warf sie , noch ehe ihr Diener oder der Wirth ihr dabei Hülfe leisten konnten , Hut und Mantel von sich , und sich zu dem Wirthe wendend , fragte sie , Französisch sprechend , ob er ein Verzeichniß der Fremden besitze , welche sich in diesem Augenblicke in der Stadt befänden . Betroffen von der Jugend der Fremden wie von ihrer Schönheit , die trotz ihrer Blässe und den Leidensspuren in ihrem Antlitze noch etwas Ueberwältigendes hatten , bejahte der Wirth die Frage , und alle seine andern Anerbietungen von sich weisend , befahl sie ihrem Diener , mit dem Wirthe hinab zu gehen , und ihr das betreffende Blatt herbei zu schaffen . Unruhig schritt sie während dessen in dem saalartigen , großen Gemache auf und nieder . Sie trat an das Fenster und blickte hinaus ; aber weder die fremde Stadt , noch das kriegerische Gepränge , das sich vor ihren Augen entwickelte , selbst nicht der Schall der Musik vermochten ihre Aufmerksamkeit auch nur für Sekunden zu fesseln . Gleichgültig , als hätte sie in eine Oede oder in die Dunkelheit hineingeschaut , wendete sie sich in das Zimmer zurück , und nur nach ihrer Uhr sah sie zu verschiedenen Malen , als vergesse sie von einer Minute zu der andern , was sie gesehen habe , und als hange doch Alles für sie daran , genau zu wissen , wie weit die Stunde vorgeschritten sei . Mit einer Ungeduld , welche sich in jeder ihrer Bewegungen verrieth , trat sie ihrem Diener entgegen . Sie nahm ihm das Zeitungsblatt aus der Hand , und es mit raschem Auge durchfliegend , blieb ihr Blick endlich auf einer Stelle des Verzeichnisses haften . Sie las sie zwei , drei Mal , als wolle sie sich ihrer Sache sicher machen , als wolle sie die Namen nicht vergessen , und das Blatt auf den Tisch niederlegend , befahl sie dem Diener , während sie die Notiz in ihr Taschenbuch verzeichnete , ihr den Mantel zu reichen . Zögernd blieb der Alte stehen . Sie wollen wieder fort , Mylady ? fragte er mit sichtlicher Besorgniß . Vier Tage und vier Nächte sind Sie in keinem Bette gewesen ! Sie halten es nicht aus , Sie haben wahrlich Ruhe nöthig , Mylady ! Hast Du die Phrase auch gelernt ? rief sie , und ein eisiges Lächeln glitt über ihr stolzes , schönes Antlitz . Sei ohne Furcht , Du sollst schlafen diese Nacht ; jetzt aber komm ! Sie hatte ihren Mantel selbst über ihre Schultern geworfen , und der Thüre zuschreitend , gebot sie dem Alten , einen Lohndiener anzunehmen , der sie nach dem Gasthofe führen könne , dessen Namen sie dem Diener angab . Der Alte aber trat ihr in den Weg . Mylady , sagte er , nur das nicht , nur das thun Sie nicht ! Ich habe die selige Frau Gräfin noch auf meinem Arme getragen und das Wappenschild über der Thüre befestigt , als wir sie verloren haben . Was Sie von mir verlangt haben , ich habe es gethan , Mylady , und ich habe mich nicht unterfangen , zu fragen , was Sie beabsichtigten , denn das war nicht meines Amtes . Aber heute , heute beschwöre ich Sie : gehen Sie den Weg nicht , den Sie jetzt eben gehen wollen - gehen Sie ihn nicht ! Es ist Ihr Untergang , Mylady ! Sie blieb stehen ; das gab dem Alten Muth . Lassen Sie mich gehen , schreiben Sie , Mylady ! Ich will eilen , schneller , als Sie jetzt durch die abgesperrten Straßen und durch die Menschenmenge dringen können .... Ich kann nicht - kann nicht schreiben ! rief die Herrin ungeduldig . So will ich ihm sagen , daß Sie hier sind , will ihn holen .... Du ? - ihn ? Sie lachte . Du - ihn - wenn meine flehenden Bitten , meine verzweifelnden Thränen ihn nicht halten konnten ? Aber was hoffen Sie , was wünschen , was wollen Sie denn jetzt , Mylady ? Sie gab ihm keine Antwort , und mit festem Schritte an ihm vorübergehend , verließ sie das Gemach . Der Alte folgte ihr mit einem schweren Seufzer nach . Durch Seitenstraßen , auf weiten Umwegen führte der Lohndiener sie nach dem Gasthofe , dessen Namen man ihm aufgegeben hatte . Es war gegen den Mittag hin , die Kellner in dem Hause mit Vorbereitungen für die Mahlzeit beschäftigt . Das Kommen der Fremden ward nur von dem Hauswart bemerkt . Sie selber erkundigte sich , ob derjenige , den sie suchte , zu Hause sei . Der Hauswart verneinte es , wußte aber , daß er zur Mahlzeit wiederkehren werde . Oeffnen Sie mir sein Zimmer , ich werde ihn erwarten ! befahl die Dame in einem Tone , welcher es deutlich verrieth , sie sei gewohnt , daß man ihr gehorche . Trotzdem zögerte der Hauswart , ihr Folge zu leisten , und erst die Weisung des ihm bekannten Lohndieners bestimmte ihn , dem Verlangen der Fremden zu willfahren . Fest entschlossen , wie ihr ganzes Wesen sich kund gab , betrat sie das Gemach . Sie schien ruhiger zu werden , als sie sich in demselben befand . Sie legte den Mantel und den Hut von sich und setzte sich nieder . Sie hatte das noch nicht gethan , seit sie ihren Wagen verlassen hatte . Ihr Diener und der Führer entfernten sich auf ihren Wink . Wie sie vorhin rastlos auf und nieder gegangen war , blieb sie jetzt regungslos auf dem erwählten Platze sitzen . So oft ein Fußtritt auf der Treppe hörbar wurde , so oft man sich von außen im Vorübergehen dem Zimmer näherte , schreckte sie zusammen , schien sie sich erheben zu wollen ; indeß sie überwand sich , und die Hand auf die Lehne des Sessels gepreßt , die Lippen fest geschlossen , hielt sie ihr