Sie selbst dürfte es natürlich nicht versuchen , bis hierher , in die Herrenstube zu kommen – das wäre eine schöne Schande für eine Amtmannsnichte ! Hui , da möchte ich meine Leute in Stall und Küche hören ! « Ein flammendes Erröten schoß dem Mädchen in die Wangen , und ihre beiden Hände fuhren rückwärts , nach den verknoteten Zipfeln ihres großen , weißen Busentuches , um sie zu lösen . » Was reden Sie da ? « fuhr der Gutsherr scharf und zornig auf . » Wo bleibt der gesunde Sinn meiner braven Griebel ? – Ich frage , welcher vernünftige Mensch möchte sich wohl dem urteilslosen Gewäsch Ihrer › Leute in Stall und Küche ‹ unterordnen ? – Die ärztliche Hilfe , gleichviel , wer sie ausübt , steht über den Anschauungen des gesellschaftlichen , oft recht albernen Herkommens ! Das wären mir die rechten Helfer , die einem Ertrunkenen oder Verblutenden gegenüber erst erwägen , ob sich der ärztliche Beistand auch für sie schicke ! « » Na , mit dem Verbluten war ' s so gefährlich nicht , Herr Markus , « entgegnete Frau Griebel mit unzerstörbarer Ruhe und nicht im mindesten empfindlich . » Ihre schöne Rede in Ehren , aber so ganz zutreffend war sie doch nicht . Und dem guten Ruf einer Dame kann auch die grobe Gesellschaft , die ich meine , eine Schlappe beibringen – dabei bleibe ich – gerade so wie das nichtsnutzige Mäusevolk in das schönste Seidenkleid seine Löcher knabbert , ohne den Kuckuck danach zu fragen , ob es vornehm ist oder nicht ! ... Sie sollten nur einmal die Klappermühlen in der Gesindestube hören , zum Beispiel über diese da ; « – sie zeigte auf das Mädchen – » aber ich will mir den Mund nicht wieder verbrennen – i Gott bewahre – ich bin still ! « unterbrach sie sich . » Darum möchte ich auch recht sehr bitten , « sagte Herr Markus mit finsterem Ernst . » Du meine Seele , Sie nehmen ja das so ernsthaft , wie ein Advokat , Herr Markus ! – Ja gelt , nun ist die › brave Griebel ‹ auf einmal ein alter Drache , der der lieben Jugend spinnefeind ist ? – ich kann mir ' s schon denken ! Aber so bin ich nicht , nein , so bin ich nie gewesen . Schöne junge Mädels haben mir ' s mein Lebtag angetan , auch in meiner Jugend , und ich hab ' vielleicht gerade um deswegen so gern an so einer Schlanken in die Höhe gesehen , weil ich selber keine Schöne gewesen bin – halt immer so ein kleiner , dicker , runder Knopf , wie heute noch ; na , meinem Peter war ich doch recht so ! ... Na ja , wie ich sage – und in der Seele leid hat mir ' s immer getan , wenn ' s mit so einer , die ich in mein Herz geschlossen hatte , auf einmal ein Häkchen gehabt hat und die Leute haben mit Fingern auf sie gewiesen – du brauchst dich nicht auf die Seite zu drücken « – wandte sie sich nach dem Mädchen zurück , das leise hinter ihr wegging und die Altantür zu gewinnen suchte , und wie neulich auf dem Fahrweg bei der Schneidemühle hielt die dicke Frau den Schürzenzipfel der Fortstrebenden fest . » Das , was ich da sage , paßt auch auf dich , ja gerade auf dich ! ... Jetzt , wo du das Scheuleder nicht über dem Kopfe hast , jetzt sieht man erst , was an dir ist ! Du bist eine schöne Person , das muß dir der Neid lassen ! Meiner Treu , so ein Gesicht kann man weit und breit suchen – « Sie verstummte für einen Augenblick buchstäblich verblüfft , denn das Mädchen riß sich bei den letzten Worten das Halstuch ab und warf es verhüllend über den Kopf . Nun aber übermannte ein heiliger Zorn die gleichmütige Frau . » Was ? Bist du denn eine Katholische , eine Klosternonne , daß du gar so peinlich tust ? Ist ' s denn ein Unglück oder eine Schande , wenn dir eine ehrbare Frau in dein Gesicht guckt ? – Tausendsapperment , was für eine Heilige ! Sag mal , bist du denn auch im Forstwärterhaus solch ein scheuer Vogel ? « – Ein lauter Ausruf Luises schnitt diese kräftige Strafrede ab ... Bei der heftigen Bewegung des Mädchens war ihr das gelöste Samtband vom Halse auf den Teppich herabgeglitten . Sie selbst , so wenig wie die erbitterte Frau hatte acht darauf gehabt ; mit desto mehr Spannung aber war Herr Markus dem Herabgleiten des Bandes gefolgt , und nun griff er hastig zu und nahm es vom Boden auf – eine Goldmünze hing daran , bei deren Erblicken Klein-Luischen den Jubelruf ausgestoßen hatte . In diesem Augenblick fiel aber auch der Blick des Mädchens auf das am Bande schaukelnde Goldstück . Sie fuhr mit beiden Händen prüfend nach ihrem Halse . » Der Henkeldukaten ist mein ! « erklärte sie gelassen und streckte die Rechte danach aus . » So ? Dein ? – Hör mal , Mädel , das will mir nicht in den Kopf ! – Wie kämst du denn zu einem solchen Wertstück ? « fragte Frau Griebel , indem sie ihre verschüchterte Luise ruhig beiseite schob , um die Sache selbst auszufechten . » Den Henkeldukaten da kenne ich so gut wie meine Tasche – er gehört meiner Luise , so gewiß , wie zweimal zwei viel ist ... Solche uralte Familienstücke laufen nicht herdenweise in der Welt ' rum – unsere alte Dame hat das selber gesagt , wie sie meiner Kleinen am Konfirmationstage den Dukaten um den Hals gebunden hat – das war gar feierlich dazumal , mich überläuft ' s noch kalt , wenn ich dran denke . Und nun sag ' s nur – '