ein internationales Schiedsgericht einzusetzen . « Dazu wird es nie kommen , « sagte mein Vater » Es gibt Dinge , die nur ausgefochten und nicht ausprozessiert werden können . Selbst wenn man versuchen wollte , ein solches Schiedsgericht zu errichten - die starken Regierungen würden sich demselben ebensowenig beugen , wie zwei Edelleute , von denen der eine beleidigt worden , ihre Differenz zu Gericht tragen . - Die schicken einander einfach ihre Zeugen und schlagen sich rechtschaffen . » Das Duell ist aber auch ein barbarischer , unsittlicher Brauch - « » Sie werden ' s nicht ändern , Doktor . « » Ich werde es aber wenigstens nicht gutheißen , Excellenz . « » Was sagst denn Du , Friedrich ? « wandte sich nun mein Vater an den Schwiegersohn . » Bist Du etwa auch der Ansicht , daß man nach einer erhaltenen Ohrfeige zu Gericht gehen soll und um 5 fl . Schadenersatz klagen ? « » Ich würde es nicht thun . « » Du würdest den Beleidiger fordern ? « » Versteht sich . « » Aha , Doktor - aha , Martha , « triumphierte mein Vater , » hört Ihr ? Auch Tilling , der doch kein Freund des Krieges ist , gibt zu , ein Freund des Duells zu sein . « » Ein Freund ? Das habe ich nie behauptet . Ich sagte nur , daß ich gegebenen Falls selbstverständlich zum Duell greifen würde - wie ich es übrigens auch schon ein und das andere Mal gethan ; gerade so selbstverständlich , wie ich schon mehreremale in den Krieg gezogen , und bei dem nächsten Anlaß wieder ziehen werde . Ich füge mich den Satzungen der Ehre . Damit will ich aber keineswegs gesagt haben , daß diese Satzungen , wie sie unter uns bestehen , meinem sittlichen Ideal entsprechen . Nach und nach , wenn dieses Ideal die Herrschaft gewinnt , wird der Begriff der Ehre auch eine Wandlung erfahren : einmal wird eine erhaltene Injurie , wenn sie unverdient ist , nicht auf den Empfänger , sondern auf den rohen Geber als Schmach zurückfallen ; zweitens wird das Selbsträcheramt auch in Sachen der Ehre ebenso außer Gebrauch kommen , wie in kultivierter Gesellschaft die Selbstjustiz in anderen Dingen thatsächlich schon verschwunden ist . Bis dahin - » Da können wir lange warten , « unterbrach mein Vater . » So lange es überhaupt Edelleute gibt - « » Das muß auch nicht immer sein , « meinte der Doktor . » Oho , Sie wollen gar den Adel abschaffen , Sie Radikaler ? « rief mein Vater . » Den feudalen allerdings . Edelleute braucht die Zukunft keine . « » Desto mehr Edelmenschen , « bekräftigte Friedrich . » Und diese neue Gattung wird Ohrfeigen einstecken ? « » Sie wird vor allem keine austeilen . « » Und sich nicht verteidigen , wenn der Nachbarstaat einen kriegerischen Einfall macht ? « » Es wird keine einfallenden Nachbarstaaten geben - ebensowenig als jetzt unsere Landsitze von feindlichen Nachbarburgen umgeben sind . Und wie der heutige Schloßherr keinen Troß bewaffneter Knappen mehr braucht - « » So soll der Zukunftsstaat des bewaffneten Heeres entraten können ? Was wird dann aus Euch Oberstlieutenants ? « » Was ist aus den Knappen geworden ? « So hatte sich der alte Streit wieder einmal entsponnen und derselbe wurde noch eine Zeit lang fortgesetzt Ich hing mit Entzücken an Friedrichs Lippen ; es that mir unsäglich wohl , die Sache erhöhter Gesittung von ihm so fest und sicher vertreten zu sehen , und im Geiste verlieh ich ihm selber den Titel , den er vorhin genannt hatte : » Edelmensch « ! Drittes Buch 1864 Wir blieben noch vierzehn Tage in Wien . Es war aber keine fröhliche Urlaubszeit für mich . Dieses fatale » Krieg in Sicht « , welches nunmehr alle Zeitungen und alle Gespräche ausfüllte , benahm mir jede Lebensfreudigkeit . So oft mir etwas von den Dingen einfiel , aus welchen mein Glück zusammengesetzt war - vor allem der Besitz eines täglich teurer werdenden Gatten - , so oft mußte ich auch an die Unsicherheit denken , an die unmittelbare Gefahr , welche der in Aussicht stehende Krieg über mein Glück verhängte . Ich konnte desselben , wie man zu sagen pflegt , » nicht froh werden « . Der Zufälligkeiten von Krankheit und Tod , von Feuersbrunst und Überschwemmungen - kurz , der Natur- und Elementardrohungen giebt es genug ; aber man hat sich gewöhnt , nicht mehr daran zu denken , und lebt trotz dieser Gefahren in einem gewissen Stabilitätsbewußtsein . Doch wozu haben die Menschen sich auch noch willkürlich selbst verhängte Gefahren geschaffen , und so den ohnehin vulkanischen Boden , auf den ihr Erdenglück gebaut ist , noch eigenmächtig und mutwillig in künstliches Schwanken versetzt ! Zwar haben sich die Leute daran gewöhnt , auch den Krieg als Naturereignis zu betrachten und denselben als vertragsaufhebend in einer Linie mit Erdbeben und Wassernot zu nennen - daher auch so wenig als möglich daran zu denken . Aber ich konnte mich in diese Auffassung nicht mehr finden . Jene Frage : » Muß es denn sein ? « von welcher einst Friedrich gesprochen , die hatte ich mir mit Bezug auf den Krieg oft mit » nein « beantwortet ; und statt Resignation empfand ich dann Schmerz und Groll - ich hätte ihnen allen zurufen wollen : » Thut es nicht ! - thut es nicht ! « Dieses Schleswig-Holstein und die dänische Verfassung - was ging denn das uns an ? Ob der » Protokoll-Prinz « die Grundgesetze vom 13. November 1863 aufhob oder bestätigte - was war denn das uns ? Aber da waren alle Blätter und Gespräche nur immer voll von Erörterungen über diese Frage , als wäre das das Wichtigste , Entscheidendste , Weltumwälzendste , was sich denken läßt , sodaß die Frage : » Sollen unsere Männer und Söhne totgeschossen