sittliche Empfinden stellt sich in verschiedenen Jahrhunderten verschieden . Eine Politik , wie sie der Große Kurfürst , ein frommer , strenggläubiger Mann , gegen Polen und Schweden übte , würde heute verabscheut werden ; damals nahm niemand Anstoß daran ; man bewunderte nur den klugen , patriotischen Fürsten ; – und zu allen Zeiten sind Wunder gemacht worden , nicht bloß von Betrügern , sondern auch von Priestern , die an einen ewigen , allmächtigen und wundertätigen Gott in aller Aufrichtigkeit glaubten . Wie wir schon an früherer Stelle sagten : das kleine Mit-Eingreifen , das Mit-Spielen ist kein Beweis für ein frivoles Sich-drüber-stellen über die transzendentale Welt . Der Hokuspokus bleibt ein Fleck an jener interessanten geheimen Vergesellschaftung , die durch eine seltsame Verkettung von Umständen in die Lage kam , Preußen auf zwölf Jahre hin zu regieren , aber ein billiges Urteil über den moralischen Wert derjenigen , die damals an der Spitze dieses Ordens standen , wird doch nur derjenige haben , der sich die Frage nach dem » guten Glauben « der Betreffenden vorlegt und gewissenhaft beantwortet . Daß Bischofswerder diesen » guten Glauben « hatte , haben wir in dem Kapitel Marquardt darzulegen getrachtet ; in betreff Wöllners steht uns das unverfänglichste Zeugnis zur Seite , das Zeugnis seines Antagonisten Nicolai selbst . Dieser schreibt über ihn : » Eine Menge kabbalistischer und magischer Worte verdunkelte nach und nach seinen hellen Kopf , und seine irregeleitete Einbildungskraft ließ ihn allenthalben Geheimnisse und Wunder sehen . Im Jahre 1778 war er bereits so weit , daß er die geheime Lehre der rosenkreuzerischen Philosophie für das einzig wahre Wissen hielt , für ein Wissen , das bald ganz allgemein werden und alle andere Philosophie verdrängen würde . « So Nicolai . Die Verurteilung der Richtung Wöllners wird hier , unbeabsichtigt , zur Anerkennung seiner persönlichen Aufrichtigkeit . Und dies genügt uns . Wie wenig Nicolai fähig war , der Richtung gerecht zu werden , glauben wir im vorhergehenden gezeigt zu haben . 1800 starb Wöllner zu Groß-Rietz , 1803 Bischofswerder zu Potsdam . Das Rosenkreuzertum ging mit ihnen zu Grabe . Ütz Ütz Wie reizend sind , du schönes Dörfchen Ütz , Heut ' deiner Gärten Äpfelblütenreiser , Dein gotisch Kirchlein , deiner Fischer Kietz , Dein Pfarrgehöfte , deine Bauernhäuser ... Die Pferde sind zur Rückfahrt angespannt , Vom Felde treibt der Kuhhirt durch die Gassen , – Du schönster Ort im ganzen Havelland , Wer könnte je dich ungerührt verlassen ! » Du schönster Ort im ganzen Havelland « , unter diesem Ausruf nimmt unser märkischer Poet par excellence , unser vielbespöttelter Schmidt von Werneuchen , von jenem stillen Haveldorfe Abschied , dessen etwas seltsam klingenden Namen wir an die Spitze dieses Kapitels gestellt haben . » Du schönster Ort « – wir wollen es , auf die Autorität unseres Freundes hin , glauben . Aber ob der schönste oder nicht , der stillste gewiß . Die Natur hat es so gewollt . Die Havel , die auf ihrem Mittellaufe überall Seen und Buchten bildet , streckt an dieser Stelle eine sackgassenartige Abzweigung , die » Wublitz « , tief ins Land hinein und bildet dadurch eine Wassergabel , die das von drei Seiten her umschlossene Stück Land zu einer Halbinsel macht . Auf dieser Halbinsel , tief innerhalb der Gabel , liegt unser Ütz , das , um eben dieser Lage willen , nur mit Hilfe einer Fähre , oder aber auf weiten Umwegen erreicht werden kann . Beides ein Hindernis im Verkehr . Eine kurze Zeit hindurch schien es , als sollte das stille Dorf mit in die Welt , von der es sonst abgeschlossen liegt , hineingezogen werden . Das war zu Ende des vorigen und zu Anfang dieses Jahrhunderts , wo das eine halbe Meile von Ütz gelegene Paretz , sozusagen die Hauptstadt dieser kleinen Halbinsel , in den Besitz König Friedrich Wilhelms III. überging . Um diese Zeit – der König wählte immer den Wasserweg – wurde Ütz zu einer viel genannten Fährstelle . Der Fischer , der den Dienst versah , hatte seine goldnen Tage ; an die Stelle der alten Fährmannshütte trat ein reizendes Haus im Schweizerstil , betreßte Röcke spiegelten sich im dunklen Wublitzwasser , und die Dorfstraße entlang , in der bis dahin bei Regenwetter die Dungwagen steckengeblieben waren , schaukelten sich jetzt die königlichen Kutschen . Das war bis 1810 . In den zwanziger und dreißiger Jahren flackerte es noch einmal auf , dann erlosch es ganz . Ütz war wieder das » stillste Dorf im ganzen Havelland . « Solchem stillsten Platze zuzuschreiten , wie wir jetzt tun , hat immer einen besonderen Reiz . Die Nauener Chaussee , die wir halten , läuft parallel mit der Wublitz , und je nach den Sattlungen des Weges schwindet Ütz und erscheint wieder ; immer neue Verschiebungen treten ein , und bald hinter hohen Pappeln , bald hinter Weiden hervor schimmert das goldene Kreuz seiner Kirche . Unser Weg hat uns endlich bis in die Höhe des Dorfes geführt , und nach links hin einbiegend , stehen wir nach einem kurzen Marsch am Ufer des mehrgenannten Havelarms , der sich selbst und seinen Zauber bis dahin vor uns verbarg . Drüben liegt das Fährhaus . Aber der Blick nimmt uns so gefangen , daß wir unser » Hol über ! « unterlassen und zwischen ausgespannten Netzen auf einem umgestülpten Kahne Platz nehmen , um das Bild auf uns wirken zu lassen . In Terrassen baut es sich auf : zuunterst der Fluß , tief und still und mit den breiten Blättern der Teichrose überdeckt ; dahinter ein Schilfgürtel , dann Obstgärten , dann über diese hoch hinaus die alten Ulmen der Dorfgasse , und wieder hinter den Ulmen , am Abhang aufsteigend , die weißen Häuschen des Dorfes , das Ganze gekrönt von zwei altmodischen Windmühlen , die von dem bastionartigen , gründossierten Mühlenberge aus den Vordergrund überblicken und ihre Flügel so lustig drehen ,