‹ ist noch am Leben . Einen Augenblick freilich , als ich ihm so gegenüberstand , hatte ich einen Gedanken – eine bare Tollheit wäre es gewesen , die ich hätte büßen müssen ! Ich wußte das ganz genau , aber es gibt Momente , wo man trotzdem fähig ist zu solchen Tollheiten . Ich kam noch rechtzeitig zur Besinnung , zum Glück für uns beide , aber wäre ich vorher in Gernsbach gewesen , vielleicht – « Er vollendete nicht , aber sein Blick ergänzte die Worte . Edith erhob sich plötzlich und trat an den Schreibtisch , der seitwärts stand , ihr war , als müsse sie flüchten vor dem Manne , der in diesem Augenblick etwas Tigerartiges hatte . Ronald folgte ihr nicht , er blieb am Tische stehen , und der volle Schein der Lampe fiel auf sein Gesicht , das noch immer jene fahle Blässe zeigte . Das Stillschweigen dauerte minutenlang , auch Edith war bleich geworden , aber es kam keine Silbe über ihre Lippen , bis endlich Felix wieder das Wort nahm . » Du botest mir vorhin die öffentliche Erklärung unserer Verlobung an , und ich wiederhole dir : Ich will dies Opfer nicht , die Sache bleibt Geheimnis ! Das Wort aber , das du mir gabst , behalte ich , auch wenn du dich – anders besinnen solltest . Ich lasse nicht mit mir spielen ! Was mein ist , das bleibt mein , das halte ich fest , solange noch Leben in mir ist . Ich sagte es dir ja am Tage unserer Verlobung , ich bin nicht der kühle , berechnende Mann der Zahlen , für den mich die Welt hält , weil die Zahlen mich groß gemacht haben . Wenn der Dämon in mir geweckt wird – hüte dich vor ihm ! « Er sprach mit einer unheimlichen Ruhe , die schlimmer war als sein drohendes Aufflammen vorhin , dann wandte er sich zum Gehen , blieb aber an der Thür noch einmal stehen . » Ich muß fort – lebe wohl ! « » Jetzt willst du fort ? « fragte Edith leise , » die Nacht bricht an . « » Gleichviel , ich muß nach Steinfeld zurück . In vierzehn Tagen bin ich in Berlin , bis dahin – leb wohl ! « Er ging , und wenige Minuten später hörte Edith seinen Wagen davonrollen . Sie war in den Sessel vor dem Schreibtische niedergesunken und verbarg das Gesicht in den Händen . Sie fühlte nur noch eins , eisiges Grauen vor dem Manne , der sich ihr heute erst in seiner wahren Gestalt zeigte – und dieses Mannes Weib sollte sie werden ! Indessen fuhr Felix Ronald nach Steinfeld zurück , wo er in der That notwendig war . Dort hatte man ihn zuerst angegriffen , dort mußte er sich auch verteidigen . Aber das schreckte den Mann nicht , der da , im finsteren Brüten in die Ecke seines Wagens gelehnt , durch die dunkle Herbstnacht dahinfuhr . Er hatte ja so oft schon va banque gespielt in seinem Leben , eigentlich immer . Wie oft schon hatte das Glück gedroht , ihn zu verlassen , er hatte es immer wieder zurückgezwungen an seine Seite , als stehe es bei ihm in Dienst und Pflicht . Noch hielt er die Macht in den Händen , noch gebot er über einen zahlreichen Anhang , der mit ihm gehen mußte , weil er mit ihm fiel – damit ließ sich dem heranziehenden Sturme die Stirn bieten . Es war etwas anderes , was jetzt in seinem Innern stürmte , die wild auflodernde Eifersucht , und der Instinkt dieser Eifersucht ließ ihn die Wahrheit ahnen . Er mit all seiner heißen Leidenschaft , seinem stürmischen Werben hatte immer nur kühle Duldung gefunden bei der schönen , eisigen Braut , aber er kam nicht los von dieser Leidenschaft . Sie war ihm in der ruhelosen Jagd nach Gold und Macht , die sein ganzes Leben ausfüllte , eine Verheißung von Frieden und Glück gewesen , hatte seine ganze Natur in Fesseln geschlagen , und jetzt ? Er dachte an Ediths Aufflammen , als sie von Raimar sprach , und es lag eine grausame Entschlossenheit in den Worten , die er jetzt halblaut hervorstieß : » Nehmt euch in acht , ihr beide ! Ich kann vernichten , was mein ist – lassen werde ich es nicht ! « + + + Das Haus des Bankiers Mailow lag im älteren Teile Berlins und war eines jener alten , vornehmen Gebäude , die , vor mehr als einem halben Jahrhundert entstanden , sich noch ihre ganze Eigenart bewahrt haben . Die Geschäftsräume lagen im Erdgeschoß , die Wohnung der Familie im ersten Stock und im zweiten die Gesellschaftszimmer . Die innere Einrichtung des Hauses entsprach seinem Aeußeren , überall vornehme Behaglichkeit , gediegener Reichtum , aber nirgends ein Prahlen mit diesem Reichtum , nirgends eine aufdringliche Pracht . Man sah und fühlte es , daß man sich hier nicht bei einem der modernen Börsenfürsten befand , die solche Schaustellungen lieben . Etwas von dem ernsten , strengen Geiste des alten Handelsherrn , der einst das Haus Marlow gegründet hatte , wehte noch immer in den Räumen , die jetzt sein Enkel bewohnte . Es war in den ersten Tagen des Dezember . Marlow befand sich bei seiner Tochter , die er in ihren eigenen Zimmern nur selten aufsuchte , und man sah es auch an seinem Gesichte , daß von ernsten Dingen die Rede war . Er ging in offenbarer Erregung auf und nieder , während Edith am Erkerfenster saß . » Kurz , die Sache wird immer ernster und bedrohlicher ! « schloß er soeben eine längere Rede . » Ronald leugnet das zwar noch immer , er will es eben nicht zugeben . Du sprachst ihn ja allein , was sagte er dir ? « Edith , die halb abgewendet dasaß , schien dem Vater nicht