Muth zur Freude gewann ; als endlich der Haushofmeister zurück kam , schlich sie zum Lager des Vaters , der schon im sanftesten , Schlummer ruhte ; sie küßte leise seine Stirn und folgte nun Dübois , der ihr die übrigen Zimmer des Hauses zeigte und ihr auch alle Schlüssel einhändigte , worauf er für heute ehrerbietig Abschied nahm . Als sich Therese allein befand , hob sie die Hände dankend zum Himmel empor , und Thränen des Entzückens benetzten die von langem Kummer gebleichten Wangen ; es schien ihr ein Traum , der täuschend ihre Seele umfing , und sie fürchtete zu erwachen ; endlich , als sie sich gesammelt hatte , ging sie noch einmal durch alle Zimmer und betrachtete Jedes mit ruhiger Freude ; sie öffnete die Schränke und bemerkte mit dankbarem Erstaunen , wie großmüthig und zartsinnig für jedes Bedürfniß des Hauses gesorgt war , auch rührte es sie bis zu Thränen , als sie Alles vorfand , was zur Kleidung der Frauen aus besseren Ständen gehört . Nach einem stärkenden Schlummer erwachte Therese am andern Morgen . Dübois hatte für die nöthige Bedienung gesorgt ; sie wählte eine einfache Morgenkleidung , und fühlte sich bewegt und erhoben zugleich , als sie sich wieder in Gewänder gekleidet sah , wie sie ihr in früheren Zeiten nothwendig erschienen waren . Als sie nun ihr Zimmer verließ , fand sie Alles zum Frühstück bereitet , und sie näherte sich leise dem Schlafgemach ihres Vaters ; Alles war darin still , und eine seltsame Angst ergriff ihr Herz , sie fürchtete , die plötzliche Umwandlung seiner Lage könne zu heftig auf ihn gewirkt haben , sie öffnete daher behutsam die Thür des Kabinets und näherte sich leise dem Lager des schlummernden Greises . Er lag mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen , aber seine Lippen bewegten sich wie im flüsternden Gebete , und zwischen den grauen Wimpern drängten sich Thränen über die gefurchten Wangen , die ähnliche Tropfen in Theresens glänzenden Augen hervorriefen . Sie beugte sich über den alten Vater und küßte mit inniger Liebe seine gefalteten Hände . Der Greis öffnete die noch thränenfeuchten Augen und lächelte entzückt bei dem Anblick seines schönen Kindes . Meine gute Tochter , sagte er mit bewegter Stimme , es stärkt mein Herz , daß Deine Erscheinung wieder Deiner würdig ist ; laß uns Gott innig dafür danken , daß wir aus dem höchsten Elende erlöst sind , denn niemals habe ich Dich ohne zu schaudern in der Tracht der höchsten Dürftigkeit betrachten können . Der Obrist wünschte sein Lager zu verlassen und wurde von Neuem bewegt , als er bemerkte , mit welcher Zartheit sowohl für seine Bedienung , als für alles zur bequemen Morgenkleidung eines Greises Erforderliche gesorgt war . Nach dem Frühstück gingen Vater und Tochter durch die verschiedenen Zimmer , und bewunderten mit dankbarer Rührung die Anmuth und Bequemlichkeit ihrer neuen Wohnung . Endlich ließ sich der Vater im Wohnzimmer in der Ecke des Sophas nieder und zog seine Tochter neben sich , die erschrocken zu ihm aufblickte , weil sie seine Hand zittern fühlte und hohen Ernst über sein Gesicht verbreitet sah . Mein Kind , sagte der Obrist , wir dürfen unsere Pflicht nicht vergessen , wir müssen unsern Wohlthätern unsern Dank darbringen für so viele Güte ; Du fühlst , mein liebes Kind , fuhr er fort , indem er die Hand der Tochter ängstlich drückte , wie schwer mir dieser Gang werden muß ; so tief die Dankbarkeit in meiner Seele ruht , so sehr ich unsern edeln Freund verehre , so wird mir altem Manne dennoch das Förmliche in der Aeußerung meiner Dankbarkeit schwer , das mich , wie man es auch betrachten mag , dem Bettler gleich stellt , der für ein empfangenes Almosen dankt . Mißversteh mich nicht , fuhr er fort , als er bemerkte , daß die Tochter reden wollte , ich verkenne den Grafen nicht , aber bist Du überzeugt , daß er auch uns kennt ? Ihn hat uns seine Art , wie er gegen uns handelt , vollkommen kennen gelehrt , wir können mit reiner Empfindung einen so edeln Mann bewundern und eben deßwegen von ihm annehmen , was uns seine Güte bietet , aber kennt er auch uns ? Weiß er , ob wir seiner Freundschaft würdig sind ? Ihn hat allein unsere Noth bestimmt , uns wohl zu thun , und darin liegt das Peinliche unserer Lage ; wir sind ihm gegenüber Arme und nicht Freunde ; der Freund kann die Güter des Lebens mit dem Freunde theilen , er weiß , der Freund ist überzeugt , er würde , wenn das Verhältniß umgekehrt wäre , eben so handeln , und will nichts weiter , als die Liebe , die innige Achtung des Freundes ; aber der Arme , ach , mein liebes Kind ! er empfängt bloß , und der Geber , der ihn nicht kennt , weiß noch nicht , ob er jemals seinen Schützling in einen Freund wird verwandeln mögen ; er weiß nicht , ob das Herz des Empfangenden nicht zu jeder edeln Empfindung unfähig ist , und deßhalb ist die äußere Dankbarkeit , die es so schwer fällt auszuüben , unerläßlich . Ich dächte , erwiederte Therese , ich könnte die Hand des Grafen mit inniger Liebe , ohne peinliche Empfindung küssen . Auch ich , sagte der Obrist , kann seine Hand mit zärtlicher Bewunderung drücken , aber hast Du daran gedacht , daß damit unsere Pflichten noch nicht erfüllt sind ? Hast Du vergessen , daß er vermählt ist , und daß wir also der Gräfin einen Besuch machen müssen ? Therese senkte die Augen , ein peinliches Gefühl hob ihren Busen , der Schmerz zuckte um den schönen Mund und sie küßte schweigend die Hand des Vaters , die noch in der ihren ruhte . Beide fühlten , daß sie sich ohne Worte verstanden , denn jetzt erinnerte sich Therese an Alles , was sie