solange die Geheimschrift noch unsichtbar . « Mariankas Angesicht war sorgenvoll , und sie meinte zögernd : » Gesetzt aber , es käme so weit , daß Seno den Herrn Johannes von hier wegnimmt , was haben wir davon ? Und was hat Herr Johannes davon ? Wird nicht Seno den kostbaren Goldmacher aufs neue hinter Schloß und Riegel bringen ? « Dieser Einwand war nun zwar berechtigt . Doch hofften wir , der Zufall , der ja in allen Geschicken eine Rolle spielt , werde uns irgendwie begünstigen . Schließlich überwand unser leichter Jugendsinn die Bedenken , so daß wir uns allbereits in Freiheit sahen und ausmalten , in welcher Weise unser Leben fürder verlaufen solle . Thekla sprach davon , ihre Schwester aufzusuchen , die an einen hessischen Edelmann in schwedischen Diensten verheiratet sei . » Unser Johannes mag mich dann begleiten und desgleichen bei Schwedens Krone Dienste nehmen , da ich ihn außerhalb dieser Mauern ebensowenig entbehren möchte , wie jetzo . « Das war nun ein Trost zum Abschied , und in mein Gefängnis zurückgekehrt , zehrte ich von der empfangenen Süßigkeit . Die Jungfer Gräfin hatte derart mein Herz eingenommen , daß ich ohne sie mich verzehrte in seufzender Ungeduld . In meinem Gefängnis kam mir dann die Frage , ob nicht eine Seele durch Sammlung und Aufmerken in solche Verbindung mit der geliebten Seele treten könne , daß des einen Gedanken auf den andern übergingen . Einmal als Marianka leicht erkrankt im Nebenzimmer lag und ich also mit Thekla allein war , tat ich das Geständnis , wie hart mich die Trennung von meinem angebeteten Sterne ankomme , und daß ich durch gesammeltes Denken ein geheimes Band der Sympathie knüpfen möchte . Da nun die Holde merken ließ , daß sie wegen solcher Keckheit mir nicht grolle , so wagte ich die Bitte : » Wolle mir mein Stern die Gnade erweisen , in jeder Nacht , wann die zehnte Stunde schlägt , des entfernten Johannes zu gedenken . Meine Seele hingegen soll genau zur selbigen Zeit entgegen wirken , und wenn wir so inniglich aneinander denken , mag es uns gelingen , durch den Raum hindurch Grüße zu tauschen und einer des andern Trost zu sein . « Sie sahe mich mit langem Blicke an , und daraus sprach so viel Vertrauen und Zuneigung , daß ich entzückt fortfuhr : » Welch ein kostbar Angedenken nehme ich für die Zeit der Trennung mit mir , so ich diesen Blick gleichsam wie ein blühend Kräutlein recht in mein Herze hineinpflanzen darf . « Da ward mir die Wonne noch einmal , und zwar nach Herzenslust , den Zauber ihres Auges zu trinken . Und dieser Blick , eine stumme Verlobung zweier Seelen , ist mir also lebendig im Gedächtnis geblieben , daß es mir seitdem oft gelang , die süßen Vergißmeinnichtblüten wie körperlich vor mir zu haben . Vorausfühlend , welchen Schatz mir dieser Augenblick bescherte , neigte ich mich zu der edeln Jungfer Hand und küßte mit heißer Dankbarkeit die seinen Finger . Sie aber drückte die Finger an meine Lippen und raunete kaum vernehmlich : » Wag ' s , Knab ! « Nun war ich versucht , die Arme um sie zu schlingen , doch Ehrfurcht hielt mich zurück , ich atmete tief . » Was soll ich wagen ? « fragte ich schüchtern . Sie lächelte : » Ich sag ' s Ihm später einmal . « Und zu Marianka ging sie . Der Winter nahte , und wenn ich übers Dach kletterte , war es mit Reise bedeckt . Als ich der Jungfer davon Mitteilung machte , geriet sie in Sorge und bat mich , beim Klettern übers Dach alle Fürsicht anzuwenden , daß ich ja nicht ausgleite . Besonders riet sie mir an , ein für allemal die beiden Schornsteine durch einen straffgespannten Strick zu verbinden . Schließlich bat sie inständig , ich solle - so leid es ihr tun werde - lieber auf Besuche verzichten , wann Schnee auf dem Dache liege . Gleich andern Tages tobte ein Schneesturm , der alles mit dichten Flocken überschüttete . Eingedenk des Versprechens , das mir die Jungfer Gräfin abgenommen hatte , unterließ ich die Wanderung übers Dach . Zu meinem Bedauern hielt das Flockenwetter an . Hochverschneit lag das Dach , und wenn einmal ein Tag ohne Gestöber anbrach , brachte der Abend gleich wieder Schnee . Wochenlang mußte ich darauf verzichten , Thekla zu besuchen , und kämpfte mehr als einmal mit der Versuchung , ihr Gebot zu übertreten . Während dieser einsamen Zeit hatte ich sämtliche Teile des Fluchtplans ausgearbeitet . Neu war dabei folgendes Rezept , Seno zu gewinnen . Ich wollte ihn einladen , sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen , daß ich gemeines Metall transmutieren könne ; wollte dabei eine Gaukelei anwenden . Zween Schmelztiegel von ganz gleichem Aussehen hatte ich nötig . Den Boden des einen wollte ich mit Golde begießen , jedoch so , daß es versteckt war durch eine dünne Eisenschicht . Der andere Tiegel sollte ohne Gold bleiben , und ihn sollte Seno vor begonnener Schmelzung besichtigen . Hinterher aber wollte ich ihn mit dem andern heimlich vertauschen . So gedachte ich , den Anschein zu erwecken , es habe sich ein Teil des Bleies zu Golde umgewandelt . Weil nun aber zu besorgen war , daß ich , von Seno weggeführt , gleichsam vom Regen in die Traufe kommen , nämlich bloß den Tyrannen wechseln werde , so galt es auch , dem neuen Gefängnis zu entrinnen . Zu diesem Zwecke wollte ich erklären , der Vorrat meiner Tinktur sei erschöpft , und um ihn zu erneuern , bedürfe ich der Mondblume , so im Schlesischen Gebirg in der Schneegrube wachse . Vielleicht , daß ich beim Kräutersuchen meinen Aufpassern entwischen konnte . Einmal draußen , hoffte ich , Mittel zu finden , auch die Jungfer Gräfin zu befreien . Da ich zu meinen Arbeiten im Laboratorio vom