Himmlische Liebe ‹ , prophezeite der alte Schäfer damals . Ob er wohl recht behält ? « » Ich glaube fast . Sie sähe sonst verlegener aus . « Unter Scherzen und Wendungen wie diese ging das Gespräch , eine halbe Stunde später aber war alles still geworden . In dem Kamin fielen die Scheite zusammen , und Hilde , die wohl wußte , daß die Gräfin ihr gern zuhörte , plauderte von ihrem ersten Weihnachtsabend in des Heidereiters Haus und von der Krippe , die Martin ihr damals aufgebaut habe . Und wie glücklich und wie benommen sie gewesen sei , denn sie habe den Lobgesang der Engel mit leibhaftigem Ohre zu hören geglaubt . Und als sie so sprach , loschen die Lichter aus , und es dunkelte durch den Saal . Aber in demselben Augenblicke fast zerstreute sich draußen das Gewölk , das in endlos langem Zuge vorübergezogen war , und im tiefen Blau des Himmels erschien ein Stern und sandte sein friedlich Licht auf die Stelle , wo die beiden standen . » Unser Stern « , sagte die Gräfin und wies hinauf . Und von Stund an wandelte sich Hildens Herz ; alle Schwermut fiel von ihr ab , und die Freude , soviel sie davon jemals besessen hatte , blühte wieder in ihr auf . Eine Sehnsucht freilich blieb ihr ; aber diese Sehnsucht beschwerte nicht mehr ihren Sinn , sondern hob ihn empor , und sie , die müd und matt gewesen war ihr Leben lang , sie wurde jetzt stark und frisch und froh , und ein tiefes Verlangen erfaßte sie , zu tun und zu schaffen , zu helfen und zu heilen . Und in werktätiger Liebe begründete sie zum zweiten Mal ihr Haus . All das erlebte Sörgel noch . Aber die rechte Schaffenslust erwuchs ihr doch erst , als der Alte zu seinen Vätern versammelt und statt seiner ein » Frommer « in die Pfarre gekommen war , der , trotzdem er Borstelkamm hieß und zu den Strenggläubigsten zählte , doch zugleich in solcher Freudigkeit und Milde des Glaubens stand , daß er selbst Grissel entwaffnet und zu der Anerkennung hingerissen hatte : » Hür , Joost , de versteiht et . De is Sörgel un Melcher all in een . « An ihn schloß sie sich in einer mit jedem Tage wachsenden Hingebung und Begeisterung an , und von ihm auch war es , daß sie den Zusammenhang alles Geschehenen in Erfahrung brachte : wie der Heidereiter gestorben und vielleicht auch um was . Und als er geschlossen hatte , war sie wohl erschüttert gewesen , aber doch nicht niedergeworfen , denn ihr ahnendes Gemüt hatte längst davon gewußt , auch ohne Gewißheit zu haben . Und so war es auch nicht infolge dieser Aufschlüsse , daß sie noch in demselben Frühsommer starb . Ihr neues Leben , das nur Arbeit und Opfer und eine schließlich bis zur Leidenschaft gesteigerte Wonne der Entsagung gekannt , hatte sie wohl auf kurze Zeit hin in anscheinender Frische wieder aufblühen lassen , aber diese Frische war eine Täuschung gewesen . Ein Fieber kam , das ihre Kräfte rasch wegzehrte , rascher noch , als irgendwer geglaubt , sie selber ausgenommen ; und als Grissel auch den letzten Tag noch mit einem versteckten » Reißen « zu trösten suchte , lächelte sie nur und sagte : » Laß . Ich weiß alles ... Und ich sterbe gern . « Das war ihr Abschiedswort gewesen . Über ihr Begräbnis aber hatte sie längst vorher Festsetzungen getroffen , und sie begruben sie neben der ersten Frau , deren Grabstelle schon vorher erweitert worden war , so daß das Kind jetzt zwischen ihnen lag . Und gaben ihr einen Stein , darauf stand , wie sie ' s dem neuen Geistlichen ans Herz gelegt hatte , kein Name , » weil sie von Geburt an keinen gehabt und den › anderen ‹ nicht wolle . « Statt dessen aber wurde der Spruch eingegraben : » Ewig und unwandelbar ist das Gesetz ! « Umsonst , daß sie gebeten worden war , einen hoffnungsreicheren und christlicheren Spruch , einen Spruch von der Gnade und Liebe Gottes wählen zu wollen – mit einem Eigensinne , der ihr sonst fremd war , hatte sie darauf bestanden , unter immer erneuter Betonung , daß sie persönlich die Liebe Gottes erfahren und seiner Gnade sicher sei , der Spruch auf ihrem Grab aber zu den Überlebenden sprechen und diesen eine Mahnung sein solle . Hinzukommen mochte , daß sie damit eine Schuld an den alten Melcher Harms abzutragen gedachte , dem sie zuletzt völlig entfremdet worden war und dem sie sich nichtsdestoweniger , all seiner Selbstgerechtigkeit ungeachtet , für dieses und jenes Leben verpflichtet fühlte . Ihr Begräbnis war ein großes Ereignis , wie ' s einst ihre Hochzeit gewesen war , und am selben Tage noch trug der Geistliche die Daten ihres Lebens und Sterbens in das Kirchenbuch ein . Da stehen sie , mahnend wie der Spruch auf ihrem Grabe . Aber beides überdauernd , ragt über Diegels Mühle die weiße Felswand auf und auf ihrer Höhe die weit vorgebeugte Tanne von Ellernklipp .