und dachte nach , woher all das Wasser kam , wohin es ging ; warum fließt es in weiten Streifen und Falten dahin , nicht glatt wie ein Glas ? dachte er . Was rauscht es leise , was schlägt es an die steinernen Pfeiler ? Es fließt der Fluß und stehet nicht Und Gott ist und vergehet nicht murmelte er vor sich hin . Er suchte ein kleines Gasthaus auf , wo er in einem harten Bett , in feuchter Kammer den Rest der Nacht schlaflos zubrachte , von einem Bild gepeinigt , das die wachen Glieder zittern ließ , bis der Leib unwillig zurückkehrte in die Finsternis der Kammer mit dem Lichtfleck von Fenster . Als er am Morgen dem Schulhaus zuschritt , dachte er an seine Frau daheim . Aber sie rückte ihm noch ferner in diesen Gedanken , als da er ihrer vergessen hatte ; sie verschwand in dem Nebel , der die Gassen näßte und emporstieg zum Himmel , um selber während des Tages Himmel zu sein . Im Laboratorium lärmten schon die Schüler . Bei seinem Eintritt wurde es still , und alle erhoben sich . Die Bänke waren amphitheatralisch aufgebaut , Schränke mit Mineralien klebten an den Wänden . Auf dem langen Tisch standen und lagen Retorten , Brennapparate , Röhren , Schmelztiegel , Drahtnetze , Flaschen und Schachteln . Bald nach Beginn des Unterrichts kam der Rektor ; er übergab Bojesen ein kleines Schreibheft und sagte ernst : » Sie sind Ordinarius von Agathon Geyer . Lesen Sie dies und kommen Sie in einer Stunde aufs Rektorat . « Gnädig nickend verschwand er . Bojesen suchte sein Privatzimmer auf , wo ein starker Chlorgeruch herrschte . Auf dem Heft stand : Deutsche Aufsätze von Agathon Geyer . Bojesen blätterte bis zu dem letzten , vom Rektor signierten Thema : Was soll uns die Schule sein ? und las zuerst ziemlich gleichgültig . Die Schrift war schlecht , schattenhaft , fieberhaft ; die Buchstaben schienen aufeinander loszustürzen , besinnungslos hinzutaumeln , dann schien irgend einer plötzlich steif zu stehen , Halt zu gebieten , aber nichts konnte die allgemeine Verwirrung hemmen . Bojesen las mit wachsendem Erstaunen , erst kopfschüttelnd , dann errötend , dann erblassend , und als er am Schluß angelangt war , stützte er den Kopf in die Hand , nickte trostlos vor sich hin und begann das Stück des Schülers noch einmal zu lesen , bedächtiger und immer mehr verwundert , welch klare und fast dichterische Form die glühende Seele des Unmündigen gefunden hatte . Die Schule , so lautete der Aufsatz , sollte uns das Tor zum Leben aufmachen . Sie sollte uns erwachsen machen , mutig und gefahrenkundig . Sie sollte uns zu tüchtigen , edlen Menschen machen . Sie sollte uns die Lehrer lieben lehren und die Lehrer sollten uns lehren , das Leben zu lieben , den künftigen Beruf , die Menschen , die großen Männer der Vergangenheit , die großen Ideen , die Freude an der Freundschaft , an der Natur . Sie sollten uns überlegen sein . Sie sollten uns liebevoll entgegenkommen , damit wir froh würden . Aber ist das alles wahr ? Bereitet uns die Schule für den Beruf vor ? Wenn wir sie verlassen , wissen wir vielleicht , was wir werden sollen , aber nicht , was wir sind . Die Schule speichert Kenntnisse in uns auf , die tot bleiben . Wir werden in unserer Seele nicht harmonisch . Die Natur bleibt uns tot wie das Leben . Niemals werden wir ihre Sprache verstehen . Daran seid ihr schuld und ich muß euch anklagen . Warum kümmern sich die Lehrer nicht um die Seele der Schüler , sondern bloß um das , was sie gelernt haben ? Warum bleiben wir die Stopfgänse , die ihr ausschimpft , wenn sie nicht beständig fressen wollen ? Warum fürchtet man den Lehrer oder verachtet ihn , statt ihn zu lieben ? Ihr seid die Feinde der Schüler , darum spionieren sie nach euren Schwächen ; ihr sitzt auf dem Pult und seid wie ein Buch , statt wie ein Mensch . Was ihr sagt , ist euch leblos geworden , wes es euch langweilt . Warum seid ihr so hochmütig ? seht auf uns herunter von einem Turm , so daß wir ganz klein sind ? zu hochmütig sogar , um uns über das Wichtigste des Lebens aufzuklären ? Warum eröffnet ihr uns nicht daß Geheimnis der Geburt ? Warum tut das die Schule nicht , trotzdem sich so oft Gelegenheit bietet ? Wie viel reiner bliebe dann die Phantasie der Knaben . Jetzt machen sie ellen Schmutz daraus und kichern , blinzeln , erröten bei jedem Gedicht eines Dichters , durchsuchen sogar die Bibel nach jenen Stellen , haben immerfort schmierige Heimlichkeiten . Ist das nicht schrecklich ? Sie haben deshalb keine Ehrfurcht ; vor keinem Menschen und keinem Ding und die ganze Welt ist ihnen etwas Klebrig-Unanständiges . Sie treiben Dinge , an die man nicht denken darf , ohne verrückt zu werden . Warum bemerken das die Lehrer nicht ? Warum verhindern es die Lehrer nicht ? Warum ? Warum sitzt ihr auf eurem Pult und seid durch eine Mauer von uns getrennt ? Niemals können eure Schüler glückliche Menschen werden , und daran seid ihr schuld mit eurem kalten , eisigen Herzen . Jeder , der ins Leben tritt , muß erst euch und eure Schule und eure Lieblosigkeit vergessen ; vielleicht kann er dann Festigkeit erlangen . Aber glücklich wird er nie . Was ich geschrieben habe , mußte ich schreiben und jetzt ist um leicht . Eine unwiderstehliche Stimme im Innern hat mir befohlen . Bojesens Lippen zitterten und seine Arme ; sein Leib zitterte . Es war etwas aufgewühlt in ihm , dessen er sich schämte : der Neid um diesen großen und ahnungslosen Wahrheitsmut . Er war so tief erschüttert , daß er den Raum , in dem er sich befand , nur