in der Stadt seid ? Ich dachte , da wärt Ihr längst draußen in Eurem Tempel ? « » Ich war auch schon hinausgezogen in die Berge , « antwortete der Alte , » aber es ist ja niemand mehr dort , der mir mein bißchen Nahrung brächte . « » Niemand mehr dort ? « wiederholte Tschun erstaunt . » Viele der Mönche und Priester haben die Tempel verlassen , « erzählte der Inder , » sie ziehen mit den Aufrührern und feuern sie an zu ihren schlimmen Taten - ach , was sind das für Zeiten , wo heilige Männer zu solch verruchten Dingen aneifern , statt einzig das Versenken in sündlose Beschaulichkeit zu lehren . « » Ja , aber die Dorfleute ? und vor allem Mahan ? « » Ach siehst Du , die sorgten für mich in den guten Jahren , wo sie genug Regen hatten , weil sie sich eingeredet hatten , den schicke ich ihnen aus den Wolken , die ja so oft mein Tempelchen oben auf der Bergspitze ganz dicht umhüllten . Aber es will ja schon lange gar nicht mehr regnen , und die Dürre dies Jahr ist schlimmer denn je zuvor . Dadurch sind viele Menschen arm geworden , und es gibt sogar solche , die ihre Kinder um ein paar Kupfermünzen verkaufen . All das Elend schieben die Leute auf die Gegenwart der Fremden im Lande . Auch gegen mich richtete sich ihr Zorn und sie begannen zu sagen , wenn meine Gebete so wenig taugten , daß ich die böse Macht der Fremden nicht zu entkräften vermöchte , dann lohne es sich auch nicht , mir noch Essen zu bringen . Da sei es schon besser , alles den I ho Chüan zu geben , die versprächen , die Fremden zu vernichten , und dann würde es auch bestimmt wieder regnen . Niemand kam mehr hinauf zu mir und ich lebte von Wurzeln , die ich ausgrub . Dann hörte ich , Mahan , mein einstmaliger kleiner Ernährer , sei fortgezogen mit den Aufrührern . Schließlich bin ich in die Stadt gewandert , ich dachte , hier würde ich eher mal eine mitleidige Seele finden , die mir etwas gäbe . Aber damit ist es spärlich bestellt , und obschon ich aus Gautamas Land bin , den sie doch hier anzubeten vorgeben , fangen sie an , mich zu vertreiben und » fremden Teufel « zu schimpfen . « Der Einsiedler sah so kümmerlich und verfallen aus , daß es Tschun dauerte , und er sagte : » Ich bete zwar nicht zu Gautama , aber solltet Ihr je in die Gegend der Stadt kommen , wo ich jetzt bei meiner Mutter wohne , so würde es mich freuen , wenn Eure ehrwürdigen Füße unsere Schwelle überschreiten wollten und ich Eurem Alter etwas Nahrung anbieten dürfte . « Er beschrieb dem Alten die Lage seines Häuschens . Dann trennten sie sich . Und während im Westen die Sonne mit blutrotem Scheine in den dichten Staubdunst sank , der über der endlosen Ebene lagerte , stieg Tschun den Weg von der Mauer hinab zu der dämmernden Stadt . Unten in den Straßen drängten sich die Menschen um die offenen Garküchen , deren brodelnde Gerichte einen scharfen Geruch von brenzligem Fett verbreiteten . Herumziehende Verkäufer boten ihre Waren mit weithin hallenden Rufen aus . Tschun aber schob sich eilend durch das Gewühl der Leute , denn er sollte noch zu Sin schen kommen . Als er eintrat , fand er die beiden Aeltesten der Familie , Lin te i und Yang hung , bei dem Vetter . Sin schen erzählte ihnen eben sehr erregt : » Die Dinge schreiten mächtig weiter . Die Peking-Paoting-fu-Bahn ist zerstört , alles dort soll brennen . Und eine Menge I ho Chüan sind schon in der Stadt . Prinz Tuan , sein Bruder der Herzog Lan und viele andere beherbergen sie in ihren Yamen . Große Scharen von ihnen sind aber auch draußen beim Sommerpalast versammelt , wo die Kaiserin jetzt weilt . General Tung fu hsiang , der dort in der Gegend mit seinen wilden Kansutruppen steht und den Sommerpalast bewacht , hat sich offen für die Bewegung erklärt , heute will er der göttlichen Mutter draußen eine Vorstellung durch die I ho Chüan geben lassen , damit sie sich endlich von der Wahrheit ihrer Wunder überzeuge . Li lien ying ist auch hinaus , um es zu sehen . « » Oh , wer das auch könnte ! « riefen die Alten . Sin schen antwortete : » Zur Kaiserin kann ich Euch freilich keinen Eintritt verschaffen , aber das gleiche Schauspiel wie sie könntet Ihr haben . Hier in der Stadt üben die I ho Chüan ja auch , und ich habe die Erlaubnis , heute abend zu einer Vorstellung in eines der Yamen zu kommen und Freunde zum Zuschauen mitzubringen . « Und dann wandte er sich an Tschun : » Dich habe ich eigentlich deswegen rufen lassen , damit Du es siehst und Dich davon überzeugst , daß es mächtigere Geister gibt wie diesen Gott der Fremden , der nichts Besseres vermochte , als sich kreuzigen zu lassen . Es täte mir leid um Dich , wenn Du bei dem kommenden Kampf auf seiner Seite ständest , denn er wird seinen Anhängern nicht gerade viel helfen können . « - Den beiden Alten glänzten die Augen vor Erregung ; sie waren sofort bereit , das wunderbare Schauspiel zu besuchen . Auch Tschun entschloß sich , mitzukommen . Die unheimliche Anziehung war doch größer als das Grauen . Ein Maultierkarren wurde herangeholt , und so fuhren sie schnell davon . Im Hof des Yamen harrte schon eine große Menschenmenge , und all diese Gesichter hatten denselben gespannten Ausdruck . Es waren allerhand hohe Beamte darunter , und Tschun glaubte , etliche wiederzuerkennen , die er im Sommerpalast gesehen . Daneben gab es auch manche verwahrlost aussehende Gestalten . Leute ,