behauptete der Fürst , fuhr Stromer , dem diese Unruhe und Änderung der Stimmung nicht besonders auffiel , fort , eine Verlassenschaft seiner Mutter , auf die sie ihn kurz vor ihrem Tode aufmerksam gemacht hätte . Er hätte Mittheilungen , Ermahnungen , Denkwürdigkeiten gehofft . Sein ganzes Leben hätte sich auf dieses Bild bezogen . Er hätte seine Ehre , Alles dafür gewagt und jenes Bild hätte dies Buch von der Nachfolge Christi enthalten . Er wollte mich mit Vorwürfen überhäufen , daß ich das Irrlicht seiner Mutter gewesen wäre . Ich drängte auf einen andern Gegenstand . Indem hatt ' ich das Exemplar wieder angesehen und mußte ihm sagen - Durchlaucht - Nun Durchlaucht ? Stromer horchte ... In dem Augenblicke , als Pauline auf ' s Äußerste gespannt , auf Stromer ' s Erzählung harrte , vernahm man einen rasch anfahrenden Wagen , der auf dem vom Regen knirschenden Kieselsande dicht vor dem Portale zu halten schien . Sie bekommen Besuch , gnädige Frau ? sagte Stromer , sich unterbrechend . Nein , nein . Was sagten Sie dem Prinzen ? Durchlaucht , sagt ' ich , das ist ja ein sonderbarer Vorfall ! Diese Ausgabe des Thomas a Kempis ist niemals auch nur berührt worden von der Hand der seligen Fürstin ; denn überzeugen Sie sich selbst , hier auf dem Titelblatt - Aber Sie bekommen Besuch ! An der äußern Glocke wurde eben außerordentlich stark geschellt . Pauline , von Stromer ' s Erzählung auf ' s Äußerste gespannt , jede Unterbrechung verwünschend , war aufgestanden und wollte klingeln , um zu sagen , daß sie Niemanden empfange . Aber sie war so begierig auf Stromer ' s Erzählung , daß sie selbst diese Weisung an ihre Diener nicht ausrichten mochte , sondern nur sagte : Und ? Und ? Auf dem Titelblatt ? Überzeugen Sie sich , Durchlaucht , sagt ' ich , fuhr Stromer , der gleichfalls aufgestanden war , fort ; unter diesen Arabesken des Titelblattes steht ja ganz in Perlschrift die Jahreszahl des Druckes . Diese elegante Ausgabe des Thomas a Kempis ist ganz in der Art , wie die Fürstin solche Einbände liebte . Aber dies Exemplar ist erst ein Jahr nach ihrem Tode im Druck erschienen . Wie ich Das sagte - Indem hörte man draußen Thüren gehen . Wie Sie Das sagten ? drängte Pauline . Trat Rudhard ein ... Egon entließ mich in einer mir allerdings erklärlichen Aufregung ; denn wie konnte jenes Buch von der Fürstin selbst - Weiter trug Stromer seinen Bericht nicht vor ; denn die Thür wurde aufgerissen , die Ludmer , leichenblaß , stürzte herein und rief mit erstickter Stimme : Prinz Egon von Hohenberg läßt sich melden ! Wie ? sagte Pauline und hielt die Hand krampfhaft an die Sophalehne . Er selbst ! Er läßt sich nicht abweisen . Er will dich sprechen - Pauline riß sich , wie von einer Natter gebissen auf , stürzte an die Thür und verriegelte sie . Es war das Werk eines Augenblicks . Welche Stunde ! rief die Ludmer . Ist ein solcher Überfall erhört ? Er ist ausgestiegen , dem meldenden Bedienten auf dem Fuße gefolgt - er wartet im Empfangzimmer . In der Ferne hörte man durch die hallenden Zimmer her eine männliche Stimme sich räuspern und einen kräftigen Schritt auf und abgehen . Pauline stand eine Weile unschlüssig ... Jetzt war der Augenblick da , wo sie einer » Seherin « gleichen konnte . Sie begriff diesen Moment , richtete sich entschlossen empor und fragte : Warum soll ich den Prinzen Egon von Hohenberg nicht empfangen ? Die Ludmer verstand einen gewissen Hohn in ihren Mienen , wagte aber nicht zu lächeln . Pauline aber mit triumphirender Miene setzte hinzu : Wohlan ! Er mag kommen ! Schon klopfte Ernst an die verschlossene Thür und bat um Verhaltungsmaßregeln ... der Fürst ließe sich nicht abweisen . Wer sagt denn , daß man ihn abweisen soll ? rief die Geheimräthin durch ' s Schlüsselloch . Ich bitte Durchlaucht einen Augenblick zu verziehen ! Diese Worte sprach sie mit gemachter Süßigkeit , als sollte Egon sie hören . Adieu , lieber Stromer , sagte sie dann rasch , zitternd wol , aber gefaßt . Auf Morgen ! Adieu ! Adieu ! Stromer wollte reden , wollte Aufklärung haben , wollte ... wurde aber durch das Schlafzimmer , dann das ächte Boudoir , zuletzt durch die Garderobe von der Ludmer fast gewaltsam hinauseskamotirt . Er war , so fortgezerrt , in diesem Augenblicke ganz so überflüssig geworden , wie Augusten ' s hochfahrende Tante wünschte . Mit all ' seinem Geist , mit all ' seinen Seherblicken vom Berge Sinai , mit all ' seinen Jeanpaulismen und deutschen Gedankenüberschwenglichkeiten stolperte er im Dunkeln über mehre Kisten und Koffer , daß er sich fast verletzt hätte ... Pauline folgte nach einem Moment . Sie gab Befehl , den Empfangssalon durch einige Armleuchter schnell zu erhellen . Mit Blitzesschnelle gab sie ihrer Toilette noch einige kühne Improvisationen und schritt dann fest und entschlossen durch das Zimmer hindurch , das ihr nun entriegeltes ostensibles Boudoir von dem inzwischen erhellten Empfangszimmer trennte . Die Ludmer fühlte , daß es nothwendig war , in der Nähe einer so wichtigen und gefahrvollen Begegnung wenn nicht zu horchen , doch behutsam und auf Alles gefaßt zu wachen . Sechszehntes Capitel Ein Zauberspiegel Gnäd ' ge Frau , begann Fürst Egon von Hohenberg und erhob sich von dem Sessel , auf dem er Platz genommen hatte ; ich hörte , daß Sie wie Jeder , der seine Tagesstunden besser zu verwenden weiß , Abends empfangen ! Irr ' ich mich ? Pauline bedeutete Egon zuvörderst Platz zu nehmen , setzte sich selbst , nicht ohne einige Befangenheit , in einen der Sessel , die schon für die bald zu erwartende Feuerung am noch geschlossenen Kamine aufgestellt waren ... Die beiden gemalten Sphinxe auf dem bunten Kaminschirme drückten vollkommen ihre Spannung über