und dass jener seine Liebe zu ihr der Schwester schon erklärt haben müsse . Diese Vermuthung bestätigte sich , als die Doctorinn mit voller Heiterkeit fortfuhr : Ich bekomme denn , doch noch wohl eine Schwester ; o ! ich bekomme sie ganz gewiss ; eine eben so gute , sanfte , liebreiche Schwester , als die ich verloren habe . Mich dünkt , ich sehe die holde Seele schon vor mir . - Sie hatte die Hand der Witwe genommen , der sie bei diesen letzten Worten einen sanften Druck gab ; und die Witwe , unbewusst was sie that , und zu spät darüber erschreckend , erwiederte nicht allein diesen Druck , sondern zeigte auch in ihrem noch feuchten Gesichte ein sanftes Lächeln . Sie war böse über die Hinterlist ihrer Freundinn , und war ' s doch auch nicht ; sie ärgerte sich über die heitre Miene derselben , und war doch auch froh darüber ; sie wusste selbst nicht recht , wie sie gesinnt war . Aber allein wäre sie gerne gewesen , um alles Gesprochne noch einmal zu überdenken , und bei sich auszumachen , wie viel oder wie wenig sie wohl von ihrem Herzen verrathen habe . Die Doctorinn , als ob sie ihr diesen Wunsch aus den Augen gelesen hätte , stand auf , um Abschied zu nehmen . Es wird spät , sagte sie ; ich muss fort . Leben Sie wohl , meine gute , sanfte , liebe - - ach mein Gott ! ich härte bei einem Haare gesagt : Schwester ! Sie sehen , wie voll ich den Kopf von der Herzensangelegenheit meines Bruders habe . - Was meinen Sie ? Soll ich ihm ganz wieder gut seyn ? Ach liebe Freundinn ! Sie waren ihm noch keinen Augenblick böse . Nicht ? Wirklich nicht ? - und nun erfolgte eine wärmere , längere Umarmung , als noch bis jetzt unter ihnen Statt gehabt hatte . Auf der Flur fand die weggehende Doctorinn den ältesten Sohn der Lyk , den sie aufhob und küsste . Der jüngere lag an einer kleinen Unpässlichkeit nieder . Sie hatte den schnellen Einfall , die Mutter zu bitten : dass es ihr morgen früh erlaubt seyn mögte , den Kleinen holen zu lassen , um ihn einem der grössten Kinderfreunde , ihrem guten alten Vater , zu zeigen , der an der schönen Gestalt und dem artigen Betragen des Kindes sich sehr ergötzen würde . - Er kann , sagte sie , mit meinen eigenen Kleinen spielen , und kann bei uns essen . - Die Mutter bewilligte das , und der Knabe hüpfte und sprang vor Freuden . - - Zu Hause machte die Doctorinn ihren Mann , aber noch mehr ihren Bruder , durch die mitgebrachten Nachrichten sehr glücklich . Besonders rührte den Letztern die Unterstützung , die sein Vater der Witwe hatte angedeihen lassen ; er empfand darüber eine Freude und eine Dankbarkeit , wie er sie über die grösste , ihm selbst erwiesene Wohlthat nicht würde empfunden haben . Aber unzufrieden war er , dass die Schwester mit dem Inhalte des Gesprächs , welches zwischen ihr und der Witwe vorgefallen war , so sehr zurückhielt , und dass er mit allem Forschen nichts weiter herausbrachte , als bloss : er werde geliebt ; er werde ganz sicher geliebt ; und sie , die Schwester , stehe ihm für ein freudiges Ja , sobald er es fordern würde , mit ihrem Leben . Was die Witwe Alles gesagt , und durch was für Züge sie ihr Herz verrathen habe : das verhüllte auch ihm , ob er gleich Bruder und Liebhaber war , der Schleier des weiblichen Zartgefühls ; nur dem Ehemanne ward , im vertraulichen Schlafkämmerlein , dieser Schleier ein wenig gelüpftet . XXXII . Die Kirche war aus , und die Strasse fing an sich mit wohlgekleideten Leuten zu füllen , denen es niemand ansah , wie sehr sie ihrer Sünden wegen waren gescholten worden ; als einer der kleinen Herbste von seinem Posten am Fenster , wo er Wache gestanden hatte , in Eil gegen die Thüre rannte , und nun auf einmal der ganze unruhige Schwarm ihm nach auf die Hausflur stürzte , um den kommenden Grossvater und die begleitende Mutter - die aber Sonntags , ihrer Alltäglichkeit wegen , nur wenig galt - mit Freudengeschrei zu bewillkommen . Der Alte empfing die Kleinen mit den gewöhnlichen scharfen Verweisen wegen ihres ungebührlichen Lärmens , aber zugleich mit einer Freundlichkeit , die den Eindruck jener Verweise augenblicklich wieder verwischte . Er wollte jetzt anfangen , seine Tasche für ihre Leckermäuler , und seinen Geldbeutel für ihre Sparbüchsen zu leeren , als er auf einmal im Hintergrunde einen holden Knaben einsam und dem Scheine nach traurig dastehen sah , und seine Tochter fragte , wer denn das wäre ? Ach ein lieber , süsser Junge , sagte die Doctorinn : der älteste kleine Lyk ; ein Schul- und Spielgenoss meines Wilhelms . Lyk ? rief der Alte ; o lass den Kleinen doch naher kemmen ! Er kam auf den Ruf der Doctorinn , und ging nach ihrer Anweisung zum Alten , dem er mit all dem Anstande und der Ehrerbietung die Hand küsste , wozu ihn die Mutter gewöhnt hatte . Wirklich , wirklich , ein allerliebster Knabe ! - Herr Stark theilte ihm jetzt , wie den Übrigen , mit ; und hob ihn dann auf einen Tisch , der im Vorsaale stand , um , wie er sich ausdrückte , zu sehn , ob er ihn kenne . - Jaja ! rief er , lieber süsser Kleiner ! wir sind schon alte Bekannte . - Sieh her , liebe Tochter , sieh her ! Wie doch das nachartet ! - Diese Stirne und dieses Kinn - - Ganz des alten Lyk ; unverkennbar ! Spiel der Natur ! rief Herr Stark . Ordnung der Natur ! rief die Tochter ; und setzte auf eben den