Man muß an ein Orakel nicht zu oft dieselbe Frage stellen . Der Vater dachte an die Schwalben , die Schüsse gehört und Brannstgeruch gerochen , und mit gestreckten Flügeln schießen , ob sie ihr Nest noch finden . Aber er hatte keinen Schuß gehört , und keinen Brannstgeruch empfunden . Die Frau Kriegsräthin beruhigte sich auch : wie schrecklich hatte nicht die Obristin die Angst und das Unglück der armen Eltern gemalt , denen die Seiltänzer ihre Kinder stehlen . Beide sagten sich , sie wären beruhigt , aber Beider Herz klopfte , daß Jeder das des Andern hätte können schlagen hören , als sie um die letzte Ecke zum Gensd ' armenmarkt bogen . - Zwei Herzen und ein Schlag , ein freudiges Ah ! Ihre Fenster waren hell , sehr hell . - Die Hausthür offen . Die Magd des Wirthes kam ihnen entgegen : » Na , Gott sei Dank , daß Sie da sind . Die Mamsell und die Kinder haben sich schon zu Tode geängstigt . « - Auf der halben Treppe sprang ihnen Adelheid entgegen : » Ach , mein lieber Vater , meine liebe Mutter ! Gott sei Dank . « - Der Vater drückte sie an seine Brust , die Mutter riß sie an sich . » Ach , und Ihr seid ganz durchnässt . Schnell , schnell , oben liegt Alles schon bereit . « Die Kleinen waren schon umgezogen in trocknen Kleidern . » Das hat Alles die Adelheid gethan ! « - » Nicht alles , Mütterchen , die Jülli und die Karoline halfen , ach die gute Frau Obristin hat für uns gesorgt wie eine Mutter . « » Hat Euch im Wagen hergebracht ? « » Und war auch so naß und müde von der Reise . Aber Gott bewahre ! Anvertrautes Gut muß man eher zurückliefern , als man an seines denkt , sagte sie . Und Euer Vater ist ein guter Diener seines Königs . Und der König geht vor allem , und heut ist sein Geburtstag . Denkt Euch , als wir ausgestiegen waren , wollte sie die Kutsche zurückschicken , um Euch holen zu lassen . Aber der Kutscher war ein garstiger Mensch . Er fluchte , um solches Rackerzeug sollte er auch wohl noch seine Pferde ruiniren . Die gute Obristin wurde ganz erschrocken , und steckte ihm noch Geld zu , daß er nur ruhig wäre , denn es wäre ja des Königs Geburtstag und darauf sollte er trinken . « » Unverschämtes Volk ! « rief der Kriegsrath , seinen Stock erhebend . » O , das ist noch nicht Alles , « sagte Adelheid , » kommt nur herein und seht ! « Sie traten in das helle Zimmer . Eine Punschbowle dampfte über einem Kohlenbecken . » Das hat alles die Obristin für Euch besorgt , damit Euch die Erkältung nichts schadet . Die Karoline musste selbst zum Kaufmann , die Citronen und den Rum kaufen , und die Gustel unten kochte das Wasser , und dann erst gingen sie , und wollten nicht bleiben , um Euch nicht zu stören . Und so herzliche Grüße haben sie mir aufgetragen , daß ich sie gar nicht bestellen kann . « Mann und Frau saßen noch um Mitternacht am Tisch sich gegenüber , der Kriegsrath in seinem geblümten Schlafrock und Pantoffeln , die Kriegsräthin in ihrer Dormeuse . Die Kinder waren längst im Bett , die Bowle bis auf einen kleinen Rest geleert . Den goß der Kriegsrath , redlich theilend , in die Gläser : » Es wird zu viel , Alter ! « sagte die Frau . » Wir müssen doch auf ihre Gesundheit anstoßen ! « Der Mann setzte die Pfeife fort . » Mann , da sieht man , wie man sich täuschen kann . « » Aber ' s ist gut , wenn man ' s wieder gut machen kann . « Gläser mit Punsch klingen nicht so hell wie mit Wein , aber die Herzen klangen . Der Kriegsrath ging sehr vergnügt , aber nicht so kerzengrad wie am Tage , nach seinem Bett . Die Kriegsräthin leerte noch den Rest ihres Glases im Stillen . Sie trank auf das Glück ihrer Familie und auf die Aussichten , die sich mit einem Male ihr so reich und wunderbar eröffneten . » Uns kommt alles unverhofft ! « sagte sie und wischte eine Thräne der Rührung aus dem Auge . Im Bette hatten die Eheleute sich besprechen wollen , was sie thun müssten , um es der Obristin zu vergelten , Es hatten sich darüber Ansichtsverschiedenheiten gezeigt , die in Güte beigelegt werden sollten , aber man hörte bald nur eine vollkommene Harmonie - im Schnarchen . Die Gefühle der Dankbarkeit waren am andern Morgen nicht erloschen , aber etwas abgekühlt . Gestern wollte der Kriegsrath , sobald er aufgestanden , der Obristin seine Aufwartung machen . Heute fand die Frau , daß eine Visite so früh am Tage bei einer vornehmen Dame sich nicht schicke . Der Mann aber dachte , daß er ja ins Bureau müsse , und Herrendienst geht sogar dem Gottesdienst vor , sagen die Geschäftsmänner . Es war aber noch ein Grund , weshalb es nicht ging ; sie wussten ja nicht , wo die Obristin wohnte . Wohnungsanzeiger gab es noch nicht . Der Kriegsrath wollte sich im Bureau danach erkundigen . Der Kriegsrath kam heute spät nach Hause . Seine Nachforschungen nach der Obristin waren nicht glücklich gewesen . Man glaubte wohl den Namen gehört zu haben , wusste aber nichts Gewisses . Uebrigens hatte das nichts Auffallendes , denn es hielten sich jetzt viele vornehme Familien aus der Fremde in Berlin auf . Da wäre eine russische Fürstin hier , und Damen und Herren vom höchsten Stande aus Frankreich und England , von denen man wohl wisse , daß sie andere Namen führten , als ihnen zukämen , aber die Polizei kümmere sich nicht um