlichen Gesicht nicht viel mehr zu sehen war als eine spitzige Nase und ein großer Mund mit schadhaften Zähnen . » Guten Abend , Meister Dürer , « sagte die Eintretende ; » es ist wohl ein wenig spät , daß ich komme , aber ich hab ' versprechen müssen , meinen Auftrag nur an Euch allein auszurichten , darum wählt ' ich die jetzige Zeit . Aber ehe ich meine Bestellung mache , müßt Ihr mir versprechen auch keiner Seele weder jetzt noch künftig ein Wort davon zu sagen . « Der Goldschmied dachte : das wird auch eine rechte Bestellung sein , welche diese Frau für mich hat - vielleicht aus Silberhellern einen Ring zu machen , oder wer weiß , ist es nicht Schlimmeres ? ist es nicht vielleicht gestohlenes Gut , das sie bei mir verwerthen will oder umschmelzen lassen ? Er hatte oft solche Versuchungen zu bestehen , und hatte sie immer mit der ganzen Kraft einer redlichen Seele tapfer bestanden , wenn auch der verheißene Gewinn noch so groß und die Sorge noch größer war , wie er sein Weib und seine achtzehn Kinder vor Mangel und Noth behüten möchte . Darum sagte er auch jetzt : » Das Versprechen zu schweigen gebe ich nur dann , wenn ich es mit gutem Gewissen halten kann . Ist das bei Euch der Fall , so ist ein Wort so gut wie tausend , ich verspreche zu schweigen und schweige . Ist ' s aber keine ehrliche Sache , so sag ' ich Euch voraus , daß weder Furcht noch Gewinn , weder Bitten noch Drohungen mich abhalten werden , sie an ' s Tageslicht zu bringen . Ueberlegt es Euch also vorher , ob ich der rechte Mann für Euch bin oder nicht . « » Der seid Ihr ganz gewiß , Meister Dürer , « antwortete das Weib ; » ganz Nürnberg weiß , daß es keinen ehrlicheren Gold- und Silberschmied hier giebt denn Euch , Ihr werdet also schweigen ? « » Bei jedem ehrlichen Handel , ich bin keine Plaudertasche , « antwortete der Meister . » Nun denn , « begann die Frau , » nicht wahr , die schöne Rose von Rubinen und Smaragden in lauterm Golde gefaßt , die unser allergnädigster König Max der Scheurlin zum Geschenk gemacht , ist von Eurer Arbeit ? « » Allerdings , « antwortete der Goldschmied , » ich darf mich dessen rühmen . « » Hab ' t Ihr sie noch treu im Gedächtniß ? « fragte die Frau . » Gewiß , « antwortete Dürer ; » ich habe sie ganz allein selbst gefertigt , und vergesse nie , was meine Hände mit so viel Mühe gearbeitet . Mein Sohn Albrecht hatte mir die Zeichnung dazu gemacht und die habe ich auch noch . « » Desto besser , « antwortete die Fremde ; » nun denk ' t Euch das Unglück : die Scheurlin hat die Rose verloren - « Dürer ward blaß vor Schrecken und Aerger . » Wie kann man ein solches Kleinod verlieren ! « rief er entrüstet ; » diese leichtsinnigen Weiber ! Diese kostbaren Steine ! dieses Kunstwerk , an dem ich so viel Tage und Nächte mit Fleiß und Mühe gearbeitet , vielleicht im Staube zertreten ! « » Ich glaube , es ist noch schlimmer ! « sagte die Frau mit Achselzucken . » Sie hat sie in die Pegnitz fallen lassen , und darum keine Hoffnung sie jemals wieder zu bekommen . Darum verschweigt sie auch den Verlust , um sich nicht lächerlicher vor den Leuten zu machen , die ihr des Kaisers Gunst beneideten ; am ängstlichsten verbirgt sie ihn aber vor ihrem Mann , und damit er denselben nie entdecke , wünscht sie , Ihr möchtet ihr eine ganz gleiche Nadel machen . « Dürer schüttelte den Kopf . Er konnte sich lange nicht zufrieden geben weder über den Untergang seines Kunstwerkes , noch über den Leichtsinn einer Frau , die einen Gegenstand , dessen hoher Werth durch den Geber ihr noch verdoppelt sein mußte , nicht vorsichtiger zu bewahren verstand . Endlich sagte er : » Und was denkt denn die Frau Scheurlin , daß die Nadel gekostet ? « » Sie ist reich , sie zahlt denselben Preis wie der König , « antwortete die Frau . » Nennt den Preis . « » Zweihundert Reichsgulden . « » Und bis wann kann die Nadel fertig sein ? « » Unter drei bis vier Wochen ist ' s gar unmöglich ; ich muß erst sehen , daß ich die passenden Rubine bekomme . « » Gut , in drei Wochen werde ich wieder kommen . « » Ich kann sie ja der Frau Scheurlin schicken , so bald sie fertig ist , weil ich die Zeit nicht genau bestimmen kann . « » Um ' s Himmels Willen nicht ! « rief die Frau , » damit es nicht etwa Jemand von der