mußte . Der hübsche , schlanke 183 Junge war vor etwa anderthalb Jahren direkt von den Gardeulanen gekommen , sein Vater , der Rittergutsbesitzer v. Wülflingen , war nicht mehr im stande , ihm die dort nötige hohe Zulage zu gewähren , weil er sich in Börsenspekulationen eingelassen hatte und damit gründlich verkracht war . Der Sohn schien nicht allzuschwer unter diesem Glückswechsel zu leiden ; er war immer vergnügt , riesig sparsam und solide und vom ersten Tage an , wo er sie gesehen , in Lene v. Brandenfeldt verliebt . Sie sah ihn auch gern , sehr gern , das glaubte ich bestimmt zu wissen und begriff es vollkommen . Es war eben einer von denen , dem jedes junge Herz zufliegen mußte – liebenswürdig , ritterlich und hübsch . Wirklich , ein prächtiger Mensch ! Der dicke Etatsmäßige war wohl der einzige , der das Paar durch sein Monocle etwas nachdenklich anstarrte und dann , mit einer Grimasse sein Glas fallen lassend , zu seinem Nachbar , dem Rittmeister v. Ollendorf , sagte : » Er wird doch nicht etwa so torhaft sein – was Ollendorf ? Ist ja vollkommen okkupiert , der Schwerenöter drüben . Übrigens – entschuldbar – reizender Käfer , die kleine Brandenfeldt . « Ich hörte es , ohne mir weiter etwas dabei zu denken , ich war eben noch in jenen Jahren , wo man nicht rechnet und berechnet , ja , wo ein Gedanke an prosaische Dinge bei Liebessachen wie eine Entweihung erscheint . Als der Kaffee getrunken war und wir in den Wald schwärmten , um Maiblumen zu suchen , hing sich Lene an meinen Arm . » Du , Marie , komm mit , ich weiß , wo der beste Maiblumenschlag ist , der Förster hat es mir verraten , als ich im April ' mal mit Vater hier war . – Rasch , daß uns die andern nicht sehen ! « Wir entkamen unbemerkt , niemend folgte uns in die grüne Wirrnis außer einem – Eberhard Wülflingen natürlich . Ich entdeckte ihn , als ich mich umwandte , weil mein Kleid an einem Dornbusch hängen geblieben war . » Du , Lene , der Wülflingen ! « » So ? Laß ihn : tue nicht , als ob du ihn gesehen . Hoffentlich verliert er unsere Spur ! « 184 » Hoffentlich ? Bist du jetzt ehrlich , Lene ? « Sie wandte den Kopf , damit ich ihr erglühendes Gesicht nicht sähe , und floh förmlich , als wollte sie die Wahrheit ihrer Worte beweisen ; ich natürlich in gleichem Tempo mit . Wir brachen wie die gehetzten Rehe durch die jungen Buchen und Haselnußsträucher und standen endlich stille unter hohen Eichen , durch deren frisches Laub die Sonne flimmerte . O , der Duft , der Duft ! Und die massenhaften weißen Glöckchen , die im leisen Wind zitterten zu unseren Füßen . Ganz berauscht davon , begannen wir zu pflücken . » Die andern finden so viele nicht , « sagte Lene jetzt , noch immer die Röte der Verlegenheit auf dem lieben Gesicht , » aber ich brauche viel , ich habe Rindenbeißers krankem Röschen einen großen Strauß versprochen ; das arme Ding , immer liegt sie da , mit ihren gelähmten Gliedern . « Es war das letzte , was ich für ein Weilchen von Lene hörte ; wir entfernten uns , Blumen pslückend , voneinander . Es war so still , so einsam ringsum , halb verweht klangen die Töne eines Straußschen Walzers herüber : » O junger Mai , o schöner Mai , la la la la , la la la la « – und in weiter Ferne rief wieder der Kuckuck . 185 Ob es nun der starke betäubende Duft war , der mich so müde , so zeitvergessen machte ? Ich sammelte schon lange keine Blumen mehr , ich saß auf der Wurzel einer eben belaubten riesigen Eiche und ordnete langsam , sehr langsam die Blüten und dachte an allerlei , an das , was man denkt mit zwanzig Jahren . Und wie ich mit dem Strauß fertig war und ihn mit biegsamen Grashalmen umwunden hatte , da fiel mir ein , nach Lene zu suchen , aber ich sah sie nicht mehr . Suchend und rufend schritt ich über die kleine Lichtung bis dahin , wo eine Gruppe dunkler Tannen steht , und hinter dieser Tannenwand sah ich plötzlich Lenens weißes Kleid schimmern und neben demselben etwas Blaues , Großes , und zugleich hörte ich eine bewegte Männerstimme sagen : » Aber Helene – Lene – Lene – das kann Ihr Ernst nicht sein ! « Und das mit einer Betonung – einer Betonung – da wußte ich genug . Leise wandte ich mich um , schritt über die Lichtung zurück und verfügte mich auf den Rendezvousplatz . Sie waren alle schon vollzählig versammelt um die Maibowle , bis auf die zwei , und die schien niemand zu vermissen . Noch ein Weilchen , als wir eben zum Fanchonlaufen auf der Wiese antreten wollten , kam Lene allein den Waldweg daher mit ihrer Blumenlast ; Eberhard Wülflingen fehlte und Lene tat ganz unbefangen , man sah ihr aber doch an , daß sie etwas Großes , 186 Feierliches erlebt hatte , ihr sonst so blühendes Gesichtchen war sehr blaß . Am Abend , als wir heimgingen , hing Lene sich wieder an meinen Arm . » Du , warum bliebst du nicht neben mir beim Blumenpflücken ? « fragte sie mit niedergeschlagenen Augen und vorwurfsvollem Klang ihrer Stimme . » Ich kam unversehens von dir ab , « stotterte ich , » warum aber machst du denn so eine Leichenbittermiene – weinst wohl gar ? « Sie schüttelte den Kopf . » Es ist so traurig , « sagte sie nach einer Weile mit ihrer lieben , leisen Stimme , » wer hätte das auch gedacht : ich habe ihn immer für so vernünftig gehalten . Wir können