. - 16 Allmählich wuchs Johanne in ihre neue Stellung hinein . Sie lernte manches Nützliche und hörte von Vielem , das sie verblüffte , das sie aber nicht enträtseln konnte . Sie hörte von Spiritismus , Magnetismus , Okkultismus , Magie sprechen , ohne auch nur den geringsten Begriff von all diesen Dingen zu haben . Mit der Zeit nahm sie sich ein Herz und fragte Johannes nach diesem und jenem . Er erklärte ihr vieles . Er sagte ihr , daß all diese Dinge Mittel wären , den Menschen die Blindheit zu nehmen und sie sehend zu machen . Er sagte ihr , daß die Zeit vorüber sei , wo ein alter weißbärtiger Gott im Himmel saß und Regen und Sonnenschein machte , daß man sich unter Gott mehr als Menschenform denken müsse , Geist , Willensäußerung , Kraft , die nicht über den Sternen , sondern in den Sternen regiere . Daß man Gott umso näher trete , je mehr man sich diese Kraft zu eigen mache und den eigenen Willen sowie den der Anderen beherrsche . Zu diesem Zweck seien all diese übersinnlichen Manipulationen , die ihr so unbegreiflich erschienen , nötig . Später würde sie übrigens selbst alles verstehen , selbst mitwirken in diesen Vorgängen , die sie auf eine höhere Stufe der Vollendung brächten . Schließlich sagte er ihr noch , daß die Welt ein kaltes , graues Loch sei , und nur unser Geist , unsere Vorstellung Leben und Gestalten in sie hineinzaubere - unser Geist , der allmächtige Gott . Sie , mit ihrer Phantasie und Liebe zu allem Ungewöhnlichen , war bald ganz für seine Anschauung gewonnen . Sie war ihm grenzenlos dankbar , daß er sich ihr , dem armen , unbedeutenden Mädchen so offenbarte und sie in seine schöne Welt hinaufzog . Sie durchschaute nicht die große Klugheit dieser Art Menschen , die wissen , daß die kleinen Kinder am meisten Geschrei machen , und sich deshalb zuerst an diese mit ihren Lehren wenden . Hier , im Viertel der » Geringen « , die mit der Welt und ihren Gesetzen unzufrieden waren , wo die Jugend mit unterdrückten Wünschen und unmöglichen Zukunftsplänen umherging , fielen alle , selbst die tollsten Verkündigungen auf fruchtbaren Boden . Der Meister scheute es nicht , sich manchmal zu bücken , um eine oder die andere unbedeutende Menschenpflanze aufzuheben und sie in seinen Garten zu setzen , wo sie unter seiner Pflege zum mächtigen Baum emporwuchs . Und Johanne dachte an Angelus , dies blonde , rührende Kind , der mit seinen nackten Füßen und seinen ehrlichen Augen mehr Reklame für Johannes machte , als es der gefeiertste Name hätte thun können . Paulus wirkte nicht wie der sanfte Bruder . Bei ihm wars der wilde , unbändige , herrische Mut , der bezwang , jedem Widersacher seiner Ideen zu Leibe rückte und ihn sich eroberte . Man konnte diesen Menschen , der in so rauher Unmittelbarkeit sich gab , nicht für unehrlich halten . Der Meister war klug gewesen in der Wahl der Beiden . Es erschienen übrigens die mannigfaltigsten Leute bei ihm : Junge Mädchen , die kaum der Schule entwachsen waren und den Drang zu Märtyrerinnen in sich zu spüren meinten , junge Leute , die vom Genuß blasiert waren und nach neuen Erregungen dürsteten , alte Frauen und Männer , denen vor dem Tode graute und die eine Lebensversicherungspolice für ihren Astralleib vom Meister begehrten . Er hatte für alle eine gütige Verheißung , ein aufmunterndes Wort , einen Blick , einen Händedruck , der sie beruhigte , froh machte . Einigen ganz herabgekommenen Leuten half er aus dem Geldschatz , der manchmal reicher , manchmal spärlicher für ihn einlief . Diese Menschen , die er von physischem Untergang errettete , waren des Lobes für ihn voll und riefen ihn als den edelmütigsten Helfer und Menschenfreund aus . Und Johannes ließ sie schreien und seine Verherrlichung in die Welt tragen . Er sah keinen Gott in Christus , aber das Ideal des besten Menschen , dem er ähnlich werden wollte . Deshalb machte er auch keinen Unterschied im Verkehr mit den Leuten und scheute sich nicht , tauben Gräfinnen Privatvorträge über Okkultismus und ähnliches zu halten , junge Mädchen in magnetischen Schlaf zu versetzen , um sie wenigstens vorübergehend hellsehend zu machen , Eines oder des Andern Gebreste zu heilen , geliebte Verstorbene herbeizucitieren . ( Das war eigentlich Paulus ' Stärke ) . Johanne sah mit wachsender Ehrfurcht , wie dieser Mann alles konnte und alles voll immergleicher Würde und Sanftmut that . Und wenn sie überlegte , was schließlich sein Gewinn war ? Er lebte wie ein Eremit , aß Früchte und Gemüse , trank Wasser und ging in einem elenden Wollkleid mit nackten Füßen herum . Er schlief ohne Matratze . Er hatte kein anderes Bestreben , als seinen Mitmenschen nützlich zu sein . Johanne betete ihn an . In jedem Augenblick hätte er ihr Leben fordern können , sie würde es ihm einwandlos hingegeben haben . Er hatte ihre Seele , die krank geworden war im Schmutz der Welt , wieder aufgerichtet , ihr den Glauben an die Menschen und ihren eigenen Wert zurückgegeben . Ohne Schmerz hatte sie dem alten Christengott im weißen Bart gekündigt und war in das mystische Reich der indischen Philosophie hinübergezogen . Es war kalt dort ; es gab keine Musik , keine Engel , keine Festmähler , woran weißgekleidete Märtyrer teilnahmen ; aber man brauchte auch keinem » Herrn « Reverenzen zu machen , denn im Reiche des » Nichts « war jeder Mensch sein eigener Gott und trug seine eigene Krone . Freilich , bis man so weit war und sich durch hunderttausend Verkörperungen durchgearbeitet hatte ! Aber immerhin , das Ziel war des Ringens wert . Mit ganzer Inbrunst gab sich Johanne der Lehre ihres Meisters hin . Hier brauchte sie keinen Argwohn zu haben , keine Enttäuschung zu befürchten . Der Mann trog nicht . 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