» Ich lasse dir alles , alles – nur gib mich frei . Wir können nicht mehr zusammen bleiben , begreifst du das nicht ? « rief sie außer sich . 183 » Sprich leise ! « herrschte er sie an , und trat zornig mit dem Fuße auf . » Sage ja ! « bat die junge Frau mit einer von Herzklopfen fast erstickten Stimme . » Ich sage nein ! « klang es zurück . » Bitte , nimm meinen Arm und komm . « » Ich will nicht ! Ich will nicht ! « rief sie und riß ihre Hand los , die er ergriffen hatte , um sie in seinen Arm zu legen . » Du bist in höchster Aufregung heute abend , du kommst jetzt mit mir in das Haus , bitte . Morgen werden wir weitersprechen , und du kannst mir dann am hellen Tage die Gründe sagen , die unser Zusammenbleiben unmöglich machen . « » Gleich , wenn du willst , gleich ! « stieß sie atemlos hervor , » weil uns nur zweierlei fehlt , zwei ganze Kleinigkeiten nur – das Vertrauen und die Achtung ! Von Liebe will ich gar nicht mehr reden . Du bist nicht wahr gegen mich gewesen , Franz , du hast mich hintergangen und hast mein Vertrauen verloren . Laß mich , ich bitte dich um Gottes willen – laß mich ! « Und als er nicht antwortete , sprach sie weiter , und die Worte überstürzten sich fast : » Ich weiß ja , daß ich kein Recht vor dem Gesetz habe . Über eine Frau , die ihre Freiheit wieder verlangt und keine anderen Gründe anführt , als daß sie einmal belogen wurde , lächelt man höchstens . Ich komme deshalb als Bittende ; sei so ehrenhaft , laß mich 184 ziehen – ich kann es nicht vertragen , neben dir zu leben im Mißtrauen und – und – « » Komm , Trudchen « , sagte er jetzt weich , » du bist krank . Komm nur erst ins Haus und wiederhole mir das im Zimmer noch einmal . Komm . « » Krank , ja ! Ich wollt ' , ich könnte sterben « , flüsterte sie . Dann wurde sie plötzlich ruhig und ging neben ihm her in das Haus . Er öffnete sein Zimmer , sie trat auch hinein , aber sie schritt rasch hindurch in das ihrige und warf sich auf ihre Chaiselongue , zog die weiche Decke über sich und schloß die Augen . Franz stand ratlos vor ihr . » Ich werde dir Tee machen lassen « , sagte freundlich der junge Gatte . Sie sah unsagbar elend aus , wie sie so dalag und die langen Wimpern gleich schwarzen Schatten auf ihre bleichen Wangen fielen . Sie mußte furchtbar gelitten haben . » Gehe zu Bett , Trudchen « , bat er ängstlich , » es wird dir besser werden , und morgen reden wir zusammen . « » Ich bleibe hier « , erwiderte sie fest und wandte den Kopf nach der andern Seite . Da riß ihm die Geduld . » Zum Henker mit deiner albernen Störrigkeit ! « rief er zornig . » Meinst du , ein dummer Junge steht vor dir ? Ich werde dir zeigen , wie man trotzige Kinder erzieht ! « Er wandte sich um , und die Tür hinter sich zuschmetternd , ging er hinaus . ! 84 185 Die ersten Sonnenstrahlen legten sich wie rotes Gold auf die Spitzen des Waldes , der sich bis zu dem weißen , in Villastil gebauten Hause herandrängte . Riesenwächtern gleich standen vor der massiven Gartenmauer prachtvolle Eichen auf dem Rasengrund . Ein schmaler , wenig betretener Pfad führte zwischen ihnen dahin , wie man ihn findet an Stellen , die eigentlich nicht begangen werden sollen . Noch gaben die stolzen Bäume wenig Schatten . Die Eiche belaubt sich zuletzt ; jung und kraus erschienen die Blättchen an den knorrigen Ästen und stachen reizend ab gegen die dunklen Edeltannen jenseits der Gartenmauer , untermischt mit dem zarten , schleierartigen Laub der Birke . Wie traumverloren lag das Haus in dieser Morgenstille . Die grünen Jalousien waren sämtlich geschlossen , gleich schlafschweren Augen . Auf dem Dache sonnte sich eine Reihe bunter Flüchtertauben . Der Rasenplatz vor dem Hause schien verwildert , kaum noch von dem grasbewachsenen Wege zu unterscheiden , der von der Gitterpforte zum Treppenhause führte . Aus dem Nebengebäude stieg leichter Rauch zum blauen Himmel empor , und eine Katze saß zusammengekauert auf dem hölzernen Bänkchen zur Seite der Haustüre . Kein Laut ringsum , als der jauchzende Triller der Lerchen , die unsichtbar im blauen Äther standen . Da kam unter den Eichen eine schlanke Frauengestalt daher . Sie ging langsam , und ihre Blicke 186 schweiften bald nach links über die grünende Saat hinweg ins Land hinaus , bald hingen sie an den Bäumen . Sie mußte schon einen weiten Weg gemacht haben . Das feine Gesicht sah müde aus , unter den Augen lagen braune Schatten und der Saum ihres Kleides war feucht wie die kleinen halbhohen Lederschuhe , die unter dem grauen Falbelrock hervorsahen . Sie ging direkt auf das Gittertor zu , faßte mit den unbehandschuhten Händen die rostigen Stäbe und blickte auf das Haus , etwa in der Stellung eines neugierigen Kindes . Aber ihre Augen sahen zu ernst dafür . Neben ihr stand schweifwedelnd ein brauner Hühnerhund und sah sie wie fragend an mit den klugen Augen , aber sie achtete des Tieres nicht , das ihr so treulich gefolgt war . Ihre Gedanken hatten nur ein Ziel . Sie war nie wieder hier gewesen seit jenem Tage , an dem sie in verzweifelnder Angst hergelaufen , um – zu spät zu kommen . Noch erschien alles wie damals – aber so verlassen . Sie zog die Glocke . Wie schwer das ging ! Ja , die hatte niemandes Hand wieder