Zustände liegen . Wenn Jemand an mich schreibt : » meine theure Faustine ! « - der sonst schrieb : » liebe Ini , « oder kurzweg : » Ini « - denn in der bloßen Nennung des Namens ohne verherrlichende Adjectiva liegt die tiefste , koncentrirteste Innigkeit - so weiß ich , daß seine Zärtlichkeit eine retrogade Bewegung gemacht , welche sich im nächsten Brief , den ich vielleicht nach einem halben Jahr erhalten werde , in Hochachtung umgesetzt hat , was mir die : » verehrte Gräfin ! « ankündigt . « » Ist Ihnen das wirklich schon begegnet ? « fragte Clemens neugierig . Er suchte an der Conversation Theil zu nehmen , von der Faustine ihn so absichtlich ausschloß . Aber wenn sie auch erwiderte : » Ich spreche nur beispielsweise von mir « - so würdigte sie ihn doch keines Blicks , und Clemens verzweifelte innerlich , daß er sich von seiner kindischen Eifersucht hatte hinreißen lassen , die ihm jetzt so thörig und unpassend wie möglich erschien . Nachdem Feldern gegangen , sagte Faustine zu Clemens , der noch immer ganz unbeweglich in seinem Lehnstuhl verharrte : » Gute Nacht , Herr von Walldorf . « Er fuhr zusammen . » Herr von Walldorf ? « fragte er verwirrt . » Ja , ich meine Sie . « » Und was habe ich Ihnen gethan , daß Sie mich plötzlich so fremd behandeln , mich fortschicken , obgleich ich Sie heute den ganzen Tag nicht gesehen ? « - » Mir haben Sie nichts gethan ! merken Sie sich das ein für alle Mal : eine Unart trifft nicht mich , sondern den , der sie begeht . Ihr schlechter Ton verletzt mich noch mehr in Ihrer , als in meiner Seele , weil er von einer außerordentlich starken Indelicatesse zeugt . Ich müßte Sie wie ein Kind behandeln und Ihnen jedes unpassende Wort verweisen , wenn es mir nicht zu langweilig wäre als Bonne aufzutreten , einem vernünftigen Menschen gegenüber . Da ich das nicht mag , werde ich Sie fremd und förmlich behandeln , um Sie auf diese Weise an die Schranken zu erinnern , welche Sie stets geneigt sind zu überspringen . Aber ein Mann , der mich dazu zwingt , wird mir über kurz oder lang unausstehlich . Die Männer sind von Natur täppische Gesellen ! ward das nicht durch Erziehung und Sitte gesänftigt , so behüte mich der Himmel vor ihrem Umgang . « Clemens rang die Hände . » Wie kann ein scherzhaftes Wort - « » Niemand versteht besser den Scherz als ich , « unterbrach Faustine ; » darum habe ich auch sehr gut verstanden , daß Sie nicht scherzen , sondern sehr ernsthaft sein wollten , was wirklich bei dieser Gelegenheit nicht blos ins Gebiet des Scherzes , sondern in das der Lächerlichkeit fällt . « Sie lachte , und Clemens rief erleichtert » Gottlob ! « Faustine sagte mit ihrem gewöhnlichen sanften Ton und hellen Blick : » Ich bin ja so gern die Freundin meiner Freunde ! zwingen Sie mich doch nicht , Ihr Zuchtmeister zu sein . Dazu sind ja die Feinde gut . « » O , Sie sind eine Himmlische ! « rief Clemens beseligt und ergriff ihre Hand ; setzte aber langsam hinzu , als Faustine die Hand losmachte : » Nur aber grausam . « » Sehen Sie je , daß ein andrer Mann alle Augenblicke meine Hand anpackt ? « fragte sie ein wenig gelangweilt . » Nein ; aber es liebt Sie auch Keiner wie ich . « » Irrthum ! Alle haben mich lieber , als Sie . Alle vermeiden mir lästig zu werden und mir zu mißfallen . « » Aber für Einen könnten Sie doch eine Ausnahme machen ? « » Und warum das ? « » Eben weil er Sie liebt . « » Das genügt nicht ! ich muß ihn wieder lieben . « Er sah sie an . Sie saß auf dem Sopha , in die Ecke zurückgelehnt , das feine goldene Kettchen , woran ihre Lorgnette hing , nach ihrer Gewohnheit um die Finger schlingend und wieder ablösend , der Kopf seitwärts gesenkt , der Blick zerstreut , so zerstreut , daß Clemens , der auf dem Punkt gewesen war , ihr zu Füßen zu fallen und um ihre Liebe zu bitten und zu flehen , selbst ganz zerstreut wurde , und gleichsam beruhigend halblaut zu sich selbst sprach : » Sie kann wol nicht lieben . « - Und damit ging er . Mengen klagte auch am nächsten Tage über Faustinens Unsichtbarkeit , aber es geschah in einem andern Ton . Für ihn war es wirklich , als habe die Sonne nicht geschienen . Eine Stunde , oft nur eine halbe Stunde , bei ihr zugebracht gab ihm eine Freudigkeit , die dreiundzwanzig Stunden lang anhielt . Er konnte sie nicht so oft sehen , als er wünschte ; denn wenn auch eine einzige Minute schon ihm ein Glück war , so sehnte er sich doch immer nach ihrer Allgegenwart , und wenn er auch arbeitend und beschäftigt am Schreibtisch saß , so war es ihm doch oft , als beuge ihr Kopf sich lieblich über seine Schulter , als sehe sie mit ihrem magnetisch anziehenden Auge in das seine . Diese geträumte Allgegenwart verrieth genugsam seine Wünsche . Aber er besorgte allein die Geschäfte . Während der Abwesenheit des Gesandten , im Sommer , hatte er sie übernommen , und gern ; ihm war Arbeit eine Lust ; sie waren ihm geblieben . Der alte kränkelnde Chef hatte ihn lieb und nahm oft seine Gesellschaft in Anspruch . Die Welt desgleichen , mit der er sich eingelassen , ehe er Faustine gekannt . Jetzt waren ihm all ' diese Verhältnisse höchst lästig . Er mußte zwischen ihnen und ihr die Zeit theilen , die Zeit , welche bei ihr unschätzbar wurde ; denn in jeder Secunde gewahrte