sich . Die Strolche fühlten sich sehr geschmeichelt und sagten , wir sollten nur bald wiederkommen . Nachher an der Isarbrücke bis Mitternacht , dann allein an meinem Fenster . Wie gut ist es , so allein zu leben - ob ich es wohl jemals aushalte , mit jemand anderm immer zusammen zu sein ? - Wie soll das später werden ? Auf alle Fälle bin ich entschlossen , erst in mehreren Jahren zu heiraten , wenn wir denn durchaus heiraten müssen . Nach meinem Gefühl wäre es viel schöner , nur hier und da eine Zeit zusammenleben und dann jeder wieder seinen eignen Weg gehen . Ich möchte es immer so haben wie jetzt , nur ans Malen denken und alles tun , was mir einfällt . 30. September Morgen fängt die Malschule an , ich bin in dieselbe eingetreten wie die Dalwendt - für den Nachmittag gehen wir in eine andre zum Modellieren . Der Auszug aus unserm Atelier ging mit Hindernissen vor sich ; die andern hatten schon tags vorher ihre Sachen holen lassen , und die Dalwendt und ich standen ratlos vor einer Horde von Dienstmännern und Modellen , die alle Geld haben wollten . Schließlich luden wir unsre Staffeleien und Modellierböcke selbst auf und trugen sie fort . Wie es mit dem Geld gehen soll , weiß ich überhaupt noch nicht . Bei all den Anschaffungen und dem doppelten Schulgeld bleibt mir zum Leben fast nichts übrig . Ich habe heute alles ausgerechnet , für Kleider , Schuhe , Essen , Trinken und was sonst zum täglichen Leben gehört . Es ist nicht viel . 4. Oktober Unser jetziges Atelier ist ein » gemischtes « , Maler und Malerinnen zusammen . Außer uns noch einige Amerikaner , Polen und ein früherer Offizier , von Baldern . Der , die Dalwendt und ich finden uns in den Pausen als Rauchkollegium zusammen . - Von acht bis elf Uhr arbeiten wir in der Zeichenschule , dann bis eins modellieren , nachmittags noch zwei Stunden zeichnen und dann der Abendakt . Außerdem skizzieren , soviel es geht . Gut , daß ich eine solche Gesundheit habe - was andre Leute angegriffen sein nennen , kenne ich überhaupt nicht . 9. Oktober Natürlich mußte wieder etwas kommen - ich wußte es ja . Die Ruhe konnte nicht dauern , für mich kommt niemals Ruhe . - Wo war mein Verstand , daß ich eine Zeitlang daran glaubte - an ein volles Glück zu Zweien , » mit Weinlaub im Haar « , wie wir in alten Zeiten sagten , in voller Freiheit , schrankenlosem Verstehen bis ins Letzte hinein - an all das , was es nie für Menschen gegeben hat und nie geben wird . Ich hatte vergessen und vergessen wollen , daß es unmöglich ist . - Ich hätte mit allem brechen sollen und für mich allein bleiben . Weil Allersen nach München gekommen ist , um hier weiter zu studieren , verlangt Reinhard von mir , ich sollte nach Berlin zu seinen Verwandten gehen und dort arbeiten . Wir wechseln endlose Briefe darüber , und diesmal gebe ich nicht nach . Von München fort , nachdem ich zum erstenmal die Atmosphäre gefunden , in der ich atmen kann , von der ich alles erwarte . - Unser Glück muß allem andern vorangehen - da liegt es eben - darin fühle ich ganz anders . Ich kann nicht an Zusammenleben und Glück denken , ehe ich mich selbst gefunden habe , und endlich bin ich auf dem Wege dazu ; aber es ist noch alles so unklar und verworren in mir . Man soll mich in Ruhe lassen . - Auf die Höhe hinaufkommen oder daran kaputt gehen , - aber diese beiden Möglichkeiten soll man mir lassen . Wie kann ich da jetzt nach Glück fragen ? Und wenn er soweit nicht mit mir gehen kann , müssen sich unsre Wege trennen . Ich brauche gerade diese Zwanglosigkeit - meine Mutter würde sagen Zügellosigkeit - meines hiesigen Lebens . Und vielleicht ist das auch das richtigere Wort - ich kann keine Zügel vertragen . Wenn ich ihm nur begreiflich machen könnte , daß das alles furchtbarer Ernst ist - vielleicht ist es auch meine Schuld , daß mich niemand ernst nimmt . Sie nehmen mich alle nur von meiner Clownseite , die andre kennt selbst Reinhard nicht - nur ich selbst . Im Grunde bin ich halb gleichgültig dagegen , was nun werden mag . Ich stürze mich nur in die Arbeit . Beim Aufwachen kommt alle Morgen so ein Gefühl , daß irgend etwas Bedrückendes da ist . Im Bett beim Kaffeetrinken denke ich darüber nach , aber dann wird es abgeschüttelt , mit einem Sprung ins kalte Wasser , und für den ganzen Tag vergessen . 20. Oktober Eine ganze Woche briefliche Auseinandersetzungen . Er wirft mir rücksichtslosen Egoismus vor - ja , den habe ich auch , wo es sich um dies eine handelt . » Unser Glück « , immer wieder unser Glück - was einmal auch für mich so schöne volle Worte waren , kommt mir jetzt fast wie eine Redensart vor , wie wenn man bei einem Gottesdienst sitzt , nachdem man längst den Kinderglauben verloren hat . Und ich bleibe bei meinem Nein . - 22. Oktober Wirklich , ich bin ganz verwandelt , mich erregt nichts , macht nichts mehr traurig , mich läßt alles kalt außer dem Arbeitsfieber , das in mir brennt . Ich kann mich nicht mehr teilen - aber ich bin froh , daß das endlich gekommen ist . Durch die Dalwendt lernte ich noch zur Zeit unsres alten Ateliers ein junges Mädchen kennen , sie heißt Marie-Luise und ist sehr eigentümlich und schön mit ihrem gradlinig geschnittenen Gesicht und dem dichten , goldenen Haar . Sie lebt mit ihrem Bruder zusammen , er hat dieselben Züge , nur schärfer und etwas Leidendes drin . Beide leben ganz in Büchern und Gedanken - -