Renatus erwiederte darauf nichts ; das Gespräch drohte in ' s Stocken zu gerathen , und doch mochte er sich nicht immer wieder von Tremann vorwärts helfen lassen , mochte er nicht eben diesem Manne gegenüber den Anschein auf sich laden , als fehlten ihm die Leichtigkeit und Sicherheit , welche sein Vater in so hohem Grade besessen hatte , oder als fühle er sich in der Gesellschaft Paul ' s nicht frei . Er suchte nach einer neuen Anknüpfung ; die lange Parade am Morgen , die erschütternde Begegnung mit der Gräfin , das Wiedersehen von Seba , kurz , alles , was er in den wenigen Stunden durchgemacht und durchempfunden , hatte ihn jedoch ermüdet , und zu der unerfreulichen Ahnung , daß er durch Eleonorens Ankunft in den Bereich neuer Verwicklungen getreten sei , gesellte sich noch der Gedanke , wie Paul sich jetzt nicht nur im Besitze dieses Hauses , sondern zum Theil auch bereits in dem Besitze der Arten ' schen Güter befinde . Das befing Renatus vollends . Er konnte , wie er sich auch mühte , keine jener allgemeinen , gleichgültigen Bemerkungen machen , mit denen man sonst einem Fremden gegenüber einige Minuten gemeinsamen Wartens auszufüllen pflegt . Aber diese Unbeholfenheit wurde ihm immer drückender , ja , sie steigerte sich allmählich bis zum Verdrusse über sich selbst , bis zu einer Angst ; und als müsse er sich von derselben um jeden Preis befreien , als müsse er es durchaus erklären , was ihn beschäftige , sagte er plötzlich mit einer durch die Umstände in keiner Weise gerechtfertigten Lebhaftigkeit : Sie sehen , ich habe Ihren Rath befolgt ; Rothenfeld und Neudorf sind verkauft ! Paul neigte kaum merklich das Haupt . Und Sie sind im Militär geblieben , fügte er hinzu , und haben die Frucht dieses Entschlusses , wie ich mit Vergnügen hörte , schnell genug geerntet . Man hat Ihnen zu gratuliren ; Sie sind früh Major geworden ! Er hatte die Absicht gehabt , Renatus mit dieser Wendung von den ihm unerfreulichen Erinnerungen auf ein anderes Gebiet zu lenken , auf welchem ihm Gutes widerfahren und erwachsen war . Ueber diesen war jedoch mit der ersten Stunde , in welcher er sich zu dem Verbleiben in der militärischen Laufbahn entschlossen hatte , die rastlose Unzufriedenheit des Ehrgeizes gekommen , die sich nicht an dem Erreichten zu erfreuen vermag , wenn Anderen das Gleiche zu Theil geworden ist , und Tremann ' s Anerkennung von sich weisend , entgegnete Renatus : Ich bin nicht wesentlich früher als Sie im Heere vorwärts gekommen ; Sie waren ja auch zu Ende des ersten Feldzuges bereits Major ! Während des Krieges war die Gelegenheit mir günstig , bemerkte Paul ; das Avancement in der Landwehr machte sich bei den ungeheuren Verlusten , die wir erlitten hatten , schnell . Und wieder hatte trotz der beiderseitigen guten Absicht das Gespräch nach diesen wenigen Worten noch einmal sein Ende erreicht . Es war , als läge eine unausfüllbare Kluft zwischen ihnen , die zu überschreiten keiner von beiden die Brücke fand . Renatus meinte , es sei in seinen Verhältnissen geboten , seine Würde mit Zurückhaltung zu behaupten , und Paul fand keinen Grund in sich , dem Freiherrn eine besondere Zuvorkommenheit zu beweisen . Indeß die Unfreiheit , welche auf dem Anderen lag , fing Paul , dessen ganze Natur auf Freiheit gestellt war , zu belästigen an . Das Mitleid , welches er mit Renatus hegte , konnte ihn nicht verhindern , dieses Beisammensein beschwerlich zu finden . Unwillkürlich zog er die Uhr hervor , um zu ermessen , ob Seba noch nicht kommen , der Wagen noch nicht fertig sein könne . Das entging Renatus nicht , und als wolle er wenigstens in diesem Falle seine gesellschaftliche Ueberlegenheit behaupten , sagte er , sich gewaltsam überwindend , um eine neue Unterhaltung anzuknüpfen : Sie sprachen , als ich Sie bei meiner Rückkehr hier aufzusuchen veranlaßt war , von Einbußen und Verlusten , welche Ihr Haus während Ihrer Feldzüge erlitten hätte . Derlei stellt sich wahrscheinlich auch in Ihrer Lage so leicht nicht wieder her . Wie ist es Ihnen ergangen , was haben Sie gethan , seit ich Sie damals sah ? Paul ' s schönes Antlitz hellte sich auf . Es war ihm eine Erleichterung , daß Renatus sich von seiner Befangenheit loszumachen trachtete , und da er , wie alle tüchtigen Menschen , trotz der Enttäuschungen , denen Niemand mehr als eben solche unterworfen sind , doch immer wieder zum Glauben an den Menschen und zum Hoffen auf das Gute in der Natur desselben geneigt war , sprach er freundlich , wenn auch über die Art der Frage unwillkürlich lächelnd : Für Unsereinen , der mit seinem Thun und Lassen auf sich selbst gewiesen ist , läßt sich eine solche Frage nicht rundweg , nicht mit Einem Worte abthun . Indeß ich darf wohl sagen : ich habe nicht gefeiert ! - Dann , als besorge er , den Freiherrn mit solch kurzem Bescheide wieder in das frühere Unbehagen zurückzuwerfen , fügte er hinzu : Es sind nicht allein die großen Unternehmungen , es sind eben so wohl die kleinen täglichen Erfolge , welche uns vorwärts bringen ; und das Wachsen , das Gedeihen vollzieht sich überall in der Regel geräuschloser und weniger sichtbar , als das Zerstören und das Zugrundegehen . Es liegt für den Dritten , für den Zuschauer daher vielleicht kein besonderes Interesse darin , uns auf unserm Wege zu begleiten , unserm immer gleichen und doch in sich sehr wechselreichen Arbeiten zuzusehen , selbst wenn es , wie dies meist der Fall ist , mit den allgemeinen Nothwendigkeiten eng genug verbunden ist . Wir haben keinen Rang , keine äußeren Anerkennungen , als diejenigen , welche das Urtheil unserer Standesgenossen und Mitbürger uns zu Theil werden läßt ; denn jene Titel und Orden , welche der König einem Gewerbtreibenden gelegentlich verleiht , zählen nicht vor