Bevölkerungen ; heute , in den Ländern der allgemeinen Wehrpflicht , ist es das Los aller . Aber was von Fesseln abzustreifen möglich war , das wollte er tun . Dem Majorat entsagen . Mit einem Ruck wäre da die ganze Last der Verwaltungs- und Repräsentations- und sonstiger Pflichten abgewälzt , die ihm seine bisherige Stellung auferlegt und ihn gehindert hatten , sich ganz seiner großen Lebensaufgabe hinzugeben - der Aufgabe nämlich , ein Lehrer , ein Kämpfer , ein Apostel zu sein . Mit Schrift und Wort wollte er seinen Mitmenschen das neue Gesellschaftsideal vor die Seele führen . Das , was er schon verstand , wollte er den anderen verständlich machen und zu dem , was ihm und den anderen noch zu erforschen blieb , wenigstens den Weg weisen . Man kann nicht gleich gefunden haben - erst muß man überhaupt suchen lernen . Dem Majorat entsagen ... es war kein kleiner Entschluß . Aber er empfand ihn nicht als etwas Schweres - eher als etwas Erleichterndes . Als abgeworfenen Ballast zum Höherfliegen . » Unser ganzes Kunststück besteht darin , « sagte Goethe , » daß wir unsere ( bornierte ) Existenz aufgeben , um ( in erhöhter Weise ) zu existieren . « Es blieb ihm übrigens genug Vermögen , um sorgenlos leben und bequem reisen zu können . Die großen Einkünfte , die das Dotzkysche Majorat abwarfen , die gingen ohnehin für die mit dem Besitz verbundenen Verwaltungs- und Repräsentationskosten auf : Der Dienertroß , die gefüllten Pferdeställe , die zur Institution gewordenen gastlichen Veranstaltungen u.s.w. Der Reichtum , dem er entsagte , hätte doch niemals zur Förderung seiner Zwecke dienen können , im Gegenteil : ihn nur physisch und moralisch an deren Erreichung gehindert . Physisch , indem er seine Zeit und Kraft in Anspruch nahm ; moralisch , indem es unmöglich ist , sich für soziale Umwälzungen , für Abschaffung mittelalterlicher Zustände einzusetzen , wenn man seine eigene Existenz auf eine so feudale Einrichtung aufbaut , wie der Fideikommißbesitz . Hätte Rudolf das gleich große Vermögen als frei verfügbares Privateigentum besessen , dann würde er nicht darauf verzichtet haben , denn dann hätte er es in einer zu seinen Plänen und Anschauungen passenden Art verwenden können : z.B. Gründung von Volksbibliotheken , von einem großen Blatte und ähnlichen Dingen . Aber ein Vermögen , das unverkürzt und unversehrt für den nächsten Anwärter erhalten bleiben mußte - das konnte ihn in seinem Wirken nicht fördern - nur hemmen . Daß der geplante Schritt in seinen Kreisen Ärgernis geben und bei allen Standesgenossen - mit Ausnahme des begünstigten Vetters - Tadel erfahren würde , darauf war er wohl gefaßt . Die Bemerkungen konnte er schon hören , die darüber fallen würden : » Immer ein überspannter Kopf gewesen , dieser Dotzky ... Mir war er immer unheimlich ... Im Grunde ist es nicht nur zu dumm - es ist ein Verrat an seinen Standespflichten . - Statt den Platz auszufüllen , auf den ihn sein Geschick gestellt hat , in die Welt hinauslaufen und revolutionäre Doktrinen predigen , wie der erste beste Demagogenführer - eine wahre Schande ! « und was die Variationen des alten » Kreuziget ihn ! « mehr sind . Übrigens : Revolution zu predigen , war gar nicht seine Absicht . Man würde es nur so deuten - auf falsche Deutungen allenthalben war er überhaupt gefaßt . Die einzige Person , bei welcher er überzeugt war , volles Verständnis und Beifall zu finden , war seine Mutter . Nächster Tage wollte er ihr schreiben . Seinen Aufenthalt in der Schweiz beabsichtigte er noch zwei oder drei Monate auszudehnen . Hier konnte er in aller Ruhe und Abgeschiedenheit die Arbeit vollenden , die er - wie es Egidy - mit seinen » Ernsten Gedanken « getan - in die Welt schicken wollte , ehe er mit dem gesprochenen Wort , mit eigener Person hinausginge , das Geschriebene zu vertreten und zu verbreiten . Ehrgeiz war es nicht , was ihn trieb - Frömmigkeit war es . Das Bewußtsein , eine höchste Pflicht erfüllen zu müssen , durch deren Erfüllung man sich selber heiligt und anderen zum Heile verhilft , das ist es , was alle tieffrommen Seelen erfüllt , was zum Beispiel einen Franz von Assisi bewegte , aus einem reichen Lebemann zum Asketen zu werden . Solche Vokationen sind nicht immer natürliche Anlage ; sie erwachen oft - wie dies ja auch beim Stifter des Franziskanerordens zutraf - nach einem in ganz anderer Richtung geführten Lebenswandel . Rudolf hatte zwar seit seiner Kindheit die Idee in sich getragen , daß er die von seinem Stiefvater hinterlassene Aufgabe einst werde übernehmen müssen , aber ganz durchdrungen davon war er lange nicht gewesen . Er sah die Ausführung immer nur wie eine Zukunftssache vor sich , während die Gegenwart ihm mit hundert anderen Interessen ausgefüllt war . Erst nach und nach , infolge gewisser Studien und durch die Berührung mit gewissen von Aposteltum durchglühten Zeitgenossen , erfaßte auch ihn ein immer heftiger werdender Drang , sich dem ganz hinzugeben , was ihm zur Religion geworden ; hinauszugehen und zu predigen , was sein Glaube war , und zu bekämpfen , was ihm als verdammenswerte Ketzerei erschien . Andachtsvoll , hingebend , voll begeisterter Liebe , voll Ehrfurcht für das Göttliche , das ihm vorschwebte , voll Abscheu gegen das Böse , Gemeine und Jammervolle , das die Umwelt ihm noch an allen Ecken und Enden zeigte , das war nunmehr die Verfassung seiner Seele ; - dieselbe Verfassung also , die man - wenn auch mit Bezug auf eine andre Glaubenswelt - mit dem Ausdruck Frömmigkeit zu bezeichnen pflegt . Dieselbe Frömmigkeit , die auch Marthas Seele durchglühte . In tiefes Rachdenken versunken saß er da . Doch war es kein Denken in klaren Worten oder deutlichen Bildern , sondern mehr in Empfindungen . Nicht verkettete Ideen , sondern verkettete Gefühle , aneinander gereihte , ineinander verschlungene Bewußtseinsphasen . Eben war die Table