Gräfin , wie sie ihn wiedererkannt , wäre der Arzt nicht Zeuge gewesen , wie Eleonore ihn nicht lassen wollen , wie sie sein Bleiben gefordert hatte , als habe sie ein Recht darauf . Er konnte es sich nicht verbergen , daß er jedem in die Verhältnisse nicht Eingeweihten als der Mann erscheinen mußte , dem Eleonore gefolgt war , der an ihrer Krankheit Schuld trug , und er hatte eben erst die langjährige Verlobung mit Hildegard aufgelöst , hatte sich eben erst verheirathet , eben erst seine Frau in die Gesellschaft eingeführt , deren Verhalten gegen seine junge Gattin ihm ohnehin nicht wohlwollend erschienen war . Die Kranke sich und ihrem Schicksale zu überlassen , daran dachte er nicht ; aber er sann darüber nach , wem er sie übergeben , wen er in die Lebens- und Herzensverhältnisse der Unglücklichen , so weit er selber sie zu beurtheilen im Stande war , einweihen dürfe , ohne sie dadurch gegen Eleonore einzunehmen , und er konnte Niemanden finden . Die Gräfin Rhoden war nicht in der Stadt , Cäcilie , wie sehr er sie auch liebte und ihr vertraute , war Eleonoren nicht gewachsen . Sie konnte er unmöglich zur Pflegerin Eleonorens machen , von ihr konnte er für diese keinen Anhalt hoffen ; er mochte auch den Schatten dieses düsteren Geschickes nicht auf die ersten , schönen Tage seiner Ehe fallen lassen , er mochte die harmlose Fröhlichkeit seines jungen Weibes nicht stören und nicht missen . Wie er nun so , zwischen einer berechtigten Selbstsucht und seinem Mitgefühl getheilt , vor- und rückwärts blickte , drängte sich ihm unwillkürlich der Gedanke in die Seele , daß seiner Familie von der Annäherung an die verstorbene Herzogin von Duras nichts als Unheil gekommen sei . Er grollte dem Tage , an welchem die Herzogin zuerst sein Vaterhaus betreten hatte , er verwünschte es , sie in Paris aufgesucht zu haben . Er begriff kaum , wie er überhaupt auf den Gedanken verfallen war . Hatte er doch sein Leben lang niemals vergessen können , wie heiter die Herzogin stets gewesen , als seine Mutter in dem Flies ' schen Hause schon zum Tode krank darnieder gelegen hatte ; wie sie an nichts gedacht , als an sich und ihr Behagen , während die treue Seba Tag und Nacht am Lager seiner Mutter gesessen und wie ein freundlicher Schutzgeist an demselben Wache gehalten hatte . Wie Jemand , der im Dunkeln , seines Weges ungewiß , angstvoll umhergetastet hat , plötzlich stehen bleibt und sich zurecht zu finden trachtet , wenn ihn aus der Ferne ein Lichtschein die rechte Straße ahnen läßt , so hielt Renatus plötzlich inne : denn jetzt wußte er , wo er Hülfe finden könnte . Eine Frau wie Seba that Eleonoren Noth , eine Frau wie Seba fehlte an diesem Krankenbette . Seba hatte die volle Einsicht in das Menschenleben , welche duldsam und barmherzig macht . Sie hatte die Schmerzen seiner Mutter in ihrem Busen treu bewahrt ; seine Mutter hatte ihres starken Verstandes , ihres großen Herzens in den Tagebüchern oft erwähnt , die in den Besitz ihres Sohnes übergegangen waren und die ihn bestimmt hatten , Seba aufzusuchen , als er vor neun Jahren zuerst nach der Hauptstadt gekommen war . Aber was lag alles zwischen dem heutigen Tage und jener fernen Zeit ! - Freilich hatte er nur mit tiefstem Bedauern , nur mit innerstem Widerstreben die Mittheilungen seines Oheims über dessen Liebeshandel mit Seba angehört und geglaubt ; indeß er hatte sie doch geglaubt ! Er hatte sie auf das Wort eines Mannes hin geglaubt , dessen Charakterlosigkeit er kannte , dessen frevelhaften Leichtsinn in Bezug auf Frauen , ja , dessen niedrige Sinnlichkeit ihm immer ein Gegenstand der Abneigung und des Mißtrauens gewesen waren . Er hatte Seba , von der er nichts als Gutes wußte und erfahren hatte , ohne eine Anfrage an sie , ohne sie zu hören verurtheilt . Seine Schwiegermutter , die sie schätzte , seine damalige Verlobte , die an Seba hing , hatte er von ihr entfernt , sich selber in schnöder Weise von ihr losgesagt , und das alles , weil ein Mann mit den leichten und sichern Umgangsformen der vornehmen Gesellschaft sich schamlos berühmt hatte , die Gunst dieser Frau besessen zu haben , als sie noch ein halbes Kind gewesen war . Als ob es eine Heldenthat oder eine große Kunst gewesen wäre , das Vertrauen der Unschuld zu gewinnen und zu mißbrauchen ! Und Seba hatte vielleicht einst eben so elend , eben so verzweifelnd , mit sich und mit dem Leben gerungen , wie jetzt die unglückselige Eleonore , die in ihren Phantasieen bald die heilige Jungfrau zu ihrem Beistande anrief , bald mit flehendem Verlangen den Namen des Mannes aussprach , den sie liebte und von dem sie , wie sie immer wiederholte , ihre Seele wiederhaben wollte . Alle diese Gedanken und Erinnerungen zogen in rascher Folge durch sein aufgeregtes Hirn , während er an dem Lager der Kranken saß . Der Zeiger der Uhr , welche auf dem Spiegeltische zwischen den beiden Vasen voll künstlicher Blumen stand , rückte mit melancholischer Sicherheit von Minute zu Minute vorwärts , und jede Minute steigerte mit der Unruhe und der Angst des Freiherrn ein nicht abzuweisendes , lastendes Schuldbewußtsein in seinem Innern . Er , der meist immer mit sich wohl zufrieden gewesen war , der sich stets mit selbstischer Leichtigkeit zurechtzusetzen gewußt , wenn er sich in irgend welchem inneren Zwiespalt befunden hatte , konnte heute dies Schuldbewußtsein nicht überwinden , und es bezog sich nicht auf eine bestimmte Person oder auf eine bestimmte Handlung , es war eine allgemeine Unzufriedenheit mit sich selbst , die sich seiner bemächtigte . Er fühlte sich schuldig gegen Seba , er war weniger als jemals darüber beruhigt , daß er den Grafen Gerhard einst so nahe an sich herangelassen hatte . Er warf sich seine frühe Verlobung mit Hildegard vor