Teilhaber ist unserm Verein beigetreten . Ich bin ganz entzückt von der Distinktion dieser Frau . - Und welche Einsicht ! Sie sagte mir , daß sie hauptsächlich durch die intensive Erziehungsarbeit an ihren heranwachsenden Töchtern darauf gekommen sei , sich vorzustellen , wie doch zahllose arme Mädchen schutzlos dem Elend und der Verführung preisgegeben würden . Sie will uns tüchtig helfen , und nicht bloß Kräfte , auch Geld will sie opfern . - Ja , solche Mitglieder kann ich brauchen - aber - Gott ! - Da steht meine Kollegin Vierbrinck ganz allein - verzeihen Sie , « und im Fortgehen wandte sie noch rasch das Herrscherhaupt und ordnete an : » Suchen Sie sich nur schon meine Tochter , das Tanzen kann gleich beginnen . « Somit war er der Antwort überhoben , und das bedeutete immerhin eine Erleichterung . Was hätte er sagen sollen , wenn man ihn um nähere Auskünfte über die » intensiven Erziehungsarbeiten « angegangen wäre . Höchstens konnte er äußern , daß er noch keine Gelegenheit gehabt habe , Frau Julia auf diesem Gebiet beobachten zu können ... Nur auf andern ! dachte er amüsiert . Und er stellte noch bei sich in bezug auf Julia fest : Es gibt da paradoxe Sachen - das ganz Plumpe und Gewöhnliche kann wieder wirken , wenn eine Frau es kühn und mit Geschick handhabt - deshalb spreche nie einer von verbrauchten Mitteln . Und eine Viertelstunde nachher walzte er mit Marieluis . In seiner bedrängenden Arbeit war ihm ein wenig das Jugendgefühl und der Sinn für Vergnügungen abhanden gekommen . Deshalb hatte es fast etwas Unwahrscheinliches für ihn , daß er hier , ein wundervolles junges Weib im Arm , im Takt umherglitt - dasselbe Weib , mit dem er sich in schweren Augenblicken und ernsten Gesprächen gemessen - das gab ihm ein Gefühl , als stehe man in einer Doppelexistenz . - Der kühne Gedanke kam , ihr zu sagen : Du gehörst mir . Du bist nicht geschaffen , mit dem Laster und Elend zu ringen ; Du bist nicht geschaffen , hier in prunkvoller Geselligkeit mit zu statistieren ; es ist Deine einzige Bestimmung , das kluge , liebende , geliebte Weib eines Mannes zu werden . Mein Weib - - Oder war es schon zu spät - war sie schon unfähig , ihre Gedanken , ihre Pflichten auf einen zu konzentrieren ? War sie schon eine von denen , die im stillen Frauentum nicht mehr genug Aufgaben für ihre Kräfte finden ? Wie schön sie war . Voll blühenden Lebens . Und wie ihre Gestalt und die seine zusammenpaßten - sich in der Umschlingung des Tanzes aneinanderfügten - als seien sie füreinander gewachsen . Wie hätte sein feuriges Empfinden nicht auf sie hinüberwirken sollen ! Jeder Nerv wurde zur elektrischen Leitung - ein fast qualvolles Gefühl von Glück war in ihnen . Sie hob den Blick zu ihm , und eine Unendlichkeit von Liebe , Verlangen , Bitten kam wie ein Strom von Glut aus seinen Augen . - Fünf Minuten gehörten sie einander mit ihren Wünschen , Hoffnungen - mit jedem Schlage ihrer Herzen . - Dann zerriß dieser Zauber - hart brach die Musik ab - andere Menschen waren um sie her - nahmen sie einander fort - all diese dummen Gesetze , von denen die augenblickliche Szene beherrscht ward , behaupteten sich . - Allert haspelte den Rest des Abends auch ganz ordentlich seine Rolle als Figur ab - er vermied es , sich noch einmal der einen zu nähern , vermied auch ihr Auge , fühlte nur von fern , wie man im Gesichtsfelde des Augenwinkels die Dinge wahrnimmt , ohne hinzusehen , daß sie da war . - Es wäre ihm eine Profanierung gewesen , eine Wiederholung jener Minuten voll leidenschaftlicher und zugleich tief geheimnisvoller Zusammengehörigkeit zu suchen . Alle Frauen und Mädchen fand er höchst uninteressant . Nur mit Dory Vierbrinck beschäftigte er sich ziemlich viel . Das war ja ihre Freundin . Was man so nennt - wenn man zusammen aufwuchs und auf den gleichen Bällen tanzte . Aber nein - diese beiden gingen ja auch sonst auf gleichen Wegen - da , wo er sie getroffen hatte ... Das kaum mittelgroße Persönchen hatte etwas sehr Anziehendes . Die Grübchen gaben dem Gesicht Heiterkeit und Anmut ; dazu tat der Kneifer eine entschieden naseweise Note . Und Temperament besaß Dory ! Es sprudelte aus ihren Worten und Mienen . Und er hatte , als er in einer längeren Tanzpause neben ihr saß , ein Gespräch mit ihr , davon manches Wort sich schmerzlich fest in sein Gedächtnis einbrannte . » Bitte , was haben Sie sich bei Tisch mit Marieluis erzählt ? Ich saß schrägüber und dachte : Die sagen einander lauter Bissigkeiten . « - » Wir waren verschiedener Meinung über die Ausübung der Vereinstätigkeit , der Fräulein Amster sich mit Eifer hingibt . « » Mit Eifer ? « sagte Dory , der das Wort viel zu klein war , » mit Leidenschaft ! Sind Sie wohl auch wie mein Bruder John ? « » Ich habe nicht die Ehre , zu wissen , wie Ihr Herr Bruder ist . « » Sonst entzückend . Nur von unserer sozialen Tätigkeit will er nichts wissen . Er prophezeit immer , uns passiert noch mal was . Ich graule mich ja auch manchmal , und es riecht immer schlecht bei solchen Leuten . Aber Marieluis würde mich verachten , wenn ich nicht einsähe , daß man sich an der moralischen Hebung der Gefährdeten und Gefallenen beteiligen muß . Wissen Sie - Marieluis ist mein Schwarm - sie imponiert mir kolossal , trotzdem sie uns immer wegen Fleiß und Benehmen als Muster vorgehalten wurde - gegen solche kriegt man manchmal Ekel und Wut . Nicht ? Aber Marieluis ist wirklich fabelhaft . Ach Gott , und die Figur ! « Sie schloß die nachdrückliche Erklärung , die durch viele , stark betonte Worte wirkte