gedachte der Nächte , da sie , furchtdurchschüttelt ob der entsetzlichen Einsamkeit und Verlassenheit , in ihrem Bette aufrecht saß , sterben und verderben konnte sie , keiner hätte es gemerkt ! Sie gedachte der Morgen , an denen sie frierend umherschlich , um auf dem Spirituslämpchen Thee zu bereiten , dachte an das Heizen des Ofens mit den starren zitternden Fingern . Ja , wenn sie ’ s gewöhnt gewesen wäre ! Aber bis vor kurzem hatte sie noch eine Aufwartefrau gehabt . Und dann die Unterrichtsstunde mit dem schmerzenden Kopf , in dem Terpentindunst , und mittags die paar eiligst gekochten Kartoffeln , ein Ei dazu , wenn ’ s hoch kam , und wieder ans Werk , dutzendweise dasselbe Motiv auf Ober- und Untertassen , und doch welch ’ Glück , wenn sie Arbeit hatte ! Dann kamen die langen Abende , an denen sie vorzeitig aus Müdigkeit und Frost ihr Lager suchte , denn der Schlaf floh sie bis zum Morgen . Sie schlug sich plötzlich mit der flachen Hand vor die Stirn und blickte sich um , als erwachte sie eben aus schwerem Traume . Dann setzte sie die Füße herunter vom Stuhl und betrachtete wie abwesend die Lektüre , die sie noch in der Hand hielt – „ Breitenfelser Amtsblatt “ , las sie . Mechanisch faltete sie es auseinander – Politik – Hofnachrichten – der Name ihres Bruders sprang ihr entgegen , die Namen der eingetroffenen Gäste – wie großartig das klang ! Dann Theateranzeige : „ Der Barbier von Sevilla “ – vorletzte Vorstellung , – eine Verlobungsanzeige , – irgend jemand hatte Zwillinge bekommen , irgend jemand war gestorben – eine Büffettmamsell mit feiner Garderobe wird gesucht – und endlich blieben ihre Augen wie gebannt an folgendem Satze hängen . „ Eine gebildete Dame als Repräsentantin seines Hauses , die bei drei Kindern im Alter von 7 , 5 und 3 Jahren Mutterstelle zu vertreten hätte , sucht möglichst sofort der herzogl . Oberförster Günther . Sie las noch einmal und saß dann wieder regungslos wohl eine Viertelstunde lang , bis die Uhr neben ihr mit silberner Stimme sechs Schläge ertönen ließ . Plötzlich sprang sie empor , setzte hastig ihren schmucklosen Filzhut auf , fuhr in das Jackett , griff nach dem Muff und verließ das Zimmer . Sie vermied die Haupttreppe und schritt die für die Dienerschaft bestimmte Stiege hinab . Sie kannte die Seitenthür , die direkt unter den Zimmern der alten Herzogin auf den Schloßberg mündete . Der Weg führte zum Marstall und zog sich in Windungen durch jetzt kahles Fliedergesträuch hinunter . Sie ging mit schnellen und kurzen Schritten , ein starkes Herzklopfen peinigte sie . Die Fensterreihen der Gemächer der Herzogin strahlten mit ihren rötlichen [ 136 ] Auf dem Marienplatz zu Ende des 15. Jahrhunderts . Nach einer Originalzeichnung von K. Weigand . [ 137 ] WS : Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt . [ 138 ] Lichtern in die Schneenacht hinaus , ihren Weg erhellend . Bald war sie am Fuße des Berges und schritt auf dem Schloßplatz dahin , der Oberförsterei zu . Die ersten Wagen mit Gästen rollten eben langsam den steilen Berg hinan , am Eingange des Schloßhofes flammten Pechfackeln und zuckten mit ihrem Schein über die Gebäude und die dürren Wipfel des Parkes . In wenig Minuten hatte Hedwig von Kerkow die Oberförsterei erreicht und trat ein in den kaum notdürftig erhellten Flur . Die Schelle rasselte laut und mißtönig , ein paar Dachshunde fuhren ihr belfernd entgegen , und bald nachher trat aus der nach rechts gelegenen Stube ein Mädchen , dem sich einige Kinder nachdrängten , und fragte nach ihrem Begehr . „ Ist der Herr Oberförster zu Hause ? “ „ Ja ! Wen soll ich melden ? “ „ Sagen Sie ihm , eine Dame , die auf seine Annonce hin gekommen ist . “ Das Mädchen musterte im Abgehen Hede Kerkow vom Kopf bis zu den Füßen . Nach einem Weilchen kam es zurück . „ Der Herr Oberförster lassen bitten , einstweilen einzutreten , er stehe gleich zur Verfügung . Sie führte Hede in ein Zimmer ; die Lampe brannte auf der Platte des Schreibtisches und warf ihren Schein auf dienstliche Papiere : der Sessel war halb zurückgeschoben , als sei eben jemand eilig aufgestanden . „ Nehmen Sie Platz ! “ sagte das Mädchen und schob einen Stuhl so ziemlich in die Mitte der Stube . Hede dankte und blieb stehen . Das Mädchen machte sich am Ofen zu schaffen . Ein schöner Hühnerhund erhob sich von der warmen Lagerstatt und kam langsam herüber zu der fremden Dame ; als er vor Hede stand , bewegte er den Schweif und schaute sie an aus seinen glänzenden , klugen Augen , und sie streichelte leise den schönen Kopf des Tieres . „ Wenn Sie hier die Stelle haben wollen , dann sagen Sie man nichts auf die gewesene Braut , “ begann plötzlich das Mädchen plump vertraulich . „ Was die Stübken is , die is deshalb hinausgeflogen gestern , aber mit Dampf , und sie hatte doch gedacht , sie macht es recht schön . Na , meinswegen , ich bin froh , daß das Lügenmaul raus is ! " Hede maß die Schwätzerin mit einem kühlen Blicke von oben bis unten und wandte sich wieder zu dem Hund . Das Mädchen zögerte noch ein Weilchen , dann ging es . „ So ’ ne olle hochmütige Trine , was braucht die sich zu melden , “ murmelte es , „ der werd ich ’ s eintränken , wenn sie hier in Konditschon kommt ! “ Hede stand noch mit dem Tiere beschäftigt , als Günther eintrat . „ Entschuldigen Sie , Fräulein , “ bat er , „ ich ließ Sie warten . Wollen Sie nicht Platz nehmen ? “ Er wies zum Sofa hin und ergriff den Stuhl ihr gegenüber . „ Ich komme , “ begann