wieder aufgeregter , denn je ... Benno schien nur zuzuhören ... Die Tante hatte den Münnichs versprochen , den Püttmeyer ' schen Bildern beizuwohnen ... Ich wenigstens könnte mit zu diesen trotz der Trauer ... Aber ich weiß es noch nicht ... Erzählen Sie mir von Hartmann von der Aue und vom armen Heinrich ! Liebe Armgart , begann Benno , dieser arme Heinrich war ein schwäbischer Ritter , der in den heiligen Krieg zog und das Unglück hatte , statt mit großer Beute nur mit einer schweren Krankheit heimzukehren , die kein Doctor heilen konnte ! Man nannte die Krankheit die Miselsucht . Ritter Heinrich war nicht einmal jung , vielleicht nicht besonders liebenswerth , er war ein guter Guts- und Grundherr . Einem seiner Vasallen , seinem Meyer , wie das altdeutsche Gedicht sagt , blühte ein Töchterlein , den Namen hab ' ich vergessen - - wollen wir sie - Armgart nennen ? Gewiß ! antwortete Armgart und sprach dies ganz aus schwerem Herzen und voll ernster Zustimmung ... Nun gut ! Des Meyers Töchterlein , Armgart , hört von dem Leid des guten Ritters , der nach Salerno gereist war , wohin man damals reiste seiner in medicinischen Angelegenheiten berühmtesten Universität wegen ... Salerno liegt in Italien ... Ich weiß ! sagte Armgart auf Benno ' s nicht ganz harmlose Erklärung . Aber ihr : Ich weiß ! war ohne jede Empfindlichkeit . Klärchen im » Egmont « konnte , abschließend mit dem Leben , ihr elegisches : » Weißt du , wo meine Heimat ist ? « nicht ergebener sprechen ... Nun kommt eine Botschaft aus Italien ! fuhr Benno fort , der Ritter könnte genesen , hieß es , wenn eine Jungfrau rein sich fände , die für ihn in den Tod ginge . Ich kann im Augenblick nicht sagen , liebe Freundin - Sie müssen den Domherrn fragen , der in diesen Gedichten heimischer ist , als ich - ob der Ritter das Blut der Jungfrau trinken oder in seine geöffneten Adern aufnehmen sollte ... Letzteres ist auf der Universität Göttingen neulich , das heißt umgekehrt , vorgekommen ; ein junger Student hat sich dazu hergegeben , sein Blut durch Transfusion in die blutleeren Adern einer jungen hinsiechenden Frau hinüberleiten zu lassen ... Die junge kranke Frau wurde neubelebt durch Studentenblut ... Wird sie ihn nicht ewig lieben müssen ? Scherzen Sie nicht , Asselyn ! Sie glauben nicht daran ? Dann glauben Sie auch nicht , wie zwei Freunde es machen müssen , die scheiden und sich in der Ferne treue Kunde geben wollen ? - Gesetzt wir beide ! Ich reise nächster Tage ganz aus Ihrer Nähe - und wer weiß , auf wie lange ! ... Asselyn ! unterbrach Armgart mit einem sanften Tone , setzte aber , sich sogleich beherrschend , hinzu : Wie machen es zwei Freunde , wenn sie sich trennen und sich voneinander Kunde geben wollen ? ... Sie ritzen sich gegenseitig eine Wunde , füllen das tröpfelnde Blut einer dem andern in die seinige und lassen so sie heilen ! Reist nun der eine gen Amerika und der andere gen Asien , so können sie sich ohne alles Briefporto , ohne alle Telegraphie im Nu verständigen . Der eine will dem andern sagen : Ich grüße dich von ganzer Seele ! - da nimmt er nur eine Stecknadel und sticht auf die geheilte Wunde . Im Nu fühlt der andere an derselben Stelle den Stich . Jetzt gibt er Acht ; dieser erste Stich war nur ein : Hab ' Acht ! Nun nimmt er ein Blatt Papier , einen Bleistift und zählt die fernern Stiche , die er fühlt . So kommen bestimmte Buchstaben zusammen und zwei auf diese Art blutsverbundene Freunde können über tausend Meilen weit im Nu sich sagen : Es geht mir wohl ! Ich liebe dich immer und ewig ! Ich sterbe ! ... Benno ! ... Es dauerte eine Weile , bis Terschka Weiteres hörte ... Sein Herz schlug so laut , daß es ihm selbst hörbar wurde ... Endlich schien Benno sich gefunden zu haben ... Wenigstens hörte Terschka die Worte : Zwanzig Meilen nach dem Westen , da gibt es ja noch Postverbindung ! Oder wollen Sie etwa weiter noch - nach dem Osten ? Vielleicht ... Wohin ? Nach Wien ! Terschka horchte auf ... Mit Ihrer Mutter ! sagte Benno gelassen ... Armgart schwieg ... Mit wem ? fragte er dringender ... Erzählen Sie mir von der Tochter des Meyers ! war Armgart ' s ausweichende Antwort ... Mit wem ? drängte Benno ... Wie ließ sie ihr Leben für den kranken Ritter ? Mit wem ? wiederholte Benno und rief diesmal so laut , daß Armgart ihn um aller Heiligen willen um Ruhe bat ... Was that die Jungfrau ? sagte sie dann ... Fragen Sie den Domherrn ! antwortete Benno mit hörbarer Erregung und voll Bitterkeit . Ich glaube , sie sollte sich auf den Secirtisch der Anatomie legen und sich von den Professoren zerschneiden lassen ! Das Mädchen , ein zweites Käthchen von Heilbronn , reiste richtig nach Salerno , bietet sich auf der Anatomie zu jedem Experimente an - Die Professoren erstaunen und , wie beim Opfer Abraham ' s schon der Wille für die That gewirkt hatte , so wird auch hier der Ritter gesund und heirathet die Tochter seines Meyers ... Das ist dumm ! wallte Armgart auf ... Wegen der Mesalliance ? Oder erwarteten Sie den Opfertod ? Gewiß ! ... Das Schicksal ist auch wol so gnädig , wie ihr Poeten ! Wo etwas Notwendiges von den Umständen vorgeschrieben wird , geschieht es auch ! Das steht in den Sternen ! Armgart ! Sie wollen so eigensinnig sein , wie manchmal denn doch - die Liebe Gottes nicht ist ? Welchen Opfertod suchen Sie denn ? Armgart schwieg ... Sprechen Sie , Armgart - ! Was wollen Sie in Wien - ? Ich beschwöre Sie ! ...