ihm , falls er sich bewährte . Seit einer Reihe von dreißig Jahren waren es Jesuiten gewesen , Priester oder Affiliirte , die ihr nahe standen . Der letzte ihrer Vertrauten , Abbé St.-Dor , ein Priester aus dem Convicte der Gesellschaft Jesu in der Rue Jean Jaques Rousseau , starb und empfahl ihr Sylvester Rafflard , einen Genfer , der in Turin gläubig , aber nicht Priester geworden war und sich nur als ein in weltlichen Dingen dienender Bruder zu den ehrwürdigen Vätern hielt , die ihm seine Existenz machten . Rafflard war nicht mehr jung , aber von einer unverwüstlichen Regsamkeit seiner fast thierischgebauten Constitution . Der große affenartig gebaute Kopf mit dem gewaltigsten hervorstehenden Unterkiefer saß wie auf dem Nacken eines Stiers . Die Schultern waren breit und rund wie die eines Lastträgers . Die Beine lang und weitausholend , die Arme fast über die Proportion ausgreifend und mit Händen begabt , die sich wie die ausgespreizten Füße eines watschelnden Wasservogels machten . Dieser Mensch verband die Giraffe mit dem Rhinoceros . Die ganze Natur Rafflard ' s war die Sinnlichkeit nicht nur des Magens und des Herzens , sondern auch die Sinnlichkeit der Augen , der Ohren , der Hände , des ganzen Menschen . Sein Wesen war wie das Schnalzen des Fisches . Er war die Aufdringlichkeit selbst . Seine großen Hände reichte er Jedem zum Gruße ; er umarmte , er küßte Jeden , er floß in einem Strom von salbungsvollen Liebesworten über und bot Jedem seine Freundschaft an . Er hatte sich von einer gewöhnlichen Herkunft allmälig emporgeschwungen durch das Princip , die ganze Menschheit wäre zu gewinnen durch die Süßigkeit der Vorstellungen , die das Gegentheil unsrer Existenz in Jedem zu wecken pflege . Er näherte sich den jungen Mädchen und sprach mit ihnen von der Ehe ; den Frauen und sprach mit ihnen von dem gebundenen Schicksal ihrer unabänderlichen Wahl . Jungen Männern malte er die süßesten Träume des Glücks aus , den Alten spiegelte er den Glauben vor , man hielte sie noch für jung . Jedem aber , den er leiden , unbefriedigt sah , nahte er sich mit der Versicherung , er errathe sein verfehltes Geschick , er ahne seine wahre Bestimmung . Die Frauen gewann er durch die theilnehmende Entdeckung , daß ihr Geist gebunden , gefesselt , an Gemeines entwürdigt wäre . Die Männer belauschte er in der geheimsten Sehnsucht ihres Ehrgeizes und beglückte die Strebenden mit glänzenden Bekanntschaften , die er in der That wie Visitenkarten aus seiner Westentasche zog . Sylvester Rafflard war der lebendige Versucher . Ewig legte er Denen , die er umstricken wollte , die Schätze ganz Jerusalems zu Füßen und verschenkte sie an Den , der sich ihm ergab . Er bot Alles an , Würden , Ämter , Ehrenzeichen , Geldmittel , Erfolge , schöne Frauen , je nachdem er das weltliche Streben einer Geisteskraft oder das träumerische Sehnen einer Phantasie vor sich fand . Und wenn man fragen wollte , wozu Sylvester Rafflard sich einer so unermüdlichen Verführung ergab , so ist nicht erwiesen , daß er geradezu schaden wollte . Er würde sich in diesem Falle bei seiner unausgesetzten Betriebsamkeit großen Gefahren ausgesetzt haben . Er wollte nicht einmal verwirren . Er wollte nur existiren , sich behaupten , im großen Stile existiren . Dazu bedurfte er hundert Beziehungen . Er mußte eine Beziehung auf die andre bauen , einen Trumpf gegen den andern ausspielen . Sonst war eigentlich seine geheimste satanische Freude Die , jeden Menschen gleichsam im Zustande der Natürlichkeit zu sehen . Wir wissen , wie Rafflard als Erzieher wirkte , wie es ihn reizte , schon das Gelüsten der ersten Knabenzeit zu beobachten . Wir wissen , daß Egon ' s früheste Lebensverstimmung , seine Verzweiflung am Dasein , die ihn von Genf nach Lyon , fort von allen Beziehungen seines Standes trieb , eine Folge der Verführung seines eignen Lehrers war . So aber wie Egon wollte Rafflard Jeden auf die Nacktheit seiner natürlichsten Schwäche zurückführen ! Da , wo der Mensch klein wird , setzte er den Hebel an ; da , wo der größte Mann zuweilen seinen Beruf vergißt , wußt ' er ihn sicherlich zu überraschen und hatte ihn dann auch für alle seine Pläne in der Hand . Im gewöhnlichen Verkehr war er liebenswürdig , gefällig und noch immer gern gesehen , wenn man ihm auch seinen asthmatischen Husten vergeben mußte . Diesen tückischen Dämpfer seiner guten Laune , diesen Störenfried seiner schleichenden Intriguen hatte ihm ein strafendes Geschick seit einigen Jahren mit auf den Weg gegeben . Dieser Katarrh hatte ihm schon , wie Das in der großen Welt geht , viele Freunde entfremdet , ja seinen liebsten Freund , den eignen Magen . Der alte Gourmand kaute stündlich Pastillen und verdarb sich damit eine Verdauung , die sonst thierisch war und seiner herkulischen Natur entsprach . Ein solcher Charakter , ohne Halt , ein reiner Lebensvirtuose , ein Künstler auf dem schlaffen Tanzseile des gefährlichsten Egoismus , muß durch innere Nothwendigkeit Jesuit werden . Seine Kenntniß der Zeit und der handelnden Personen überraschte Die , die ihn zu diesem Schritte ermunterten . Er hatte Verbindungen wie ein zweiter Graf St.-Germain. Selbst wo man ihm die Thür gewiesen hatte , wagte er wiederzukommen . Er wagte , Manchen sogar an Menschen zu empfehlen , die ihn verachteten . Gelehrte Kenntnisse besaß er nur oberflächlich . Aber vortrefflich sprach er über Sachen , die dem Gelehrtesten oft unentwirrbar blieben , über Lebensverhältnisse , Sitten- , Staatsbeziehungen . Da ihm Deutschland , die Schweiz , selbst Rußland bekannte Terrains waren , so imponirte er in Frankreich . Als Abbé St.-Dor starb , ergriff er mit Freuden die Gelegenheit , seine eigentlich fortwährend bettelnde Existenz zu sichern , die ihm seit seinem asthmatischen Husten vollends Bedenken erregte . Er hatte schwören müssen , die Ideen St.-Dor ' s zu verwirklichen . Es waren Dies mancherlei Aufgaben größerer oder geringerer Bedeutung