einem Festgelage gesprochen . Sie ließ nun ein solches für den Doctor mindestens ebenso herrichten wie für die adeligen Gäste . Der Kronsyndikus selbst war im Essen mäßig , aber die häufigen Besuche des » schönen Enckefuß « hatten das Haus mit den Nothwendigkeiten eines schnellen und einladenden » Tischlein deck ' dich « eingerichtet . Geliebte Lucinde , sagte Klingsohr , wie er sie dann wieder plötzlich still stehen und über ihre eigentliche Aufgabe grübeln sah , es gibt eine Erbsünde und es gibt eine Erbtugend ! Man spricht davon , daß jene uns um unser Seelenheil gebracht hat und verketzert die vernünftigen Unvernunftslehrer , die diese tiefste und humanste aller Lehren vertheidigen ! Welche Sünde ? fragte Lucinde und dachte nur an das Ordnen des Tisches , über dessen acht Ecken längst ein blendend weißes Damasttuch gebreitet war , das sich schon mit Tellern , Gedecken , Gläsern , Flaschen , einem Champagnerkühler und Dessertaufsätzen füllte . Die Erbsünde , die mit dem ersten nicht verschmähten schönen rothwangigen Apfel in die Welt gekommen ! sagte Klingsohr . Wir können ja die Nichtigkeit dieser Erde gar nicht schöner erklären als durch unsere eigene Schuld ! Ihr jammert , daß der Frühling seine Blüten verwehen sieht , daß Blüte , Frucht und alle Schönheit der Erde , der Schmetterling und der Mensch , zu Staub verwehen ! Ist nur unsere Sünde schuld daran , so hat ja die Vergänglichkeit dieser Erde ihren erklärlichsten Grund in uns und nicht in der Schöpfung selbst ! Man kann ja dann immer noch hoffen auf die Sonne , auf die Gestirne , auf etwas , was jenseit dieser Bezirke , » von wannen niemand wiederkehrt « , liegen wird , Lucinde , und wären es nur Ihre Augen , die als Sterne an den Himmel versetzt werden sollen ! Lucinde sagte zu allem : Ja ! Ja ! Ja ! Ja ! Sie hörte kaum ; zu schön wollte sie alles machen . Der Doctor sollte wenigstens hinter dem Landrath nicht zurückstehen . Klingsohr musterte die nach französischer Auffassung in Alabaster ausgeführten griechischen Statuen des Zimmers , die Landschaften aus der Schule Claude Lorrain ' s und Berghem ' s ... Kein anderes Gnadenbild hier , sagte er , als Sie selbst , Lucinde ! Lucinde bestätigte , daß auf Schloß Neuhof die Religion nur in den Wirthschaftsgebäuden und den hintern Wohnungen vertreten sei , den Kammerherrn ausgenommen , der noch immer mit dem schwermüthigen und gewissenskranken Grafen Zeesen in Briefwechsel stand ... Beide reisten in Italien ! sagte Klingsohr . Jérôme hoffte schon lange durch Beten ein großer Maler zu werden wie Frâ Fiesole ! Nun waren alle Vorrichtungen des Abendimbisses aufs prächtigste getroffen . Klingsohr streckte sich mit Behagen in einem Fauteuil , vor dem eben von zwei über alles wie verblüfften Dienern angerichtet werden sollte . Bei jeder Gelegenheit , wo diese Zeugen fehlten , ergriff er Lucindens Hand , diese an sich ziehend , mit Küssen bedeckend und seine Unmöglichkeit , sich in die Märchenwelt zu finden , aufs neue versichernd . Eben kamen die Diener zurück , lauschend , horchend ... Lucinde fragte , nur um zu sprechen : Jetzt aber Ihre Erbtugend ? Was ist das ? Erbtugend , sagte Klingsohr in einem ihm beim Aussprechen von Gedanken und Versen eigenen singenden Tone ; Erbtugend ! Die ist der ewige Rückschlag des Geistes gegen die Natur ! Sie ist die Flut , wenn die Sünde die Ebbe ! Sie ist vielleicht auch nur das ewige Philisterium , an dem selbst die Titanen litten , wenn sie zu viel Kaukasuswein getrunken hatten ! Möglich , daß dieser Erbtugend jene eingeimpfte Furcht vor der Hölle zum Grunde liegt oder die Furcht vor einer Tracht Prügel , jene Furcht , von der bekanntlich die romantischsten Liebhaber Boccaccio ' s und Bandello ' s nicht frei sein konnten ... Ja ! Lucinde ! Ich weiß doch , daß ich hier ein Romeo bin , auf den plötzlich » zehntausend Tybalts « eindringen werden mit einigen Doubletten der allbekannten neuhofer Hundepeitsche ! Lucinde widerlegte jetzt ungeduldig werdend seine erneuerte Furcht und erklärte das festere Schließen aller Thüren durch das Wetter , da es unheimlich dunkel wurde . Der Abend schien ein Gewitter zu bringen . Dunkelbraune und rothe Wolken zogen immer dichter von Westen her . Zwischen dem Läuten der Abendglocken hörte man schon die fernher rollenden Donner . Klingsohr ergriff Lucindens Hand und sprach , da sie jetzt allein waren und nur noch das zu servirende Mahl fehlte , mit dem eigenen Aufschlag seiner großen , wenn er wollte , festen und bestimmten Augen : Wer in der romantischen Zeit nicht Frau Venus mied , Wol gar einem Eheweib sein Herz verschenkte , Dem geschah ' s , daß man ihn manchmal briet Oder an einen neuen Galgen henkte ! So hört sich noch jetzt , minnt man ein schönes Weib , Besonders vom Nachbarn Herrn Philister , Selbst im holdseligsten Zeitvertreib Ein feurig Geknatter , ein flammend Geknister . Gibt sie ein Löcklein zum Liebespfand , Und steckst du ' s zu bergen zur Tasche , Fühlst du doch dabei was wie Henkershand Und um den Hals die vergeltende Masche ! Das ist das Gewissen ! sagte Lucinde scharf betonend . Da er sie küssen wollte , hielt sie ihn zurück . Nein , Erbtugend - wollte Klingsohr in seiner gewohnten Phantastik fortfahren - Aber indem wurde das Nachtmahl hereingetragen . In dem noch allgemein nachdauernden Schreck vor dem Benehmen des Kronsyndikus geschah dies mit denselben Förmlichkeiten wie bei dem vornehmsten Besuche . Was ist das nur alles ? rief Klingsohr aufs neue , wie irr sich an die Stirn greifend ... Lucinde versicherte , daß allerdings irgendetwas Großes geschehen sein müsse , um den Kronsyndikus so für ihn einzunehmen . Nicht nur , daß er diesen Empfang angeordnet hätte , auch für die Entdeckung , daß beide schon lange sich sähen und sprächen - der buckelige Stammer hätte geplaudert -