schönen Erscheinung , gar nicht ahnen kann ? Und es gibt eine Linie , die , trotzdem daß sie nur Einem Pole zustrebt , doch schwankend ist wie die Magnetnadel , die Grenze zwischen » Gut « und » Böse « . Die Uebergänge sind oft schroff ; ganz deutlich unterscheidet sich das Oel vom Wasser ; aber ebenso oft auch rinnen sie ineinander und das schwache Herz , der Sünde schon verfallen , glaubt immer noch unter der Herrschaft reiner und gerechtfertigter Instincte zu stehen ! Shakspeare sah die Jesuiten erst entstehen . Sein Richard III. , der im Stande war ein Weib am Sarge ihres ermordeten Gatten für sich zu gewinnen , hatte jenen Basiliskenblick , der erstarren macht und jede moralische Entschlußnahme tödtet . Klingsohr , der , eben von der Leiche seines Vaters kommend , in einer dunkeln Nachtstunde von einer wild tyrannischen , imponirend dämonischen , seinen Idealen vom alten Feudalgeist des Mittelalters entsprechenden Natur überredet wird , sie zu schonen - da gehen die schwindelnden Wege im Nachtleben des menschlichen Gemüthes , die niemand sicherer zu wandeln weiß über Dorn und Klippe , fest an der Hand haltend den , den sie führen , als die Jesuiten ... Wie sollst du dich dem Menschen nahen ? Der Orden sagt : Ut si non bene ei succedant negotia ! 1 Oder : Etiam optima commoditas est in ipsis vitiis ! 2 Was hier zunächst nur vom Gewinn des Gemüths für die Gottseligkeit überhaupt gesagt worden ist , wurde es auch von jedem Gewinn für die Kirche selbst . So lebte Terschka seit einer Reihe von Jahren als täglicher Begleiter , Secretär , Geschäftsführer seines wirklich von ihm geliebten Freundes , des Grafen Hugo von Salem-Camphausen . Sorglos durfte er auf alles eingehen , was zu dessen Lebensverhältnissen gehörte . Er durfte die Mutter des Grafen auf Schloß Salem und in Castellungo besuchen . Er durfte sich dem großen Proceß widmen , durfte reisen im Interesse desselben , durfte die Anhänglichkeit an seinen Freund ohne jeden Eigennutz zur Schau tragen . Der Orden rechnete nicht auf das fünf- oder sechsunddreißigste Lebensjahr des Grafen , er begnügte sich mit einem Schritt , den dieser vielleicht erst in seinem sechzigsten , siebzigsten that . Die Stunden kommen dann schon , wo ein alter Podagrist verdrießlich über die Welt wettert , die jung bleibt , während ihm selbst die Zeit das Haar gebleicht ; die Stunden , wo man an einem kalten Winterabend bei Schneegestöber im warmen Zimmer sitzt , Anekdoten von der Vergangenheit durchspricht , die nicht mehr zünden wollen , und dann sagt : Terschka , Terschka , ich fange doch manchmal an zu moralisiren : was ist nun wol das Leben ! Und dann zuckt ein solcher mit ihm altgewordener , nun auch weißhaariger Freund , der das Gnadenbrot des Protectors ißt , die Achseln , spricht mit feinem Lächeln von der Ruhe , die ihm denn doch zuletzt sein Glaube gewähre , und hat einen Kreis von alten Chorherren , von alten devoten Damen , wo er seine Abende behaglich zubringt und auf die der alte Freund eifersüchtig wird . Nun einmal das schon kühnere Wort hingeworfen : Wenn man denn doch einmal positive Dinge glauben will , lieber Graf , so soll man es auch ganz ; lieber alles oder gar nichts ! Und das wird dann oft entscheidend ... Daraufhin schrieb einst die Gräfin Erdmuthe aus Castellungo , daß Lady Elliot sie besucht hätte und voll Verzweiflung aus Rom gekommen wäre : vierzehn Engländer hätten zu gleicher Zeit in der Katakombe San-Calisto das Abendmahl nach katholischem Ritus genommen - eben auch deshalb : » Will man einmal positive Dinge glauben , dann auch gleich ganz ; sonst lieber gar nichts ! « Terschka genoß das wiener Leben wie dafür geboren und erzogen . Er war der Matador der Gesellschaft und heiterer , als Graf Hugo , der mit den Jahren trübsinnig , nachdenklich und nur noch stoßweise von seinem alten Humor erheitert wurde . Terschka hatte seine Rolle nicht vergessen , aber sie erschreckte ihn eher wie die Mahnung an ein leicht herauskommendes Verbrechen , an dem er betheiligt war , als wie an eine ernste und ihm werthe Pflicht . Er konnte erbeben vor einem Brief mit geistlichem Siegel . Oft war es ihm in Abendstunden , wenn er über die Plätze Wien ' s eilte , als wenn in den dunkeln Schatten ihm eine verhüllte Person folgte . Die ganze Kette seines Lebens bis zu seinen ersten Anfängen lag dann vor ihm . Gedenke deines Mals am linken Arm ! rief ihm einst Nachts im Novembersturm eine Stimme an der uralten Kirche Maria zur Stiegen ... Es war eine Gaukelei seiner erhitzten Phantasie . Er kam von Angiolina , wo es glückliche , unterhaltende Abendstunden gab ... Dann stürzte er in den Beichtstuhl der Piaristen zu Maria-Treu , auf den er von Rom aus angewiesen war ... Kehrte er von der Josephstadt ins Innere Wiens zurück , so war es ihm oft , als müßte ihm aus einem der Fiaker , die an einsamer Stelle hielten , unterm lachenden Sonnenschein ein Unbekannter plötzlich winken , ihn zum Einsteigen auffodern und ihn mit sich zurücknehmen geradeswegs nach Italien in die unterirdischen Kerker , die es im al Gesù gab ... Oft auch wünschte er ' s , wenn sein Gewissen zu heftig zu schlagen , seine Furcht zu heftig ihn zu erschüttern begann . Für Terschka war der geistliche Stand nur das gewesen , was Andern die Schul- , Gymnasial- und Universitätsbildung überhaupt . Nur durch Sklaverei hatte er zu einer schöneren Freiheit gelangen können . Aber die Kette ließ ihn nicht . Er zog sie überall hinter sich . Er zog sie mit den Jahren schwerer und schwerer , unmuthiger und unmuthiger . Durch die ihm gestattete Freiheit trat er in eine lebhafte Welt der Discussion ein . Das war damals ein Geist der Freiheit , der Opposition gegen die Herrschaft