den Tüchtigen und Verständigen unter uns . Wir schaffen uns unsern Namen , unsere Stellung in der kaufmännischen wie in der bürgerlichen Welt aus eigener Machtvollkommenheit . Unsere tägliche Arbeit wird erst merkbar , wenn sie ihre Ernte getragen hat , obgleich wir uns derselben stets bewußt sind und unserer Freude an unsern mit tausendfachen Sorgen schwer errungenen Erfolgen nicht entbehren . Und da es uns an Sorgen und Hoffnungen dabei durchaus nicht mangelt , so brauchen wir nach Erregungen und Zerstreuungen nicht zu suchen , uns Lust und Pein nicht erst zu schaffen . Das hat auch sein Gutes , besonders für denjenigen , der in der freien Arbeit an und für sich schon seine wahre Befriedigung genießt ! Er brach ab , weil er besorgte , mit der Schilderung seiner Zustände wider seinen Willen ein Gegenbild zu denen des Freiherrn geboten zu haben ; und in der That lag in des Kaufmanns stolzer Selbstgenügsamkeit ein Vertrauen zu dem Leben und in die Zukunft verborgen , um welches der Freiherr ihn beneidete . Er konnte sich jedoch nicht überwinden , ihm dies auszusprechen , und ohne eine Bemerkung auf Paul ' s Auseinandersetzungen hinzuzufügen , sagte er : Und Sie sind auch verheirathet ? Sie haben Kinder ? Ja , ich habe einen Knaben und Aussicht auf ein zweites Kind . Dazu genieße ich das Glück , Fräulein Flies , die mir und meiner Frau eine Mutter gewesen , und die ja leider unvermählt geblieben ist , in meinem Hause eine Heimath bieten zu könne ; und wir befinden uns in einer Lage , in welcher wir uns in vollster Freiheit nach eigenem Bedürfen regen und bewegen können . - Er hielt abermals inne und sagte danach : Das ist freilich nichts Besonderes , das haben hundert Andere auch , das ist viel und wenig , wie man es betrachtet . Mir genügt es ! Ich könnte also Ihre erste Frage wohl mit dem schlichten Worte beantworten : es geht uns Allen in jedem Sinne wohl ! Nicht so , Seba ? fragte er , sich mit seinem hellen Blicke und seiner volltönenden , männlichen Stimme , deren bloßer Klang erfrischend wirkte , an die Freundin wendend , welche , für die Ausfahrt angekleidet , eben in das Zimmer trat . Gewiß ! entgegnete sie ; aber weßhalb soll ich das besonders erst versichern ? O , rief Renatus , und eine weiche , schmerzliche Empfindung , wie er sie diesen Menschen gegenüber , wie er sie in solcher Weise überhaupt noch nie gefühlt hatte , bewegte ihn und drohte , ihn zu überwältigen , o , bereuen Sie diese Versicherung nicht ! Es ist ein Segen und es ist sehr selten , Glückliche zu sehen ! Seine Erschütterung überraschte die beiden Anderen , und ein Blick des Einverständnisses zwischen ihnen bezeugte , was sie dachten . Indeß die Meldung des Dieners , daß der Wagen vorgefahren sei , trat eben jetzt dazwischen . Renatus , sich schnell ermannend , bot Seba seinen Arm ; Paul begleitete sie . Als sie eingestiegen war , wendete Renatus sich zu Jenem und sagte , indem er , was er sonst nie gethan hatte , ihm die Hand reichte und schüttelte : Leben Sie wohl , und erhalte der Himmel Ihnen Ihr Glück und Ihre Zufriedenheit ! Leben Sie wohl ! Auf Wiedersehen ! entgegnete Paul , ihm den Händedruck vergeltend . Und in das Haus zurückkehrend , dachte er : Wenn er ein Einsehen hätte - wie gern wollte man ihm helfen ! Drittes Capitel Die Zeit und das Leben waren damals noch nicht so bewegt , daß ein Ereigniß wie die Ankunft und Erkrankung einer vornehmen Fremden mit den diese Erkrankung begleitenden auffallenden Nebenumständen in der Residenz unbeobachtet und unbesprochen hätte bleiben können . Der und jener Vorüberkommende hatte gesehen , wie man die Kranke aus dem Wagen gehoben , wie ein Major in voller Uniform dabei behülflich gewesen war ; und die augenblicklichen Mitbewohner des Gasthofes hatten sich bei den Kellnern erkundigt , was es mit der Kranken für eine Bewandtniß habe . Die Fragen waren , wie das in solchen Fällen stets geschieht , über die ersten Antworten hinausgegangen , die nächsten Antwortenden hatten mit Vermuthungen zu ergänzen gestrebt , was sie an Wissen entbehrten , und schon an einem der folgenden Tage brachte die verbreitetste Zeitung der Stadt unter ihren allgemeinen Berichten die Kunde : daß eine vornehme Engländerin , die Gräfin E. H .... ton , deren Abenteuer am französischen Hofe wie in der vornehmen Welt ihres Vaterlandes viel von sich reden machen , in der Hauptstadt angekommen sei , wohin ein Herzensverhältniß sie gezogen habe . Wider ihr Erwarten habe sie aber den Mann , welchem sie gefolgt sei , einen höheren preußischen Offizier , bereits anderweitig verheirathet gefunden und sei aus Verzweiflung darüber wahnsinnig geworden . Der Name des sie behandelnden Arztes schloß diesen Bericht . Die bürgerliche Gesellschaft las über denselben hinweg , wie man im Allgemeinen über derlei achtlos fortgeht ; aber in den Kreisen , in denen Renatus lebte , und in denen man gewohnt war , sich um die Vorgänge an den verschiedenen Höfen zu bekümmern , fiel die Nachricht auf . Man erinnerte sich , daß vor ungefähr drei Viertel Jahren eine junge Engländerin vom französischen Hofe verwiesen worden war . Man entsann sich , daß es die berühmte Schönheit , die Gräfin Haughton-Lauzun gewesen sei , die Nämliche , welche nach den Berichten der englischen Zeitungen in London am Hofe zu der üblichen Vorstellung nicht zugelassen worden , und später zum Katholicismus übergetreten war . Eine der Hofdamen , welche mit der gräflich Rhoden ' schen Familie verwandt war , hatte damals von ihrem bei der preußischen Gesandtschaft in Paris beschäftigten Bruder die briefliche Mittheilung erhalten , daß der Freiherr von Arten in die Abenteuer der Gräfin Haughton verwickelt , daß er einer ihrer Liebhaber gewesen sei ; und die in der Zeitung angegebenen Buchstaben paßten auf die