den Zeitungsblättern hatte sie und zu seinem Erstaunen auch der Oberst erfahren , daß Capitain Meyendorf im Stabe des Fürsten Gortschakoff der Belagerung von Silistria beigewohnt hatte . Sie erfüllte die Pflichten der Gattin stumm und still , in ihr Schicksal und ihr erhabenes Opfer ergeben , aber ihr Leben war freudlos und bleicher wurde täglich die Wange , trüber das sonst so trotzige , feurige Auge und an dem Herzen nagte der giftige Wurm . Denn wenigstens wußte sie jetzt , wie tief und bitter sie sich in dem Manne getäuscht , dem sie in jener unglücklichen Stunde angetraut worden ; sie hatte seinen Character voll Habgier und Ehrgeiz sich vor ihr entlarven und sich jener geschickten Maske liberaler Principien und der Begeisterung und Thätigkeit für die Revolution entkleiden sehen . Nur der Egoismus waltete in ihm und leitete seine Schritte und seine trügerischen Handlungen . Schon der erste , den er nach der Heirath gethan , war eine Verständigung und Aussöhnung mit der österreichischen Regierung , die ihn , somit den Besitz des bedeutenden Grundvermögens seiner jungen Gattin sicherte . Es ging das Gerücht , daß er seitdem zu mehreren diplomatischen Missionen verwandt worden sei , deren Character stark das Gegentheil seiner früheren Tendenzen zeigte . - Die Gräfin saß in dem durch die Thür geschlossenen Nebenzimmer , mit einer weiblichen Handarbeit beschäftigt , am Fenster , während der Graf , in der Bergère lehnend , eine Cigarette rauchte und mit bald hochmüthigem , bald scharf beobachtendem Blick seinen Gast betrachtete . Dies war die als Banquier Thomas aus Wien im Fremdenbuch verzeichnete Person . - Der sorgfältig arrangirte Haarwurf verdeckte die Tonsur auf dem Scheitel und nur die spitze schlaue Physiognomie rief das Bild des kleinen hagern Abbé zurück , dem wir im Salon der Frau von Czezani in Wien begegneten . Der Abbé oder Pseudo-Banquier saß in einem Fauteuil , halb hinter der breiten Lehne verborgen ; das Manöver , sein Gesicht möglichst im Schatten zu halten , hatte ihm aber wenig genützt , denn der Graf war ein zu erfahrener Kämpe , um nicht auch seinerseits diese Vorsicht zu beobachten . So saßen die beiden Intriguanten einander gegenüber , gleich zwei gewandten , sich ihrer Kraft bewußten Gegnern , Jeder bemüht , eine Blöße des Andern zu entdecken . - » Der Zufall oder das Glück wollten mir wohl , Graf , « sagte der Abbé , » daß ich Sie gerade jetzt in Berlin treffen mußte . Man erwartete , wie ich höre , in Turin Ihre Rückkehr von London erst im nächsten Monat . « Es schien ein verborgener Sinn in den Worten zu liegen , denn der Graf nahm die Cigarette aus dem Munde und warf einen raschen Blick nach ihm . » Bitte - wer erwartete mich ? « » Ei - Graf Cavour und die Brüder La Marmora ! « Der Schlag war direct und eine leichte Röthe überzog das Gesicht des Getroffenen , der unter einem erkünstelten Lächeln seinen Aerger zu verbergen suchte . » Unsere Obern , lieber Freund , « sagte er endlich , » sind zwar immer sehr gut unterrichtet , aber seit sie gezwungen wurden , Paris zu verlassen und in den Canton Tessin überzusiedeln , scheinen sie doch einige Fäden aus der Hand verloren zu haben . « » Unsere Obern ? « - der Abbé blickte ihn schlau von der Seite an . - » Wir dürften also hoffen , in dem künftigen General noch immer ein eifriges Mitglied des Bundes der Unsichtbaren zu besitzen ? « Diesmal wurde der Graf dunkelroth , dennoch überging er die Pointe der Antwort und sagte möglichst unbefangen : » Wie mögen Sie oder andere Bundesmitglieder daran zweifeln , wenn ich auch in letzterer Zeit weniger Gelegenheit gehabt habe , thätig zu sein . Sie wissen so gut wie ich , wenn Sie mich auch wenigstens vorläufig nicht daran erinnern wollen , daß uns außer unserm Eide manche Dinge der Vergangenheit unauflöslich verbinden - « » Auch seitdem - zum Beispiel : Parma und der 26. März ! « » Still um Gotteswillen ! - was ich sagen will ist , daß ich unverändert der Ihre bin , so weit es meine anderweiten Verhältnisse mir gestatten . « » Die sich durch die Heirath mit der schönen Nichte des Fürsten Esterhazy allerdings bedeutend verändert haben . Wir sind gewiß nicht unbillig , lieber Graf und ehren nicht blos das Recht der Flitterwochen , sondern selbst des Flitterjahres , tragen auch den Verhältnissen alle Rechnung und wünschen nur , daß unsere ehemaligen Mitglieder - wenn sie uns nicht mehr brauchen - unsere Pläne wenigstens nicht durchkreuzen . « » Wie meinen Sie das ? « Der Abbé schien die Frage zu überhören , wenigstens antwortete er nicht direct . » A propos , Graf , wie hoch beläuft sich jetzt die active sardinische Armee ? als jetziger Adjutant des Generals La Marmora werden Sie das genau wissen ? « Diesmal schaute der Oberst Jenen von der Seite an . » Fünfundvierzigtausend Mann , Abbé . Seit wann beschäftigen Sie sich mit militairischer Statistik ? - Doch , « fuhr er , rasch zu einem andern Gegenstand übergehend , fort , » da ich mich seit zwei Monaten auf Reisen befinde , weih ich wenig von dem Stande der Verbindung und bitte Sie um einige Mittheilungen . « » Sehr gern , Herr Graf , um so mehr , als ich Ihre Aufmerksamkeit doch dafür in Anspruch genommen hätte . Sie werden sich erinnern , daß am 26. März die Versammlung des Bundes in Paris gesprengt wurde und die Führer genöthigt waren , wenigstens vorläufig Paris zu verlassen . « » Es war zu der Zeit , wo wir uns zuletzt in Wien trafen . « » Richtig ! Sie brachten damals Ihre junge Gattin dahin zurück und machten Ihren Frieden mit der österreichischen Regierung . « Der Graf rückte unbehaglich auf dem Sessel . » Können Sie mir