mögen - aber es war zu spät . Er hatte keine Wahl mehr , er mußte vorwärts ! Vorwärts ging er also , und die umgestaltende Ueberlegung , die Trösterin aller derjenigen , welche einer Beschönigung für ihre Verhältnisse bedürfen , kam auch ihm zu Hülfe , indem sie ihn antrieb , seinen besonderen Fall in dem Lichte einer allgemeinen Nothwendigkeit zu betrachten . Er sagte sich , daß seit Jahrhunderten der Adel in allen europäischen Staaten sich um die Throne geschaart , und in den Dienst der Fürsten begeben habe , mit denen er auf diese Weise ein wenn auch nicht ausgesprochenes Schutz- und Trutzbündniß eingegangen sei . Die Fürsten und der Adel standen jetzt fast immer und fast überall für einander ein , waren , wie Renatus dessen eben erst in Frankreich Zeuge gewesen war , auf einander angewiesen und standen und fielen mit einander . Renatus folgte also gleichsam einem Naturgesetze , wenn er sich der Minderheit so fest als möglich anschloß , in welcher er geboren worden war , jener Minderheit , die sich das Herrschen als ihr angestammtes Recht zuschrieb und sich nur erhalten konnte durch Einigkeit in sich und Einigkeit wider alles , was sich ihr widersetzte . Er war , als er sich noch im vollen Besitze aller seiner Güter geglaubt hatte , nur mit Widerstreben in das Heer getreten , und die Zeitverhältnisse hatten ihm in demselben zu bleiben geboten , obschon sein Sinn von Natur dem Kriege eben so wenig als der strengen Disciplin geneigt gewesen war . Jetzt aber waren das Heer , der Dienst ihm eine Zuflucht und ein Anhalt , jetzt bedurfte er des königlichen Schutzes , der Gnade seines Herrn . Er wünschte , für sich und die Seinigen die persönliche Gunst des Königs zu erwerben . Er hatte es in Frankreich kennen gelernt , welche Vortheile es gewähren kann , sich in dem Kreise der Gnadensonne zu bewegen , und wie er bei dem Beginne seiner Ehe voll der besten Vorsätze für dieselbe gewesen war , so war er bei der Uebernahme seines neuen Amtes auch entschlossen , mit Selbstverläugnung ein unbedingt ergebener Diener seines Herrn und Königs zu sein . Fünftes Buch Erstes Capitel Unser Leben würde sehr leicht sein , wenn wir uns an dem Tage , an welchem wir es aus Ueberzeugung oder aus Nothwendigkeit umgestalten wollen , nicht eben auf demselben Boden befänden und auf ihm weiter gehen müßten , aus welchem unsere ganze Vergangenheit erwachsen ist ; es würde gar leicht sein , wenn unser neues Gewand bei dem Fluge , mit dem wir uns emporzuschwingen denken , nicht hier an den dürren Aesten eines alten Baumstammes hängen bliebe , den vielleicht einer unserer Altvorderen gepflanzt und den rechtzeitig aus unserem Wege fortzuräumen wir verabsäumt haben ; wenn nicht dort Gestrüpp und Ranken , in deren Bereich wir uns umhergetrieben , unsere freie Bewegung hinderten ; wenn wir es allein mit uns und mit der Zukunft , statt mit der Gesammtheit , der wir angehören , und mit ihrer und unserer ganzen Vergangenheit zu thun hätten . Das sollte der Major von Arten an sich selbst erfahren . Allerdings fand er es in keiner Weise schwer , sich in seinem Regimente so zu stellen , wie er es beabsichtigte . Man hatte ihn immer gern gehabt ; er besaß nichts von jener herausfordernden Selbständigkeit , welche einen Mann unbequem für seine Vorgesetzten oder drückend für seine Untergebenen macht , und in einer Zeit , in welcher in der Armee der militärische Geist und das Gamaschenwesen , im Gegensatze zu dem bürgerlichen Geiste und dem auf den Universitäten noch nicht unterdrückten Freiheitssinne , mit großer Geflissenheit begünstigt wurden , konnten der Diensteifer und die peinliche Genauigkeit , mit welchen der Major von Arten auch die kleinlichsten Dienstvorschriften zur Ausführung zu bringen strebte , nicht unbeachtet bleiben . Dazu wollte es das Glück , daß einer der königlichen Prinzen Inhaber des Regiments war , daß Renatus also seine Thätigkeit unter dessen Augen entwickeln konnte und daß der Prinz selber ihn dem Könige mit einem anerkennenden Worte vorzustellen sich geneigt erwies . Es war schon im Beginne der kalten Jahreszeit , als man zu Ehren eines von seinen Reisen nach Rußland zurückkehrenden Großfürsten noch eine der großen Paraden abhielt , welche sonst in diesen Monaten nicht mehr Statt zu finden pflegten . Die Straßen , welche nach den Linden führten , waren für den Verkehr gesperrt , und die Fremden , welche in ihren eigenen Wagen , denn von der Zeit der Eisenbahnen war man noch weit entfernt , während dieser Stunden in der Hauptstadt eintrafen , hatten Noth , nach den Unter den Linden gelegenen Gasthöfen zu gelangen . Sie mußten ihre Fuhrwerke jenseit der abgesperrten Straßen unter Aufsicht ihrer Leute stehen lassen und ihren Weg nach den gewählten Häusern zu Fuß zu finden suchen . So langte denn während jener großen Parade , als die allgemeine Aufmerksamkeit der Menge sich auf den König und den russischen Gast gewendet hatte , welche , von ihrem prächtigen Gefolge begleitet , langsam an den regungslos da stehenden Reihen der Regimenter vorüberritten , in dem berühmtesten Gasthofe jener Tage auch eine Fremde ohne ihren Wagen an . Der Diener , welcher sie begleitete , forderte zwei herrschaftliche Zimmer und zwei Stuben für die Dienerschaft , nebst einem Unterkommen für den Reisewagen , mit dem die Kammerfrau jenseit des gezogenen Cordons zurückgeblieben war . Die Fremde war in einen langen und weiten Reisemantel eingehüllt , ein tiefgehender Hut , ein dichter Schleier verbargen ihr Gesicht ; aber ihre hohe Gestalt und ihre gebieterische Haltung kennzeichneten sich trotzdem . Sie hörte der flüchtigen Verhandlung , welche ihr Diener mit dem Besitzer des Hauses pflog , schweigend zu und folgte dann dem Wirthe , der , mit sicherem Blicke eine vornehme Frau in seinem neuen Gaste erkennend , ihr mit Dienstbeflissenheit voranschritt , um ihr die von ihr gewünschten Räume anzuweisen . Aber kaum in ihrem Zimmer angelangt ,