diesem Zweck an der Ecke der Behren-und Wilhelmstraße die Droschke ( I. Klasse ) eine Minute halten lassen . Ich kenne ja Deine Pünktlichkeit . Also au revoir ! Der Brief mit dem Couvert stak in der inneren Tasche seines Rockes . Er saß und korrigierte seine Hefte , ganz mechanisch die Fehler anstreichend , eine elegantere Wendung an den Rand , seine Censur unter die Arbeit schreibend , während seine Gedanken in wildem Aufruhr durcheinander stürmten und die Hand ihm wiederholt so zitterte , daß er die Feder mit der roten Tinte niederlegen mußte . Welchen Mut hatte sie ! Und wie mußte sie ihn lieben , um diesen Mut zu haben ! Wie kläglich nahm sich , damit verglichen , die Kleingläubigkeit aus , mit der er alle diese Tage an ihrer Liebe gezweifelt hatte ! Und wie klug war der Brief ! wie scheinbar unverfänglich ! Jeder gute Freund konnte ihn geschrieben haben ! Mit ihr beisammen in der Enge des Wagens ! Hand in Hand ! Es war nicht auszudenken ! Er sprang auf , ging mit hastigen , leisen Schritten ein paarmal durch das Zimmer und setzte sich wieder zu seinen Heften . Der Brief war um sieben Uhr mit der letzten Post gekommen . Er hatte reichlich Zeit . Aber wie die Zeit hinbringen ! Zu lange durfte er auch nicht vom Hause wegbleiben . Er wollte bis um acht zu arbeiten scheinen ; erklären , er könne es nicht mehr aushalten , und mit der Weisung an Auguste oder der Bitte an Klara , ihm sein Abendbrot aufzuheben , davonstürzen . Es war alles nach seinem Wunsch gegangen ; zehn Minuten vor neun stand er an der bezeichneten Ecke . Auf der einen Seite war ein Droschkenhalteplatz ; es handelte sich also allein um die andere . Ein kleiner Vorteil nur ; aber in der Liebe , wie im Kriege , gelten alle , auch die kleinsten . Das Sudenburg ' sche Haus lag eine ziemliche Strecke weiter die Behrenstraße hinauf auf der Seite des Halteplatzes ; ein Wagen , der von dort kam , mußte also , um zu seiner Ecke zu gelangen , über die Straße herüberbiegen und sich so kenntlich machen . Wiederum ein Vorteil . Fortes fortuna adjuvat ! Der Mut der Geliebten war voll in ihn übergeströmt ; in seinen Adern pulste fröhlich das Blut ; seine Wangen brannten ; ein schneidend kalter Wind wehte die Straße herauf ; er fühlte ihn nicht und lachte der Passanten , welche die Kragen ihrer Röcke und Mäntel ängstlich in die Höhe geschlagen hatten . Er fühlte nur , was er in dem Maße Jahre und Jahre lang nicht gefühlt , daß er jung und stark war , und daß es noch Blütenträume gab , die köstlich reiften . Dennoch spürte er , wie jede Minute Wartens mehr an seinen Nerven grausamer nagte . Es wurde neun , zehn Minuten darüber . Und plötzlich überfiel ihn die Furcht , sie würde nicht kommen ; sei vielleicht schon in einem der vielen Wagen , welche von der Friedrichstraße her seine Ecke passiert hatten , an ihm vorbei gefahren , ohne ihn zu sehen , oder ihn sehen zu wollen ; und alles laufe auf einen schlechten Spaß hinaus , den sie , oder eine andere , sich mit ihm gemacht . Noch fünf Minuten wollte er warten ; wenn dann nicht - In seiner zornigen Angst hätte er fast die Droschke nicht bemerkt , die eben von der anderen Seite über die Straße gebogen war und jetzt , fünf Schritte von ihm , still hielt . Mit einem Sprunge war er an der Wagenthür , deren Fenster heruntergelassen war . In die andere Ecke geschmiegt , so daß der Sitz auf seiner Seite frei blieb , saß eine Dame , die jetzt , als er die Thür aufriß , ihm die Hand entgegenstreckte . Er war hineingesprungen und hatte die Thür hinter sich zugeschlagen . In demselben Moment setzte sich auch die Droschke wieder in Bewegung . Er hatte die Hand ergriffen und leidenschaftlich an seine Lippen gedrückt . Die Hand wurde ihm schnell entzogen . Erst das Fenster schließen , sagte ihre Stimme . Nun - Sie hatte ihm statt der Hand den Mund geboten . Und wenn die Erde sich unter ihnen aufgethan hätte , sie zu verschlingen , er würde den letzten Moment als den seligsten seines Lebens gepriesen haben . Auch Klotilde war glücklich . Hatte sie sich in diesen verdrießlichen Tagen doch sehr ernstlich nach einem solchen Moment und seinem Kusse gesehnt ! Aber das Glück , sich den lieben Menschen nun doch erobert zu haben , aller Welt zum Trotz , ohne Adelens schwächliche Güte in Anspruch nehmen zu müssen , raubte ihr nicht die Besonnenheit . Nach dem ersten Erguß stürmischer Zärtlichkeit hinüber und herüber , sagte sie , ihn sanft von sich wehrend : Nun einen Augenblick vernünftig sein ! Wir fahren durch das Brandenburger Thor , die Charlottenburger Chaussee , die Siegesalle hinauf , Tiergartenstraße und so weiter bis zur Landsbergerstraße . Dort steige ich aus und du fährst sofort weiter . Bis dahin ist der Kutscher genau instruiert . Für den Rest mußt Du sorgen . Und wenn wir an Laternen vorüberkommen , bieg Dich in Deine Ecke zurück ! Es wird uns so leicht keiner erkennen . Aber man kann nicht vorsichtig genug sein . So , jetzt darfst Du mir noch einen Kuß geben . Es blieb auch nicht bei diesem zweiten . Küsse , in die sich von seiner Seite kaum ein Tropfen von Sinnlichkeit mischte . Es wäre denn eine Sinnlichkeit gewesen , wie sie Götter empfinden mögen , in deren Adern statt des Blutes Ichor fließt . Der sanfte Druck ihrer schlanken Hand , von der sie den Handschuh gestreift ; die Berührung des weichen Pelzes , mit dem ihr Sammetmantel besetzt war ; der süße Duft , der aus ihrem Haar zu wallen schien ; der