den Sohn des Obertribunalspräsidenten , meinen künftigen Schwager . Durch diese Heirathen statt uns zu einen , trennten wir uns . Es ist so der Gang aller Jugendfreundschaften . Ich begab mich , als Witwe , wieder leidend , wieder meiner Gesundheit wegen , auf Reisen , meine Begleitung und treue Pflege war der Obhut meiner älteren Dienerin anvertraut , die noch jetzt die Führung meines Hauswesens besorgt . Ich war in der Schweiz , in Frankreich , in Italien . Ich habe ein bewegtes Leben in meine Erinnerungen eingeschlossen und vielfach versucht , das Glück der Erde , das mir nur für kurze Zeit zugemessen schien , wahr und an der Quelle rein zu genießen . Ich reiste selbstständig und war , wenn man mich nach jetzigem Sprachgebrauch und damaliger Sitte nennen will , halb und halb emancipirt . Der Liebe dürstete mein ganzes krampfhaft bewegtes Herz entgegen : ich suchte , ich wurde gesucht , fand aber nur ein Band , das mich ganz fesseln konnte , einen , den ich liebte . Der , den ich anbetete , hieß Heinrich Rodewald , ein junger Mann von seltener Prädestination . Zu jeder Kunst besaß er die Anlage , zu jeder Wissenschaft die Vorkenntnisse . Genial war seine Auffassung des Lebens . Es kommt so etwas nicht wieder in Eurer jüngeren zerstreuten , oberflächlichen Generation ! Er hatte erst dem Studium der Rechte obgelegen , war dann in den damaligen heiligen Krieg gezogen , kehrte mit Ehrenzeichen geschmückt heim und wollte zu den Studien zurück . Durch einen Glücksfall erwarb er eine kleine Summe , die er auf eine italienische Reise verwenden wollte . Er bedurfte dieser Anregung , um sein durch die Abenteuer des Krieges in Gährung gerathenes Blut , das nicht am Studirtische ausdauern wollte , einigermaßen zu beruhigen , den Tumult seiner Adern einigermaßen zu bändigen . Er wollte zur Rechtskunde als Lehrer dieser Wissenschaft zurückkehren und gedachte in Italien den alten und manchen eben erst entdeckten Quellen der römischen und mittelalterlichen Rechtssatzungen nachzuforschen . Dabei liebte er Malerei und Plastik und schwärmte wie damals Alle ... Ach , Ihr kennt in Eurem politischen Hader und Eurer Zeitungsbildung die majestätischen Klänge nicht , die damals durch die Herzen der Jugend tönten - Das war ein Ahnen , ein Sehnen , ein Suchen , ein Erfassen ! Das war ein Cultus der Musen , ein Forschen nach Wahrheit ... Heinrich Rodewald lebte nur in Goethe , in Dante , Rafael , in Schelling . Er kannte die Alten , studirte die mittlere Epoche und lebte fast in derselben Entwickelung wie Byron . Er dichtete nicht , aber sein Leben war ein Gedicht . O was preis ' ich ihn , da ich ihn doch hassen sollte ! Ich begegnete Heinrich Rodewald in dem ahnungsreichen , jugendlichen Rheinthale , das zwischen dem Bodensee und Chur den Anfang der Straße bildet , die durch die Via mala nach Italien hinüber führt . In Ragaz braucht ' ich die von Pfäffers an der wilden Tamina hin herabgeleiteten Bäder . O mein Prinz , ich schildere Ihnen diese Erinnerungen nicht , weil ich weiß , daß eine Zeit kommen wird , wo sie Ihnen Werth haben dürften , ich schildere sie Ihnen , um Ihnen zu zeigen , daß zwischen Ihrem Zorn , Ihrem Mistrauen , Ihrem Haß Herzen , Erinnerungen , vergangene Seligkeiten und überwundene Qualen zittern und zu schonen sind . Ich will Sie vom Standpunkte der gemeinen Neugier , der Sie mich vielleicht zeihen , auf einen höheren führen . Denken Sie an die Stunde , wo Sie einst Helenen d ' Azimont am See von Enghien zum ersten Male entgegentraten oder der Tage , da Louison Armand an den Ufern der Rhone Sie zum ersten Male sah ! Egon machte eine Bewegung ... nicht der Rührung , sondern des Unmuthes . Er mochte von Paulinen an Verhältnisse nicht erinnert werden , zu deren Kenntnißnahme sie ihm nicht würdig schien : von Jedem vielleicht , von Paulinen nicht . Pauline , seine Kälte wohl bemerkend , fuhr fort : Mein Prinz , seit dem Tage , als ich in dem kleinen Abteigarten von Ragaz mit meiner Führerin , Charlotte Ludmer , lustwandelte und der Blumen mich erfreute , die dem steinigen Boden an einem kleinen Springbrunnen entsprossen , als mir Heinrich Rodewald da zum ersten Male entgegentrat , in seiner hohen , männlichen Schöne , in braunen Locken , in edler , freier Stirn , halb noch etwas Militairisches in seinem Wesen , halb der sinnende Gelehrte ... und ein Ton aus seinem Munde drang , ein Organ , ein Klang , ein Hauch , würdig , die Worte eines Geistes zu tragen , der immer tief , immer lieblich und eigenthümlich in seinen Wendungen war ... werden Sie nicht ungeduldig , Prinz ! O , es wird eine Stunde kommen , wo jedes Atom der Erinnerung an Heinrich Rodewald Sie erschüttern wird ... Ich höre ja ! Ich höre ja ! sagte Egon ungeduldig ; aber was soll mir Heinrich Rodewald ? ... Rodewald , fuhr Pauline scharf und den Ton jetzt desto schärfer auf diesen Namen legend , fort , Rodewald war jünger als ich . Unser Verhältnis war erst Werthschätzung , dann Liebe und als ich Elende von meinen Leiden gefoltert wurde , war ich selbst von der Freundschaft beseligt , die einer Liebe folgte , deren Band durch eine neue Ehe zu heiligen von manchen Vorurtheilen der Welt verhindert wurde . Ich muß mir leider versagen , Ihnen zu schildern , wie ich mit Rodewald stand , als ich nach neun Jahren des innigsten Zusammenhanges mit ihm , der sich auch nach der Rückkehr aus Italien von Weltvorurtheilen nicht stören ließ , in einem tirolischen Badeorte Landeck , die Freude hatte , mit meiner geliebten Amanda , damaligen Gräfin Hohenberg , zusammenzutreffen . Welche Frau ! Wie sanft und gut ! Wie weich und zart ! Prinz ... werden Sie nicht ungeduldig , es