ausfallen , wie er annehme , so wolle er ihr vorschlagen , daß sie öfters zusammenkämen , vielleicht eine Stunde täglich , und in dieser Zeit wollten sie über Literatur , Psychologie oder Sozialismus sprechen , wobei sie sich dann genauer kennen lernen würden , und so werde sich ihre Liebe nicht in phantastischer Weise entwickeln , sondern in genauem Zusammenhang mit der Wirklichkeit und den beiderseitigen psychologischen Tatsachen . Dieser Plan erschien Hansen sehr schön und würdig solcher neuen und vollkommenen Menschen , wie Heller und Helene waren , deshalb lobte er ihn sehr und wunderte sich viel im Innern über die Menschenkenntnis und Klugheit seines Freundes . Da er aber durch seine häusliche Erziehung gewöhnt war , immer an die notwendigen Unterlagen des Lebens zu denken , so fragte er , wie der Freund sich nun seine Absichten weiter ausgedacht habe , wenn alles so eintreffe , nämlich er zu Helene und Helene zu ihm eine Zuneigung fasse . Hierauf erwiderte Heller , daß allerdings an eine bürgerliche Ehe nicht zu denken sei , indessen könnten sie beide als gleichberechtigte und freie Menschen einen Vertrag abschließen , da sie ja ihre Gesinnungen hätten , und er selbst verdiene durch Stunden , die er Gymnasiasten gebe , so viel , daß er seinen eigenen Lebensunterhalt bestreite , und Helene habe gleichfalls ihr Auskommen , da sie einen Beruf und eine Stellung habe ; indem sie aber zusammenlebten , würden sie in manchem noch sparsamer wirtschaften wie jetzt jeder einzelne , wie sich ja im kleinsten schon der Vorteil des Großbetriebes erweise ; so wurden sie zum Beispiel das Mittagessen zwar wie vorher in einer Gastwirtschaft zu sich nehmen , aber das Abendessen würden sie sich zu Hause bereiten , wobei sie nicht nur mehr Glücksempfindungen in sich auslösen könnten , sondern auch sehr viel sparen . Nach diesem fuhr er fort , was Hans in seiner Antwort noch gar nicht beachtet habe , das sei , daß hier einmal eine der seltenen Gelegenheiten gegeben werde , wo zwei Menschen verschiedenen Geschlechtes in durchaus sittlicher Weise zusammenleben könnten . Denn in der auf Unterdrückung und Ausbeutung beruhenden bürgerlichen Ehe , wie wir wissen , ist ein wirtschaftlicher Zwang da für die Frau , daß sie beim Manne bleibt , auch wenn sie aufgehört hat , ihn zu lieben , denn sie würde ohne Unterhalt sein , wenn sie von ihm ginge . Dagegen in dem vorliegenden Falle halte nur die Liebe die beiden Gatten zusammen , und wenn bei dem einen das Gefühl erlösche , das doch das Natürliche sei , weil alle unsere Gefühle eine Kurve beschreiben bis zu einer Höhe und von da wieder bis zum Nullpunkt , so könne dieser dem andern ruhig seinen Zustand enthüllen , und die Trennung des Verhältnisses , das alsdann ja unsittlich sein werde , sei sehr leicht . Nachdem Heller sich durch seine Erzählung und Darlegung Klarheit über seine Absichten verschafft , machte er sich gleich ans Werk , seinen Plan durchzusetzen , ging zu der Speisewirtschaft , wo Helene in ihrer Mittagspause ihr Essen einnahm , und traf sie dort allein an einem Tische sitzend . Es war eine Wirtschaft , wo man für billiges Geld ißt , und die Tischtücher hatten viele Flecken , und ein häßlicher Geruch war in der Luft , und eilfertige Kellner liefen hin und her , indem sie ein großes Klappern mit den Tellern machten . Wie Heller seine Rede ungefähr in der Art vortrug , mit der er zu Hansen gesprochen hatte , wurde Helene ziemlich verlegen , denn in Wirklichkeit wußte sie gar nichts von den Ansichten , die er bei ihr voraussetzte , und hatte nur öfters über manche Reden ihres Bruders lustig gelacht , der jetzt im Gefängnis war , denn sie hielt den für etwas töricht . Nun verstand sie zwar nicht alles von dem , was Heller ihr erklärte , und wußte auch nicht recht , welche Absichten er ihr ausdrücken wollte , weil sie aber sich nie anders gedacht hatte , als daß sie einmal nach ihres Kreises Sitte heiraten werde , etwa einen elegant gekleideten Geschäftsreisenden , der ihr jeden Sonntagvormittag einen Blumenstrauß schickte , solange sie mit ihm verlobt war , so fand sie doch aus der Verwirrung heraus , daß Heller sich mit ihr verloben wolle , aber das solle noch eine Weile geheim bleiben . Deshalb sagte sie unter häufigem Stocken ihrer Rede , sie könne ihm auf seinen Antrag nicht recht antworten und wolle sich das überlegen , was er gesagt habe ; denn da er ein Student war und ihr feiner erschien wie ein Kaufmann , so hatte sie wohl eine gewisse Zuneigung zu ihm . Auf diese Worte erwiderte Heller , daß er keinen andern Bescheid gehofft habe , und sehr zufrieden mit diesem sei ; nur bitte er sie alsdann , daß er sie nun täglich zu einer bestimmten Stunde besuchen dürfe . Auf dieses antwortete Helene , daß ihr Bruder , mit dem sie zusammenlebte , augenblicklich nicht auf einer Geschäftsreise war , und sie verbrächten die Abende immer zusammen in ihrer Stube , und wenn es ihm recht sei , so würden sie beide sich sehr freuen , wenn er sie da besuche ; sobald ihr Bruder aber reise , was in etwa zwei Wochen geschehe , weil da die Saison für den Einkauf der Schweineborsten anfange , so dürfe er nicht mehr kommen , weil sie alsdann allein bleibe , und die Leute würden ihr Übles nachreden , wenn sie ohne Beschützer seinen Besuch empfinge , obwohl er ja ein gebildeter Mann sei . Zwar schien diese Rede Heller nicht ganz das zu sein , was er gemeint hatte , trotzdem aber war er voller Freude und Hoffnung , verabschiedete sich von ihr mit Liebe und erwartete mit Zuversicht den Abend . Unterdessen besuchte Hans den Bruder Helenens , der Kurt hieß , und tat das nicht aus einer besonderen Zuneigung , sondern aus Bescheidenheit ,