Athem . Ihre sonst so blasser Wangen waren von der Anstrengung geröthet , und diese Röthe stand dem feinen Gesichtchen allerliebst . Doctor Brunnow sah das , aber es machte durchaus keinen mildernden Eindruck auf ihn ; er griff vielmehr mit strafender Miene nach dem Puls des jungen Mädchens . „ Wozu nun wieder diese ganz unnöthige Erhitzung ! Ich habe Ihnen doch gesagt , daß Sie sich schonen müssen . Sie werden jetzt im langsamsten Schritt nach Hause gehen , und ich [ 293 ] bitte mir aus , daß Sie künftig bei Ihren Spaziergängen eine wärmere Umhüllung wählen , als dieses leichte Mäntelchen . Die Arzenei , die ich Ihnen verschrieben habe , nehmen Sie fortgesetzt und im Uebrigen kann ich nur meine früheren Verordnungen wiederholen : Luft , Bewegung , Zerstreuung ! Werden Sie das alles pünktlich befolgen ? “ „ Ja , “ versicherte Agnes , völlig eingeschüchtert durch den Commando-Ton des jungen Doctors , der sich trotz des hofräthlichen Verbotes nach wie vor als Hausarzt benahm und dabei immer noch ihre Hand festhielt . „ Ich verlasse mich darauf . Was meine Kranke betrifft , so können wir uns ja in die Behandlung theilen . Bereiten Sie die Frau in Gottes Namen auf den Himmel vor ; ich werde mein Möglichstes thun , sie dem Himmel so lange wie möglich vorzuenthalten , und ich glaube , der Mann und die Kinder werden mir dankbar dafür sein . – Ich empfehle mich Ihnen , mein Fräulein . “ Damit zog er den Hut und schlug die Richtung nach der Stadt ein , während Agnes den Weg nach Hause fortsetzte . Sie hielt dabei gehorsam den vorgeschriebenen langsamen Schritt inne , innerlich aber war sie empört über den Doctor Brunnow . Er war jedenfalls ein ganz entsetzlicher Mensch , ohne Religion , ohne Grundsätze , voll Spott und Hohn über die heiligsten Dinge und dabei von einer unglaublichen Rücksichtslosigkeit . Freilich , was konnte man Anderes von dem Sohne eines Mannes erwarten , der den Staat und die Regierung hatte umstürzen wollen und seinen Kindern ähnliche verderbliche Neigungen einflößte ! Der Hofrath hatte das seiner Tochter in den schwärzesten Farben ausgemalt , sie war vollkommen mit ihm einverstanden , daß die beiden Brunnows , der Vater wie der Sohn , zu verabscheuen seien – und im Uebrigen nahm sie sich vor , morgen wieder zu der Kranken zu gehen , denn es war selbstverständlich ihre Pflicht , dem Einflusse eines Arztes entgegenarbeiten , der seine Patienten vielleicht gesund machte , aber zugleich ihr Seelenheil gefährdete , indem er den geistlichen Trost für überflüssig erklärte . In dem Zimmer der Baronin Harder hatte soeben eine längere Unterredung stattgefunden . Der Freiherr hatte seiner Schwägerin rückhaltlos eröffnet , in welchen Beziehungen Gabriele zu dem Assessor Winterfeld stand , und die Baronin war außer sich darüber . Sie hatte wirklich nicht die leiseste Ahnung von dem Sachverhalte gehabt , es war ihr nie eingefallen , daß der junge , bürgerliche und vermögenslose Assessor die Augen zu ihrer Tochter erheben , oder daß diese eine solche Neigung erwidern könne . Gabrielens dereinstige Vermählung war in den Augen der Mutter stets mit dem Begriffe von Glanz und Reichthum verknüpft gewesen . Eine Verbindung , wie die in Rede stehende , schien ihr ebenso unmöglich wie lächerlich , und sie erging sich in den heftigsten Aeußerungen über den unverzeihlichen Leichtsinn ihrer Tochter und die „ Tollheit des jungen Menschen “ , der da glaubte , daß eine Baroneß Harder so ohne Weiteres für ihn erreichbar sei . Raven hörte finster und schweigend zu , endlich aber schnitt er der erzürnten Dame das Wort ab . „ Lassen Sie endlich diese Erörterungen , Mathilde , die an dem Geschehenen auch nicht ein Jota ändern ! Sie haben am wenigsten Grund , so außer sich zu gerathen über Dinge , die sich unter Ihren eigenen Augen zutrugen . Daß es überhaupt bis zur Erklärung und zum Einverständnisse zwischen den Beiden kommen konnte , setzt doch mindestes eine grenzenlose Unaufmerksamkeit von Ihrer Seite voraus . Jedenfalls muß jetzt irgendetwas geschehen , und darüber wollte ich Rücksprache mit Ihnen nehmen . “ „ O , ich bin froh , Sie zur Seite zu haben , “ rief die Baronin , welche die Ausfälle ihres Schwagers gegen ihre eigene Person stets grundsätzlich ignorirte . „ Ich weiß es ja , daß ich Gabriele von jeher zu viel nachgegeben habe ; jetzt glaubt sie sich mir gegenüber Alles erlauben zu dürfen . Sie haben zum Glück mehr Autorität . Greifen Sie mit voller Strenge ein , Arno ! Ich bitte Sie selbst darum . Setzen Sie der Anmaßung dieses verwegenen jungen Meschen einen Damm entgegen ! Ich werde es versuchen , meiner Tochter begreiflich zu machen , wie sehr sie sich und ihre Stellung vergaß , als sie solchen Anträgen Gehör schenkte . “ „ Sie werden Gabrielen keine Vorwürfe machen , “ sagte der Freiherr mit Bestimmtheit . „ Sie hat von mir bereits gehört , welchen Standpunkt Sie und ich zu der Sache einnehmen , und das ist genug . Vorwürfe und Quälereien würden sie nur mehr in den Trotz hineintreiben . Uebrigens ist ihre Neigung weder so lächerlich noch der junge Mann so unbedeutend , wie Sie annehmen ; die Sache ist im Gegentheile sehr ernst und erfordert ein sofortiges energisches Eingreifen ; hoffentlich ist es noch Zeit dazu . “ „ Gewiß , gewiß , “ stimmte Frau von Harder bei . „ Es ist ja unmöglich , daß meine kindische , flatterhafte Gabriele so tief und ernst gefesselt sein sollte . Sie hat sich von äußeren Eindrücken bestechen , von einer schwärmerischen Liebeserklärung blenden lassen . Junge Mädchen ihres Alters übersetzen ja so gerne die Romane , die sie lesen , in die Wirklichkeit . Sie wird zur Besinnung kommen und einsehen , zu welcher Thorheit sie sich hat fortreißen lassen . “ „ Das hoffe ich , “ sagte Raven , „ und