die Schüsseln seines Nachtessens klappern , das man in sein Zimmer oben hinauftrug . Das beruhigte sie wieder . Sie dachte an Schlaf . Aber er floh sie . Bilder aus Italien , aus der Schweiz traten ihr entgegen . Eben lieblich und schön , dann verzerrt und beängstigend . Eine Gestalt schien sie besonders zu ängstigen . Sie erinnerte sie durch eine seltsame Gedankenreihe an Wasser , an einen übergetretenen , hohen Fluß . Hülfe ! Hülfe ! glaubte sie gerufen zu haben . Dann fuhr sie auf und sah sich um , fand Alles ruhig und legte sich auf eine andere Seite . Aber nun kam ihr Auguste Ludmer vor die Augen . Sie sah sie im Ballstaate mit geschminkten Wangen - sie sah Kerzen - Kronenleuchter - alle Tanzenden waren wahnsinnig - der Mann mit der schwarzen Binde , den sie so oft hatte nennen hören , führte Augusten in ihre Nähe , und diese knixte vor ihr und sagte ihr in wahnwitziger Rede : Schöne Dame , gib doch meinem Baron seinen Sohn ! Es war dann wieder , als wäre Mangold Der , der dies Mädchen führte ... und ebenso rasch gaukelte ihr ein Bild vor die Augen , wo Auguste zerschmettert auf dem Straßenpflaster lag und Franz mit einem Lichte drüber her leuchtete , und als sie nachsahen , war es eine edle reine Gestalt , die wie ein Engel schlummerte , ganz verklärt , ganz verändert , und sie sagte sich : Das ist ja Selma , aber mit Engelsflügeln ! Ach ! Sie schläft still und ruht sich von einem Leben aus , das ein ewiges Opfer war ! Dazwischen dann hörte es Pauline deutlich von den Stadtthürmen herüber zehn , elf schlagen . Aber es schlug schon halb zwölf und sie schlief noch nicht ... Sie stand ungeduldig auf , machte wieder Licht , nahm Brausepulver , wollte lesen und kleidete sich an . Kaum hatte sie eine Weile in das erste naheliegende Buch geblickt , als es heftig an der Thür schellte , die von der Straße in den Vorgarten führte . Die Glocke war groß und es schellte mächtig . Pauline ging an das Fenster und sah einen Mann an der Thür , der eben zum zweiten Male schellte . Um zu sehen , ob noch ihre Bedienung wach war , zog sie ihre Glocke . Lange dumpfe Stille ... Der Mann , den sie durch eine Ritze ihres halbgeöffneten inneren Fensterladens unterscheiden konnte , schellte zum dritten Male . Sie zog wieder ihre Glocke . Endlich regte sich etwas im Hause . Man ging und fragte vom Fenster , was es noch so spät gäbe ? Sie hörte , daß eine fremdartig klingende , das Deutsche etwas gebrochen mit polnischem Accent sprechende Stimme sagte , hier wäre ein Billet vom Prinzen Egon , das man der gnäd ' gen Frau morgen ganz in der Frühe beim Erwachen geben sollte . Wie schlug Paulinen das Herz , als sie diese Worte hörte ! Man nahm das Billet durch das Gitter . Der Fremde , der kein Bedienter war , ging ... Es wird Louis Armand sein ! dachte sie ... Sie kannte von Helenen die Umgebungen Egon ' s. Es wird der Sänger sein , der dem Prinzen durch seinen Gesang verrieth , daß die Freunde wachten ! Sie schellte wiederholt ... Franz kam . Eben wurde ein Brief vom Prinzen Egon abgegeben , sagte sie . Ich will ihn sogleich lesen . Franz kehrte um und nahm Ernsten erstaunt das eben empfangene Billet ab . Sie erbrach es hastig , wandte sich von den verschlafenen , zurücktretenden Dienern ab und las : » Gnädige Frau , erst eine Stunde lang hab ' ich in den Blättern meiner Mutter gelesen und den Rest überflogen . Dennoch bin ich schon zu der Überzeugung gekommen , daß ich Sie morgen in aller Frühe , um neun Uhr , wenn ich darum bitten darf , sprechen muß . Ich erkenne , was Sie sagten : Die Selige liebte nur Gott und sich . Vergeben Sie mir , daß ich so stürmisch , so wahnsinnig war ! Ich fühle , daß ich des Rathes einer weisen , vom Schicksal geprüften Frau bedarf , einer Frau , die über den gewöhnlichen Standpunkten des Lebens erhaben ist ! « Pauline nickte , als sie geendet hatte , einige Male voll tiefster Genugthuung mit dem Kopfe . Fühlst du ' s nun , Prinz Egon Waldemar von Hohenberg ! rief sie , die Bedienten nichtachtend , triumphirend aus . Krümmst du dich nun vor Paulinen von Harder , stolzer Jüngling , den die Schönheit Helenen ' s nicht so fesseln wird wie hinfort der alten Pauline Geisteskraft ? Zittere nicht , Egon ! Ich bedarf deiner , so wie du meiner bedarfst , und wenn du weise bist und mir deine starke Hand zur Stütze für den Rest meines Lebens leihst , so will ich dir zeigen , daß ich dich mehr liebe , als Helene d ' Azimont , mehr , mehr als selbst Amanda , deine eigne Mutter ! Franz stand in der Ferne und harrte noch auf einen Befehl . Um sieben Uhr wecken ! sagte Pauline , erschreckend , daß sie nicht allein war . Franz ging . Pauline aber verriegelte die Thür , las das rasch hingeworfene Billet beseligt noch einmal und noch einmal , entkleidete sich und warf sich heiter , beruhigt , ja lachend auf ihr Lager . Sie entschlief unter der süßen , reizenden Vorstellung eines neu für sie beginnenden Lebens . Im Bunde mit Egon und seinen geisteskräftigen Freunden ... was hoffte sie nicht Alles ! Was konnte sie nicht Alles wagen und noch vom Schicksal erwarten ! Ende des fünften Buches . Sechstes Buch Erstes Capitel Sylvester Rafflard Helene d ' Azimont bewohnte in einem sogenannten Hotel garni das erste Stockwerk . An Beschränkung nie gewöhnt , bedurfte sie nicht nur aus angeborenen Rücksichten ihres Standes