konnte nicht geben , was ich nicht empfing . Auf diese Weise , Herr Geheimerat , wurde ich ein boshafter , übelwollender Mensch . Durch Härte und unerbittliche Strenge war mir eine gewisse Geschmeidigkeit angewöhnt worden , welche mir Freunde ge ­ wann , ohne daß ich die Eigenschaften besaß , mir die ­ selben zu erhalten . Dies brachte mich in den Ruf eines Heuchlers und Schmeichlers . Das Schlimmste aber war , daß man mich die feine Unterscheidung zwischen Ehren und Ehre nicht gelehrt hatte , und so kam es , daß ich in dem falschverstandenen Drang nach Ehren meine Ehre verlor ! “ — Er legte die Hand über die Augen und schwieg . Der alte Heim schüttelte das breite Haupt vor Unwillen über eine Regung von Mitleid , die er nicht zu unterdrücken vermochte . „ Meine Stiefmutter , “ sprach Leuthold weiter , „ war ein herrisches Mannweib , das meinen Vater , ihren zweiten Gatten , tyrannisierte und eben so unglück ­ lich machte als Sohn und Stiefsohn . Den Erfolg ihrer Erziehung bei Hartwich haben Sie gesehen und werden dadurch meine Aussage bestätigt finden : Er ist ein Trinker geworden , ein Sünder im Fleische — ich , eine minder sinnliche Natur , wurde ein Sünder im Geiste ! “ „ Verzeihen Sie , daß ich Sie unterbreche , “ fuhr hier Heim auf . „ Ich muß da gerade mit der Sprache heraus : Hätten Sie nichts weiter getan , als dem armen Hilsborn seine Ideen gestohlen , wären Sie bloß nach geistigen Gütern lüstern gewesen , — dafür möchte es noch eine Entschuldigung geben , aber Sie strebten auch nach irdischem Besitz und zwar gerade nach dem Eigentum des armen Kindes , das jetzt Ih ­ rer Obhut übergeben werden soll ! Sagen Sie selbst , kann man solch ein hilfloses Wesen einem Vormund anvertrauen , der sich nicht entblödet hat , die Hand nach dessen Hab und Gut auszustrecken ? “ Leuthold stand ruhig Heim gegenüber , keine Miene , keine Bewegung verriet , was in ihm vorging . „ Herr Geheimerat , “ sagte er mit Würde , „ ich be ­ greife , daß ein Fremder , der die Verhältnisse nicht kennt , die Sache so ansehen muß und daß Sie sich zu den mir zugefügten Beleidigungen berechtigt glau ­ ben . Ja denn — ich streckte die Hand nach Hart ­ wichs Vermögen aus , weil mir zwei Dritteile davon gebühren . Wissen Sie , Herr Geheimerat , daß Hartwich , als ich in die Fabrik eintrat , dem Bankerotte nahe war ? Wissen Sie , daß ich und nur ich es war , durch dessen Leitung das Unternehmen schuldenfrei wurde , daß meine Erfindungen Hartwich jene Sum ­ men einbrachten , welche ihn im Laufe von zehn Jah ­ ren zum reichen Manne machten ? Sein war nichts als das Material , das er mir für meine Wirksamkeit zur Verfügung stellte . Hatte ich nicht ein heiliges Anrecht an die Früchte dieser meiner eigenen Wirk ­ samkeit ? “ Der Geheimerat zuckte wieder die Achseln und schwieg . „ Zeit ist Geld ! “ fuhr Leuthold fort , „ und ich bekenne gern , daß ich nicht zu den Menschen gehöre , die etwas umsonst tun , ich besitze kein Vermögen , muß von meiner Arbeit leben ; ich habe nie etwas ge ­ schenkt bekommen , warum soll ich etwas verschenken ? Wenn ich Hartwich meine Zeit opferte , so mußte er mich dafür bezahlen . Ich bin nicht unbescheiden , wenn ich rechne , daß ich jährlich mit meinen Fähig ­ keiten als Leiter einer andern großen Fabrik bei freier Station dreitausend Taler verdient hätte , während ich hier nicht einmal den Gehalt eines Werkführers bezog . Dreitausend Taler jährlich machen aber in zehn Jahren dreißigtausend Taler , ohne die Zinsen . Da haben Sie schon das eine Drittel des Vermögens beisammen , das ich beanspruchte . “ Heim nickte überrascht mit dem Kopfe . Leuthold fuhr sichtlich erleichtert fort : „ Nun das zweite Drittel : Wer Erfindungen macht , die binnen zehn Jahren neunzigtausend Taler Netto eintragen , kann dieselben heutzutage leicht für zwanzigtausend Taler verkaufen . Rechne ich nun dazu die Zinsen , die mir durch zehn Jahre verloren gingen , so macht es gerade wieder dreißigtausend Taler . Hätte mir mein Stiefbruder diese Summe bar ausbezahlt , so blieb ihm immer noch ein Reingewinn von dreißig ­ tausend Talern , dessen Besitz ich seiner Tochter nie ­ mals streitig machte , denn es war ja das ihr zuge ­ sicherte Dritteil . Ich hätte meine Tätigkeit einem andern Unternehmen zuwenden können , fand es jedoch anständiger , meinem Bruder zu dienen , als einem Fremden ; ich hätte mich gleich bezahlt machen können , aber ich kannte den Geiz meines Bruders und wußte , daß ohne die fürchterlichsten Auftritte , die vielleicht seinen Tod herbeigeführt hätten , kein Geld von ihm zu erlangen war . Ich hielt es deshalb wiederum für anständiger , da ich sein baldiges Ende voraus ­ sah , meine Forderungen ruhen und mir mein Guthaben testamentarisch ‚ schenken ‘ zu lassen . — Wie sehr ich bei dieser , — ich sage kühn , nobeln Hand ­ lungsweise der Geprellte ward , wissen Sie und ich bitte Sie nur noch , mir den Groschen herauszurech ­ nen , den ich unrechtmäßig beansprucht habe ! “ Heim ging gebeugten Hauptes , die Hände auf dem Rücken , neben Leuthold her , dessen schlanke Ge ­ stalt ihre alte Elastizität wieder erlangt hatte und sich leicht zwischen dem Gestrüpp und Geranke der schlech ­ ten Wege hindurchwand . „ Ich weiß nicht , wie ein Jurist die Sache an ­ sehen würde , “ murmelte der alte Herr , „ edel kann ich Ihre Handlungsweise zwar nicht finden , aber von Ihrem Standpunkte aus mag sie gerechtfertigt sein . Man weiß nur immer nicht , wessen man sich