, meine Herren , nennt man Börsen-Usance , und diese Usance herrscht nicht etwa blos bei den Jobbers und Kalauern ! « » Die große Presse könnte hier viel dagegen thun . « » Die Presse , Herr Baron , wird im Gegentheil auf das Schändlichste mißbraucht und verbreitet die Täuschung im ganzen Lande . Die Redacteure der großen politischen Zeitungen verstehen fast durchgängig Nichts von den Börsengeschäften und müssen diesen Theil ihres Blattes den engagirten Berichterstattern überlassen . Nun ist es leicht zu begreifen , wie die auftauchenden großen Geldinstitute bedacht sind , die Notirungen ihrer Papiere zu treiben . Wir haben Scandalfälle gehabt , nicht blos in Wien , sondern auch hier , daß die Börsen-Berichterstatter der politischen Zeitungen mit 20 , 30 , 50,000 Thaler Actien betheiligt werden , blos um ihr Interesse dafür zu gewinnen . Das Manöver ist ganz gewöhnlich ; die geheimen Akten der Institute in Braunschweig , Darmstadt , Dessau etc. könnten Wunderdinge davon erzählen . In den meisten Fällen bleibt die Sache natürlich diskret , nur zuweilen bei widerwärtigen Börsenzänkereien platzt die Bombe , es kommt ein förmlicher Handel mit den Notirungen und Poussirungen zum Vorschein , wie es vor einiger Zeit mit einer großen hiesigen Zeitung passirte ; man wechselt die Berichterstatter und - die Sache bleibt beim Alten ! Zum Theil auch - wie jener kleine Orientale dort , der so eifrig umherschiebt - spekuliren die Herren auf eigene Hand . Mundus vult decipi - es kommt Alles nur auf das Air an , mit dem es geschieht ! « » Aber den großen Banquiers kam diese Pfuschbörse doch unmöglich recht sein ? « » Es ist Nichts dagegen zu machen ; das Einzige , was sie thun können , ist , manchmal Einem oder dem Andern einen Genickschlag beizubringen , der ihm eben so rasch zum Bettelstab hilft , wie er reich geworden . Bemerken Sie den großen Mann da ? - er ererbte ein Vermögen von 200,000 Thalern und eines der brillantesten Geschäfte ; das Vermögen ist durch die Spekulation in Spiritus und Getreide binnen zwei Jahren verloren gegangen . Sehen Sie dort die orientalische Physiognomie ? - der Besitzer kam reich von Breslau hierher , spekulirte vortrefflich und verzehnfachte sein Vermögen . Seit drei Monaten aber fällt ihm jede Spekulation an der Börse gegen , es ist , als ob er mit Blindheit geschlagen wäre . Ich gebe nicht 1000 Thaler mehr zu Gunsten seiner Bilance , und fährt er noch vierzehn Tage so fort , so ist die Pleite unausbleiblich . « » Aber warum stürzt sich der Mann in sein Unglück ? « » Ein Jeder ist der Schmied seines Schicksals und seines Goldes . Es ist das Börsenfieber , das ihn ergriffen , und das so gut existirt , wie das Fieber am Roulet . Er wird daran verbluten , denn er ist ein ehrlicher Jude , dem der ehrliche Name über das Leben geht , und statt Bankerott zu machen , wie hundert Andere thun würden , wird er es mit dem Leben zahlen . Der Fall ist noch kürzlich mit einem reichen Banquier vorgekommen , der des Wuchers angeklagt war . Glauben Sie mir , meine Herren , das Spiel an der Börse ist verführerischer und zeigt ärgere Leidenschaften ruft krasseren Jammer hervor , als der verpönte grüne Tisch in Homburg oder Baden-Baden ! Nicht Alle wissen und wollen aus dem Bankbruch ihrer Habe oder ihres Rufs hervorgehen , wie jener Herr dort mit der ruhigen gemessenen Physiognomie , der vor einiger Zeit auf der Leipziger Messe den englischen Fabriken , die ihm Hunderttausende anvertraut , seine Zahlungseinstellung anzeigte , aus gesicherter Ferne 20 Procent bot und , nachdem dies Arrangement geschlossen war , sich jetzt Palast über Palast baut . Da , da - laufen zwei Spekulanten , die , der Eine zwei Mal , der Andere drei Mal , Bankerott gemacht haben und die jedes Mal reicher aus den Arrangements hervorgingen , wie sie gewesen waren . Für Jenen dort schossen vor vier Wochen , als er pleite war , seine guten Freunde an der Börse 1000 Thaler zusammen und heute hat er bereits wieder 20,000 erspekulirt . Und hier , - sehen Sie den Wicht im blauen Frack mit goldenen Knöpfen ? - der Mensch hat mehr als ein Mal wegen Diebstahls in Spandau gesessen und in seinem Vorzimmer antichambriren jetzt Barone und Grafen . « » Ich habe gehört , « bemerkte der Attaché , » daß sich der norddeutsche Adel mehr mit Geldspekulationen beschäftigt , als der unsere . « » Warten Sie , bis Sie die gehörige Anzahl Spiritusbrennereien haben , und es wird eben so sein . Der Spiritus und das Korn ist jetzt ein Spekulationsartikel , so gut wie die Eisenbahn-Actien . D ' rum hat man die Börsen auch zusammengeworfen . Dort am Fenster rechts steht ein Stettiner Jude , der jährlich hier an der Berliner Börse in Zahlen gerade noch ein Mal so viel Getreide in Zeitkäufen verhandelt , als ganz Europa produzirt . Er hat zu gewissen Zeiten tausend Wispel fortwährend unterwegs von einem Börsenort zum andern , blos um die Lieferungen fingiren zu können . Noch vor einigen Tagen machte er einen kolossalen Schlag , indem er über Nacht sämtliches Bahnhofsfuhrwerk miethete , so daß die Verkäufer nicht im Stande waren , die herbeigeholten Vorräthe , wie Börsen-Usance , von den Bahnhöfen in die Stadt zu schaffen und deshalb Tausende als Differenz zahlen mußten . Kaufmann und Produzent spekuliren jetzt mit dem täglichen Brot des Unbemittelten . Jener Mann , der hier vorbeigeht , hatte an einem der letzten Lieferungstage alles Korn aufgekauft und war so bescheiden , den Preis von blos hundert Procent für vierundzwanzig Stunden zu verlangen . Die Differenz wurde diesmal mit den Fäusten ausgeglichen und die Zahlungsart scheint jetzt Börsengebrauch zu werden . « Graf Pisani , der nur wenig auf die Redseligkeit seines Comissionairs gehört , sondern sich leise mit dem Abbé unterhalten hatte ,