vor sich hinsingend , in das Schloß zurück , um sein Zimmer im Erdgeschoß aufzusuchen . Dort zündete er sich eine Havanna an , warf sich auf die Ruhebank und überlas das Schreiben noch einmal . » Seine Hoheit scheinen einen etwas stürmischen Anlauf genommen zu haben « , murmelte er , » und sie hat ihn in tugendhafter Entrüstung abgewiesen , gedroht , nicht wieder zu kommen . Und nun bittet er , der Herzogin wegen , diesen grausamen Vorsatz aufzugeben , und verspricht Besserung . Zeit gewonnen , alles gewonnen ! denkt er . Es entwickelt sich sehr logisch , es ist gar nichts dagegen zu sagen – hm ! Sie ist klug , sie wird sich nie begnügen , Seiner Hoheit die Stirn mit Rosen zu bekränzen , sie wird regieren helfen wollen . Diese Damen glauben ja alle , ihre schiefe Stellung durch sogenannte gute Taten zu sühnen , sie wollen den Unglücklichen , den sie in ihrer Macht haben , veredeln , wollen dem Volk zeigen , daß sein geliebter Herrscher keiner Unwürdigen in die Hände fiel , es soll anbetend vor ihnen auf den Knieen liegen und sie > des Landes guten Engel < nennen . Und auch die Klügsten sehen nur das , was ihnen zunächst vor Augen steht , und dieses Nächste könnte möglicherweise im vorliegenden Falle – ich sein ! « Er blies den Rauch seiner Zigarre zur Decke empor und betrachtete die Stuckgewinde dort oben . » Sie kann mich nicht leiden « , sprach er weiter , » es geht ihr mit mir , wie es weiland dem unschuldigen Gretchen mit Mephisto erging , und es ist klar , daß sie eines Tages zu ihrem fürstlichen Faust sagen wird : › Der Mensch , den du da bei dir hast , ist mir in tiefer innerer Seele verhaßt ‹ – und so weiter . Das möchten wir am Ende doch verhindern ! Ich will es nicht darauf ankommen lassen , ob der Herzog ihr glaubt oder nicht . Einstweilen freilich aufpassen ! Die Berg wird helfen , sie hat eine hervorragende Begabung für Intrigen , mir selbst graut zuweilen vor diesem Weibe . « » Das Abendessen ist bereit « , meldete der Diener . Herr von Palmer erhob sich ohne allzu große Eile , schloß sorgsam das Briefchen in einen riesigen alten Schreibtisch , dessen Täfelung das Geroldsche Wappen zeigte , ordnete vor einem großen Stehspiegel sein spärliches Haar , wusch sich mit einer wahren Flut von Kölnischem Wasser die mageren feinen Hände , gähnte herzhaft , nahm Hut und Handschuhe von dem ehrerbietig harrenden Diener , und nachdem er noch einen Blick auf die Uhr geworfen , welche die zehnte Stunde anzeigte , ging er nach dem kleinen Speisezimmer , wo die Herren , die der Herzog für seinen hiesigen Aufenthalt gewählt , bereits versammelt waren , der alte Kammerherr von Schlotbach , der Adjutant von Rinkleben , der den Rang eines Rittmeisters besaß , und der Jagdjunker von Meerfeld , ein Kerl wie ein junger Hund – wie Herr von Palmer ihn bezeichnete . Der letztere schien sich im allgemeinen der Freundschaft dieser drei Herren auch nicht besonders zu erfreuen . » Verzeihung « , sagte er zu den in einer Gruppe Versammelten , » ich ließ warten , war im Allerhöchsten Dienste beschäftigt , und ein reizender Dienst , meine Verehrtesten ! Ich hatte auf Befehl Seiner Hoheit die schöne Klaudine von Gerold in den Wagen zu heben . « » Donnerwetter , sie war schon wieder hier ? « rief der Jagdjunker mit ungeheucheltem Erstaunen . » Soeben verließ sie die herzoglichen Gemächer . « » Sie wollen sagen : › die Gemächer Ihrer Hoheit ‹ , mein Herr von Palmer « , berichtigte nicht ohne Schärfe der Rittmeister , und eine leise Röte stieg in sein Gesicht . » Ich hatte das Glück , den schönsten Gast dieses Hauses auf dem oberen Korridor zu treffen « , erwiderte Palmer vielsagend lächelnd . » Ah so ! › Man wußte nicht , woher sie kam , und schnell war ihre Spur verloren , sobald sie wieder Abschied nahm ‹ « , deklamierte der Jagdjunker lachend . Der Rittmeister warf ihm einen unwilligen Blick zu . » Fräulein von Gerold war bei der Herzogin , hat in ihrem Salon gesungen und ist dann im Schlafzimmer ihrer Hoheit gewesen « , sagte er laut und bestimmt . » Vorzüglich unterrichtet ! « flüsterte Palmer und verbeugte sich tief . Der Herzog war soeben eingetreten . – » Ich verstehe Klaudine von Gerold nicht « , sagte der Rittmeister ernst , als er nach dem Abendessen neben dem Jagdjunker den Gang entlang schritt , an dessen Ende sich ihre Zimmer befanden . » Es ist Mut am unrechten Platz , sie sollte die Höhle des Löwen meiden . Unglaublich , mit welcher Tollkühnheit ein Weib im Gefühl seiner Sicherheit und Tugend seinen guten Ruf aufs Spiel setzt . « » Vielleicht macht es ihr Spaß , auf dem gefährlichen Seil zu tanzen « , erwiderte der Jagdjunker leichthin , » strauchelt sie , dann sind ja die Arme längst geöffnet , die sie auffangen , strauchelt sie nicht – um so besser . Ich denke aber , es kann ganz amüsant werden , es ist ohnehin verteufelt langweilig in diesem deutschen Aranjuez . « » Von einer anderen würde ich vielleicht auch so denken , lieber Meerfeld , aber in anbetracht dieser Dame möchte ich doch bitten , Ihre Kritik etwas mäßigen zu wollen . « » Na , nur nicht tragisch , Rittmeisterchen « , lachte der andere . » Lassen Sie sich den Schlaf nicht vergehen darüber , vorläufig sehen Seine Hoheit noch nicht aus wie ein Beglückter , Sie waren mehr denn schlechter Laune . Die Langeweile ! Die Langeweile ! Dieses Altenstein ist aber auch eine tolle Idee . Wenn man hier dumme Streiche macht , so beantrage ich mildernde Umstände . «