selbst sah der Untersuchung in schwankender Stimmung entgegen . Sie hatte keine Lust mehr zum Leben und keine Freudigkeit mehr zum Tode . Ein langes Leiden mit den Stationen scheinbaren Wohlbefindens dazwischen — der Jammer von Papa und Mama ins Endlose hinausgezogen — das war doch ganz anders schrecklich als ein leichtes , friedliches Einschlafen . Sie sah die ihr drohende Krankheit nicht mehr in einer romantischen , sondern in einer trüben , kläglichen Beleuchtung , sie sah plötzlich alles Widerliche , Unästhetische , Peinvolle . Seit es ihr wieder besser ging , war sie überhaupt nicht mehr in der sanften , verklärten Gemütsverfassung , sondern ungeduldig , leicht zur Heftigkeit und zu Thränen gereizt . Sie versuchte , sich durch Lesen von Psalmen und durch Gebet zu beruhigen . Ihre Seele in den Willen des Herren zu ergeben — ach , das war das einzige , was ihr helfen konnte . Aber sie glaubte endlich , still geworden zu sein , so merkte sie daran , daß sie keinen Bissen feste Nahrung herunterschlucken konnte und daß ihre Hände von einer unangenehmen Feuchtigkeit bedeckt waren , wie fruchtlos ihr Mühen blieb . Der alte Rat kam schon vor dem Professor in seinem eigenen Wagen . Endlich erschien auch der berühmte , erwartete und gefürchtete Gast . Agathe befand sich mit den Eltern in der großen Wohnstube . Auch Tante Malwine war gegenwärtig und Cousine Mimi , weil der Vorgang sie , ihres künftigen Berufes wegen , doch sehr interessierte . Onkel August empfing den Professor unten auf der Treppe , geleitete ihn hinauf und übergab ihn dem Regierungsrat . Alles war unbeschreiblich feierlich — wie bei einer Gerichtssitzung . Der Professor schien etwas erstaunt durch die zahlreiche Familie . “ Ach — welches ist die Patientin ? ” fragte er , indem er ringsum grüßte und dem Kollegen die Hand schüttelte . Agathe erhob sich zitternd . Er sah sie scharf an . Ein zwergenhaft kleiner , bleicher Mann . Bequem in einem Lehnsessel zurückgelegt , die Hände behaglich gefaltet , ließ er sich erzählen , wie der Fall sich ereignet habe , wie alt Agathe sei , welche Krankheit sie durchgemacht habe , — auch das Alter ihrer Eltern und ihr Gesundheitszustand wurde genau geprüft , und besonders fragte er , ob schon Fälle von Tuberkulose in der Familie vorgekommen seien . Nein , das war durchaus nicht der Fall . Frau Heidling beantwortete alles mit der heiteren Stimme der angstvollen Zeiten . Endlich verließ der Regierungsrat das Zimmer . “ Sie sind sehr eindrucksfähig , ” sagte der Professor , das Ohr an Agathes Brust gelegt . . . “ ganz ungewöhnlich eindrucksfähig . ” Den Kopf erhebend , dicht vor ihrem Gesicht , und den magern Hals betrachtend , in den die letzten Wochen förmliche Löcher gegraben hatten , fragte er : “ Haben Sie sich vor diesem Anfall heftig alteriert ? ” “ Ja , ” hauchte Agathe , und eine dunkelrote Blutwelle färbte ihr Hals und Busen . “ Wann — wenn ich fragen darf ? ” “ Am Tage vorher . ” Sie zitterte stärker , ihr Herz schlug qualvoll heftig . “ Kind — davon hast Du mir ja gar nichts gesagt , ” begann ihre Mutter vorwurfsvoll . Der Professor warf der Rätin einen schnellen , zur Vorsicht mahnenden Blick zu . “ Ich dachte es mir , ” bemerkte er ruhig . “ Das erklärt die Sache . So — nun wollen wir einmal auf der anderen Seite klopfen . . . . Die Wunde ist übrigens sehr gut geheilt . ” Der alte Sanitätsrat erhielt ein Kopfnicken . Agathe legte ihr Kleid wieder an und die Ärzte zogen sich zu einer Beratung zurück . Der Regierungsrat und Onkel Bär sahen zur Thür herein . “ Was hat er gesagt ? ” Man zuckte mit den Schultern und zeigte nach der Thür , hinter der die Ärzte verschwunden waren . “ Sie hat sich alteriert , ” berichtete Tante Malwine halblaut , vorsichtig und auf den Zehen zu ihrem Manne tretend . “ Große Alteration . . . . ” flüsterten Onkel Bär und der Regierungsrat . “ Agathe hat sich sehr alteriert , ich wußte nichts davon , ” wiederholte Frau Heidling dem Regierungsrat . Alle blickten Agathe teilnehmend und neugierig an . Nur Cousine Mimi sah ein wenig streng aus . Wie konnte man sich so alterieren , daß man krank wurde ! Agathe schämte sich , sie litt Folterqualen . Nun würde sie alle darüber reden und nicht ruhen , bis sie es endlich herausbekommen , worüber sie sich alteriert hatte . — Dann wurde sie von einem wilden Schrecken erfaßt . Sie war doch gewiß sehr krank , wenn man dort drinnen so endlos lange über sie sprach . Das wurde ja unerträglich ! Sterben müssen — aufhören zu sein . . . . Nein — nein — alles Andere ! Nur leben ! O Gott — lieber , barmherziger Gott — nur noch ein bißchen leben . Plötzlich hörten alle das tiefe , behagliche Lachen des alten Sanitätsrats . Wie das überraschte und den stummen Bann der Erwartung brach ! Der Regierungsrat öffnete die Thür — auch der Professor lachte über das ganze Gesicht . “ Ja — das sind so Erfahrungen , mein lieber Kollege , ” hörte man ihn lustig sagen . Als er im Rahmen der geöffneten Thür das blasse Mädchenantlitz mit den leidensvollen Augen gespannt auf sich gerichtet sah , verschwand sein Vergnügen an der guten Anekdote hinter dem mild-ernsten Berufsgesicht . Er wendete sich zu Frau Heidling . “ Nun — ich kann Ihnen ja günstige Auskunft geben , ” sagte er freundlich . “ Von Tuberkulose finde ich keine Anzeichen . Ihr Fräulein Tochter ist sehr sensibel — unter dem Einfluß heftiger psychischer Erregung ist ihr da ein Äderchen gesprungen . Die Konstitution muß widerstandsfähiger gemacht werden — sonst könnten sich doch böse Dinge entwickeln . — Ihre Gesundheit ,