, er tadelte sich , daß er Eleonoren von derselben nicht gleich unterrichtet , daß er dem Abbé , ohne ihn genau genug zu kennen , sein Vertrauen gewährt hatte ; und er bereute das alles hauptsächlich , weil er , der danach getrachtet hatte , sich in dem ihm angeborenen Kreise unter seines Gleichen recht festzusetzen und auszubreiten , jetzt , da er einer Leidenden die Hand bieten , sie aufrichten und tragen wollte , sich es eingestehen mußte , daß es ein trügerischer Boden sei , auf dem er sich bewege , und daß er Niemanden , aber Niemanden in seiner genzen nächsten Umgebung und Verwandtschaft habe , von dem er in einem außergewöhnlichen Falle auf einen außergewöhnlichen Beistand rechnen dürfe . An wen von allen seinen Standesgenossen sollte er sich wenden , um Hülfe zu fordern für eine junge Gräfin Haughton , die , von der Liebe für einen katholischen Geistlichen über alle Schranken der gesellschaftlichen Zucht und Sitte fortgerissen , ihren Glauben gegen ihre Ueberzeugung abgeschworen hatte , und nun in halbem Irrsinne ihren Bekehrer mit ihrer Leidenschaft verfolgte ? Es war in Eleonorens Lage und Verhalten Alles dazu angethan , jene Frauen abzustoßen , welche in die Bewahrung ihres guten Rufes , in die strenge Unterordnung unter die hergebrachte Sitte , und in das Beharren innerhalb der ihnen durch ihren Stand und ihre Geburt angewiesenen Schranken ihre Ehre setzten . Renatus hatte von frühester Jugend an aus voller Ueberzeugung die engen und unwandelbaren Formen und Gesetze der sogenannten guten Gesellschaft als ein Heilsames und Nothwendiges anerkannt . Er hatte es von den Frauen seines Standes als ein Unerläßliches gefordert , daß sie selbst den geringsten übeln Schein zu meiden suchen sollten , und er würde noch in dieser Stunde jedem , auch dem leisesten Zweifel an einer zu ihm und seinem Hause gehörenden Frau , als Edelmann , auf edelmännische Weise zu begegnen für seine Pflicht erachtet haben . Hier aber lag nun Eleonore , dem härtesten Urtheile gerechten Anlaß bietend , unglücklich und verlassen , und doch nicht schuldig . Immer und immer wieder kam Renatus auf die eine Frage zurück : Wen soll ich rufen , ihr beizustehen und mir zu helfen ? Einen Priester seiner Kirche ? Der Arzt hatte dies eben so entschieden verboten , als die Zulassung eines protestantischen oder englischen Geistlichen , auf welchen die Dienerschaft der Kranken ihre Hoffnung gerichtet hatte . - Eine der älteren Frauen seiner Bekanntschaft ? Man war gegen ihn selber nicht ohne Voreingenommenheit , wie konnte er hoffen , für Eleonore ein gerechtes , ein nachsichtiges Urtheil zu gewinnen ? Wie konnte er erwarten , von denen , welche sich für makellos , für eine besondere und bevorzugte Menschenklasse betrachteten , das Erbarmen mit den Irrthümern und Fehlern eines Mädchens zu erlangen , das sich eben durch dieselben von dem Herkommen ihres Hauses und ihres Standes so auffallend entfernte ! Und er selber ? Nun , er hatte es ja auch für Pflicht erachtet , selbst den Schein des Unrechtes von sich fern zu halten , weil die Welt berechtigt sei , nach dem Scheine zu urtheilen - und der Schein war ganz entschieden gegen ihn . Heute , jetzt verstand er es , weßhalb der Heiland , an den er glaubte , nicht die Pharisäer und Schriftgelehrten zu seinen Schülern und Aposteln auserkoren hatte , weßhalb er sich mit seiner Lehre von der Liebe und von der Vergebung zu den Armen hingewendet , die der Liebe und der Vergebung sich selber bedürftig gefühlt hatten ; heute verstand er zum ersten Male , was Christus hingezogen zu der Sünderin . Nur Seba konnte ihm helfen , und was es ihn auch kostete , ihr zu nahen , gegen die er sich versündigt hatte , er mußte ihren Beistand fordern . Vorsichtig , um Eleonore nicht zu erwecken , die in Schlaf versunken war , zog er seine Hand aus der ihrigen , und ihren Leuten die nothwendigen Weisungen zurücklassend , machte er sich zu Seba auf den Weg . Es war zwei Uhr vorüber , als er an Tremann ' s Thüre den öffnenden Hauswart fragte , ob Fräulein Flies zu Hause sei . Die Herrschaft speise , gab man ihm zur Antwort , und Herr Tremann habe streng befohlen , daß man während der Mahlzeit Niemanden melden dürfe . Der Freiherr schützte dringende Geschäfte vor ; der Hauswart blieb bei seiner Weigerung , bis die Unruhe , welche Renatus nicht verbergen konnte , jenen anderen Sinnes machte . Er zog eine Schelle , welche in das Innere des Hauses ging ; der Diener kam heraus , und auf die Erklärung , daß der Herr Major das Fräulein zu sprechen wünsche und sich nicht abweisen lasse , forderte der Diener des Freiherrn Karte , nöthigte ihn , in das Vorzimmer einzutreten , und entfernte sich dann , den Bescheid für ihn zu holen . Wie sie das gelernt haben ! sagte Renatus unwillkürlich und mit Erstaunen ; als ob die Gewöhnung an Bequemlichkeit und an jene häuslichen Einrichtungen , welche vor unwillkommenen Störungen und Ansprüchen bewahren , das Vorrecht einer besonderen Menschenklasse wäre . Wie sie das gelernt haben ! Der alte Flies sprang noch behende von seinem Tische auf , wenn man im Laden schellte - und nun gar für Unsereinen ! Es blieb ihm jedoch zu diesen Betrachtungen nur kurze Zeit , denn der Diener brachte ihm die Antwort , daß die Herrschaft ihn zu empfangen bereit sei , und ging vorauf , ihn nach Seba ' s Zimmer zu geleiten . Er fand sie seiner bereits wartend ; aber sie war nicht allein . Paul war bei ihr ; denn nach den Erfahrungen , welche Graf Gerhard ihn bei Anlaß von Seba ' s Briefen hatte machen lassen , und nach der Weise , in der Renatus sich von dem Flies ' schen Hause zurückgezogen , meinte Paul seine Freundin vor jeder Begegnung mit diesen beiden Männern , so viel