Thränen eines Leidensgenossen zu sehen . Alle möglichen freundlichen Worte hätte Lydia an Salvador verschwenden können , sie würden nicht vermocht haben , ihn zu trösten . Aber als er die erste Thräne in ihrem Auge sah , wurde er ruhiger ; zuletzt kam sogar eine solche Freudigkeit über ihn , daß er Lydia zu trösten versuchte . - Jetzt müßt Ihr nicht mehr weinen , Donna , sagte er schmeichelnd . - Und nun will ich Euch auch von meiner Mutter erzählen . Seht , als ich noch klein , recht klein war , da nahm mich meine Mutter auf den Schooß und sagte zu mir : Salvador , morgen wird Dein Vater kommen , da mußt Du Dich recht sehr freuen und artig sein . Ich klatschte in die Hände und plapperte in einem fort : der Vater wird kommen , der Vater wird kommen ! bis er endlich da war . Das kam aber so . Am andern Morgen ganz früh , ehe die Sonne aufging , nahm mich die Mutter aus dem Bett und zog mir mein Festtagskleidchen von schwarzem Sammet an , schlang mir den spiegelblanken Gürtel von Stahl um den Leib und setzte mir ein Barett auf , an dem zwei prächtige rothe Federn auf und ab wogten . Auch die Mutter war schön geputzt . Dann nahm sie mich an der Hand und so wanderten wir den Bergen zu , von denen man die Sonne über dem weiten blauen Meer aufgehen sehen kann . Ich wurde müde , da trug mich die gute Mutter bis zur Spitze des Berges hinauf , und wir setzten uns nieder und schaueten in das Meer hinab . So saßen wir eine lange Zeit , da sprang die Mutter auf und rief : » Salvador , Dein Vater kommt ! « Ich sah aber nichts . Da hob mich die Mutter in die Höhe und zeigte nach dem Hohlwege , der zwischen den großen Bergen durchführt . Da sah ich einen Reiter , der langsam um den Berg ritt . » Das ist Dein Vater , Salvador « - sagte wieder die Mutter . Ihr Herz klopfte ungestüm , ich fühlte es pochen , als sie mich in den Armen hielt . So erwarteten wir den Vater . Und als er den Berg herauf war und uns erblickte , sprang er vom Pferde , eilte auf uns zu - breitete seine Arme aus und rief : » Ines ! « Als die Mutter diesen Namen hörte , sprang sie in die Höhe und fiel mit dem Ausruf : » Felix , mein Felix ! « dem Vater in die geöffneten Arme . - Felix hieß Dein Vater ? - fragte Lydia , die sich an der kindlichen Darstellung des Knaben ergötzte - das ist kein spanischer Name . - Mein Vater ist aus Eurem Lande , Donna , er ist ein Deutscher - erwiederte Salvador und fuhr dann fort : Darauf nahm mich die Mutter bei der Hand und sagte : » Dies ist Salvador , unser Kind . « Der Vater hob mich in die Höhe und sah mir lange in die Augen , drückte mir einen Kuß auf die Stirn und den Mund , setzte mich aufs Pferd , nahm den Zügel in die Hand und so wanderten wir alle drei nach Hause . - Du hast ein gutes Gedächtniß , Salvador , sagte Lydia . - Ich werde den Tag nie vergessen - erwiederte er traurig - es war der letzte Tag , wo ich meine Mutter habe lachen sehen . Der Vater blieb zwar lange , es mögen wohl Wochen gewesen sein , bei uns . Aber schon am folgenden Tage war die Mutter nicht mehr heiter . Am dritten Tage sah ich sie weinen ; aber sie klagte nicht , wenn der Vater kam und zeigte immer ein freundliches Gesicht . Eines Abends , als ich mich im Garten umhertummelte , hörte ich plötzlich die Stimme meiner Mutter . Sie drang aus einer Laube her zu mir . Ich schlich mich näher . Mein Vater saß auf einer Bank und spielte mit der Reitgerte . Die Mutter stand vor ihm , ihr Gesicht konnte ich nicht sehen , aber ihre Stimme war sehr zornig . Endlich sank sie erschöpft nieder . Mein Vater erhob sich , er war sehr blaß und versuchte sie aufzuheben - aber sie stieß ihn von sich . Da lachte er laut und eilte hinaus . Jetzt konnte ich mich nicht länger verbergen , ich stürzte aus meinem Versteck hervor - warf mich bei der Mutter nieder und weinte mit ihr . Da brachte unser alter Diener der Mutter einen Brief . Hastig erbrach sie ihn - aber schon im nächsten Augenblick entfiel er ihrer Hand . Endlich führte sie mich in das Zimmer des Vaters , das leer war und sagte , mit trübem Lächeln sich umschauend : » Du hast keinen Vater mehr , Salvador . « Dann warf sie sich auf das Knie und betete lange . Als sie sich wieder erhob , - glänzte ihr Auge wunderbar . Sie gebot mir niederzuknieen und sagte darauf mit feierlicher Stimme : - Salvador , mein Knabe ! Du hast es gehört : Du hast keinen Vater mehr , Du hast nie einen Vater gehabt . Weine nicht , mein Sohn . Wenn Du keinen Vater mehr hast , so hast Du eine Mutter und die wird Dich nie verlassen . Er war ein Verräther , ein Elender , der meine Liebe mit Füßen trat . - Sie schwieg und ich weinte leise fort . Darauf wand sie diese rothe Schärpe mir um den Leib , steckte einen Dolch in die Schärpe und führte mich zu dem Kruzifix in der Ecke des Zimmers . Er hat mir den Himmel aus der Brust geraubt , Salvador , mir das Leben zur Hölle gemacht . Willst Du mich rächen an dem Verräther ? - Ich will es - antwortete ich